So ticken also die Deutschen

Wie leben eigentlich mit unseren nördlichen Nachbarn? Was beschäftigt sie? Das Buch «50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind» liefert Antworten. Witzig, subjektiv, subversiv.

Des Deutschen liebstes Kind: Dem Auto widmen unsere nördlichen Nachbarn viel Zeit und Geld.

Des Deutschen liebstes Kind: Dem Auto widmen unsere nördlichen Nachbarn viel Zeit und Geld.

(Bild: Keystone)

Viel Bier, schwere Kost, lautes Auftreten: Solches und Ähnliches gehört aus Sicht mancher Schweizer mit zum Image der Deutschen. Ebenso wie Pünktlichkeit, Gastfreundschaft und Festfreude.Doch wie steht es eigentlich um solche Klischees? Die Hamburger Journalistin, Autorin und Kulturwissenschaftlerin Katrin Wilkens lässt in ihrem neuen Buch «50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind» deutsche Eigenheiten Revue passieren. Pfiffig und respektlos. «Unerträglich pünktlich»«Jeder Gartenzwerg hat ein Steh-gerade-Diplom, und unser liebstes Hobby ist es, nach getaner Arbeit uns mit einem Glas Rotwein ins Wohnzimmer zu setzen und uns doof zu finden.» Peng. Gleich zu Beginn liest Katrin Wilkens ihren Landsleuten die Leviten. Da tönt plötzlich so gar nichts mehr nach lautem Selbstbewusstsein. Und im Schnellzugtempo hält Wilkens ihnen und auch sich selber auf gut 200 Seiten noch und noch den Spiegel vor. Beim Thema Pünktlichkeit, als Beispiel, schreibt sie: «Die Deutschen () sind so unerträglich pünktlich, dass es nervt. Ein Sizilianer und ein Friese können sich niemals an einem Ort treffen. Ist der Italiener da, ist der Friese weg.»Beim Kapitel «Das Auto – des Deutschen liebstes Kind» tönt es dann so: «Der Deutsche mag sein Auto gern reinlich und voll eingerichtet. Deswegen kauft er ebenso viel Brimborium für diesen Zustand wie eine einsame Witwe für ihren Pekinesen.»Und bei der Frage: «Welches Fest sagt am meisten über die Deutschen aus?», antwortet Wilkens: «Helau: Karneval. Wer einmal den Februar in Köln verbrachte und Sparkassenabteilungsleiter sah, die sich als Biene Maja verkleideten, und wer an Weiberfasnacht dickbusige Vorstadtgattinnen beobachtete, die ein Rathaus stürmten, um dem Bürgermeister eine Uli-Stein-Krawatte abzuschneiden – der wendet sich entweder angeekelt ab oder findet solch ein Ausser-Kontrolle-Sein samt Kollektivbesäufnis und Strassengrölen ganz nett anzusehen.»Scham, Party, MenschlichesKatrin Wilkens bedient sich für ihr Buch eines breiten Themenspektrums: von der Sportbegeisterung über Modern Talking bis hin zu Spiessigkeit, Ordnungsliebe und allgemein «Menschlichem». So erfährt man ebenfalls, dass viele Deutsche sich dafür schämen, weil sie lieber «Deutschland sucht den Superstar» schauen als den Kultursender «Arte» (sich jedoch nicht getrauen, dies auch zuzugeben). Oder dass Party feiern «harte Arbeit und irgendwie wie der Kirchgang eine Pflicht» sei. Obwohl an Partys reichlich Bier fliesst. Und weiter, dass die Deutschen oft und gerne grübeln. «Zwar mitunter nur über die Frage, ob wir Würmchen oder Chipsletten zur WM aufreissen sollen. Aber das Grundmuster – viele Gedanken systematisch einem Thema zu opfern – funktioniert.» Das Buch der 39-jährigen Autorin ist gnadenlos subjektiv – doch genau das macht den Reiz beim Lesen aus. Vieles trifft Wilkens wohl voll auf den Punkt, und bei manchem schiesst sie (bewusst) übers Ziel hinaus. Eine witzige, subversiv angehauchte Lektüre über ein Land und seine Bewohner, welche uns noch nie einfach gleichgültig waren.

Katrin Wilkens, «50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind», Westend, 208 S.

Berner Zeitung

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