«Stark ist der, der auf den Tisch haut»

König der Kurzgeschichte, Idol vieler Autoren: George Saunders' Roman «Lincoln im Bardo» gewann den Booker-Preis und liegt jetzt auf Deutsch vor.

Über Lincoln schreiben, wie noch niemand über Lincoln geschrieben hat, war George Saunders grosse Herausforderung. Foto: Eric Felton (Getty Images)

Über Lincoln schreiben, wie noch niemand über Lincoln geschrieben hat, war George Saunders grosse Herausforderung. Foto: Eric Felton (Getty Images)

Jonathan Franzen verehrt Sie so wie Thomas Pynchon und Zadie Smith. Im «New Yorker» wurden Sie sogar mit Kafka verglichen.Kafka? Wir wissen beide, dass das grosser Blödsinn ist.

Aber auch der verstorbene David Foster Wallace hat gesagt: «George Saunders ist der aufregendste Schriftsteller der USA.»Ich bin ein Mensch, der wenig Selbstvertrauen hat. Deshalb zwinge ich mich ja, Lob nicht allzu ernst zu nehmen. Den ersten grösseren Erfolg hatte ich mit über 50, was auch daran lag, dass ich mich lange mit Psychospielchen selbst unter Druck gesetzt habe. Ich bin mir sehr bewusst, was Erwartungen bei einem Autor anrichten können.

Kommen Sie aus einem Bücherhaushalt?So halb. Ich bin ein Arbeiterkind, aufgewachsen im Süden Chicagos. Meine Eltern waren nicht auf dem College, aber mein Vater hat jedes Buch gekauft, das ihm irgendwer empfohlen hat. Wir Saunders waren auch immer Geschichtenerzähler, väter- wie mütterlicherseits. Du sitzt als Kind in der Küche, erzählst, was dir zugestossen ist, und die ganze Verwandtschaft hält den Mund und hört dir zu. Und plötzlich begreifst du, wie mächtig du bist.

Diese Macht wollten Sie zuerst aber nicht nutzen. Sie besitzen einen Abschluss in Geophysik, arbeiteten als Türsteher und Dachdecker und in einem Schlachthaus. In Sumatra haben Sie für eine Firma Öl gesucht.Ich war damals Anfang 20 und driftete ein bisschen durchs Leben. Sumatra war interessant, aber dann badete ich aus Versehen in einem Fluss voller Affenscheisse und wurde krank. Zu Hause bildete ich mir dann ein, eine Art zweiter Jack Kerouac werden zu können, und begann, Short Storys zu schreiben. Über Seite drei kam ich aber meistens nicht hinaus. Damals war Raymond Carver ziemlich berühmt, und zufällig las ich, dass er an der Uni in Syracuse, New York, Creative Writing unterrichtete. Also bewarb ich mich.

Sie wurden 1986 aufgenommen, mussten dort aber zunächst im Pick-up schlafen.Ich hatte zu wenig Geld dabei, es reichte nicht für die Kaution des Studentenzimmers. Aber es war sehr aufregend, dort anzukommen, was ich für die Welt der Schriftsteller hielt. Und einschüchternd. Wir waren zu sechst im Studiengang, und alle waren besser als ich. Ausserdem musste ich mir darüber Gedanken machen, wer George Saunders eigentlich war und was er zu sagen hatte. Aber ich mochte die Antwort nicht.

«Ich finde diesen Armer-Poet-Ansatz als Familienvater unverantwortlich.»

Was wäre die Antwort gewesen?Du kommst aus der Arbeiterklasse, du hast keine Ahnung von Kunst, dein Vater hat einen Pizzaladen geführt, der auch noch abgebrannt ist, du redest zu schnell, deine Gedankensprünge kann keine Sau nachvollziehen. Zehn Jahre wollte ich nicht ich selbst sein. Die Sachen, die ich schrieb, waren deshalb langweilig.

Wie fanden Sie zu sich zurück?Ich habe Paula kennen gelernt. Sie wollte auch Schriftstellerin werden und war im Kurs über mir. Nach drei Wochen waren wir verlobt. Paula wurde in den Flitterwochen schwanger, und dann ging alles sehr schnell. Ich machte meinen Abschluss und wir zogen nach Rochester. Ich musste schnell Geld verdienen.

Keine idealen Bedingungen für einen Schriftsteller.Ich finde diesen Armer-Poet-Ansatz als Familienvater unverantwortlich. Die Perspektive, Jahre in Armut zu leben, um das geniale Buch zu schreiben, hätte mich sogar noch mehr unter Druck gesetzt. Also ging ich arbeiten. Angefangen habe ich als technischer Redaktor in einem Pharmaunternehmen. Hauptsächlich kopierte ich Berichte. Manchmal unterrichtete ich zusätzlich noch an einem Telekolleg und gab am Samstag Gitarrenunterricht. Unsere zweite Tochter kam zur Welt, und ich war schrecklich müde in dieser Zeit.

Wann haben Sie geschrieben?Meine offizielle Arbeit sollte nicht leiden. Deshalb blieb ich manchmal länger, um an einer Geschichte zu feilen. Ab und zu schlich ich mich auch heimlich in den Kopierraum und schrieb ein paar Sätze auf. Das Schreiben gab mir in diesen Jahren Halt. Ich konnte mir die abgefahrensten Sachen ausdenken, weil ich ja wusste: Niemand da draussen wartet auf George Saunders.

1996 kam Ihr erstes Buch heraus. Aber berühmt wurden Sie erst 2013 mit den Short Storys «Zehnter ­Dezember». Das «New York Times Magazine» schrieb: «Saunders hat das beste Buch geschrieben, das Sie in diesem Jahr lesen werden.»Am Tag, als der Artikel online ging, platzte mein E-Mail-Postfach. Ich fuhr nach New York für die erste Lesung, nach Brooklyn, lief zum Buchladen und sah 1000 Menschen auf dem Gehsteig stehen. Ich fragte, worauf sie warteten. Sie sagten: auf dich.

«Wie viel Empathie soll man gegenüber Trump-Anhängern aufbringen? Manche sagen, gar keine. Andere sind der Meinung: 100 Prozent. Beides erscheint mir nicht richtig.»

Ist Ihr erster Roman, «Lincoln im Bardo», überhaupt ein Roman?Die Literaturkritik musste sich mit Begriffen wie «oral history» und «griechischer Chor» behelfen, um zu beschreiben, was hier passiert. Wenn ich etwas schreibe, das auch jemand anderes hätte schreiben können, kriege ich schlechte Laune. Ich wollte diesen Roman schon vor 20 Jahren schreiben, aber es ist mir nicht gelungen. Ich habe lange gebraucht, um die passende Form zu finden.

«Lincoln in Bardo» handelt von Willie, seinem Sohn, der 1862 an Typhus stirbt. Lincoln müsste in Trumps Zeiten doch populär sein.Für amerikanische Leser gibt es fast nichts Langweiligeres, als noch ein Buch über Lincoln zu lesen. Aber als Schriftsteller musst du etwas riskieren, alles andere ist Zeitverschwendung. Und irgendwann fühlte ich mich herausgefordert: so über Lincoln zu schreiben, wie noch niemand über ihn geschrieben hat.

Das kann man wohl sagen. Der Roman spielt fast komplett auf einem Friedhof, fast alle Figuren sind mehr oder weniger tot oder befinden sich in einem geisterhaften Zustand, den Sie den Bardo nennen.Bardo ist ein tibetisches Wort für Übergangszustand. Meine Figuren sind gefangen in einem Zwischenraum: zwischen dem Tod und dem, was noch kommt. Wenn Gespenster im Spiel sind, muss man die Geschichte ein wenig erden, damit sie glaubhaft bleibt. Ich habe also historische Passagen eingewoben, damit meine Leser das Gefühl bekommen: Das ist ein bisschen abgefahren, aber wahrhaftig wirkt es trotzdem.

Sie sind Katholik, haben sich aber in den letzten Jahren dem Buddhismus zugewendet. Spielt der Roman auch deshalb im buddhistischen Bardo? Das Konzept vom Bardo ist viel interessanter als das christliche Fegefeuer, wo man einfach nur brennend seine Sühne leistet. Was im Bardo passiert, ist davon abhängig, welche Neurosen und Gedanken die Menschen vor ihrem Tod hatten. Deswegen passiert dort auch viel Lustiges und Seltsames. Die Figuren in meinem Roman verstehen zum Beispiel nicht, dass sie schon gestorben sind.

Ist das auch Ihr Blick auf uns? Menschen, in einer Zwischenwelt gefangen und unfähig zu erkennen, wie es wirklich um uns steht?Ich dachte mir: Wenn es mir gelingt, glaubhaft vom Leben nach dem Tod zu erzählen, erzähle ich auch alles Wichtige über das Leben selbst. Meine Gespenster wollen nicht einsehen, dass sie tot sind. Wir Lebenden wollen nicht einsehen, dass wir sterben werden. Wenn wir aber einsehen würden, dass wir sterbliche Kreaturen sind, würden wir uns dann nicht mehr umeinander bemühen, freundlicher sein, mitfühlender?

Das scheint aber, wenn man sich die Welt anschaut, nicht leicht zu sein.Es ist das Schwierigste, was man sich vorstellen kann. Wie viel Empathie soll man etwa gegenüber Trump-Anhängern aufbringen? Manche sagen, gar keine. Andere sind der Meinung: 100 Prozent. Beides erscheint mir nicht richtig. Auch mit dem trauernden Lincoln sollte man es sich nicht zu einfach machen. Er ist auch ein US-Präsident, der Krieg führt und für dessen Überzeugungen Hunderttausende sterben müssen. Das Interessante an Empathie ist ja auch, dass man um sie ringen muss. Aber ich habe auch das Gefühl, in einer Gesellschaft zu leben, in der Empathie als Schwäche ausgelegt wird. Stark ist der, der auf den Tisch haut. Aber es wäre langweilig, dies hinzuschreiben. Das wäre Propaganda und keine Literatur. Also sind in meinen Büchern die Menschen hin- und hergerissen zwischen einer arschigen Haltung und Mitmenschlichkeit.

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