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Unrecht + Unrecht = Recht?

Philosophische Spekulation, vermischt mit Thrill und Hellseherei: Der rabenschwarze Thriller «Mysterium» des Argentiniers Federico Axat ist grossartige Unterhaltung.

Vom Ingenieur zum Autoren mit feiner Klinge: Federico Axat (41).
Vom Ingenieur zum Autoren mit feiner Klinge: Federico Axat (41).
zvg

Das Setting von Federico Axats Thriller «Mysterium» liest sich wie eine kühne Mixtur aus Aki Kaurismäkis Thriller-Farce «I Hired a Contract Killer» aus den 1990er-Jahren und Prosaelementen des Sprachspielers Julio Cortázar: Motive einer melancholischen Groteske wie in den Filmen des finnischen Regisseurs stehen da vereint mit philosophischer Fantastik, wie sie dem argentinischen Literaten zu Lebzeiten eine mythische Aura verliehen hatte.

Federico Axat, 1975 in Argentinien geboren, schlug sich jahrelang als Ingenieur durch, ehe er zum Schreiben fand. Zuletzt legte er 2016 mit ­seinem Roman «Die Verwandlung des Schmetterlings» die Geschichte einer Jungenfreundschaft vor, die sich als schwarze «criminal education» lesen lässt. In seinem nun in über 30 Sprachen übersetzten Thriller zeigt er sich ganz Cortázar-Schüler.

Meisterstück im Plot

«Ted McKay wollte sich gerade eine Kugel in den Kopf jagen, als es an der Tür klingelte» lautet die grandiose Eröffnung des Buches. Was folgt, ist ein kleines Meisterstück in Sachen Plotting. Eben hatte man noch gemeint, das Leben des erfolgreichen Geschäftsmannes McKay sei wegen einer tödlichen Erkrankung an sein Ende gekommen. Dann erfährt die Story mit einem Mal eine irre 360-Grad-Wendung, deren Schilderung geradezu danach schreit, in Filmbilder verwandelt zu werden.

Eben hiess es noch: «Ted hatte seinen Selbstmord sorgfältig geplant. Und es war keine impulsive Entscheidung gewesen, die alles dem Zufall überliess.» Nachdem Lynch, der ungebetene Gast und Abgesandte einer sogenannten «Organisation», die entstandenes Unrecht «auf ihre Weise» korrigiert, McKay einen ziemlich abenteuerlichen Vorschlag gemacht hat, klingt das Ganze plötzlich anders: «Lynchs Idee war verlockend.»

Und so rollt eine Thriller-Groteske an, die die ebenso spannende wie philosophische Grundfrage stellt: Lässt sich entstandenes Unrecht durch unrechte Handlungen nachträglich in Recht verwandeln? Als Ted den Auftrag erhält, einen gewissen Blaine zu eliminieren, der angeblich tonnenweise Schuld auf sich geladen haben soll, sieht er die Möglichkeit gekommen, dem geplanten Suizid am Ende sogar etwas Sinnvolles abzubringen.

«Wir sind in dieser Geschichte die Guten, Ted», wird sein Auftraggeber nicht müde, ihm zu versichern. «Wir glauben, dass jemand, der mordet, sterben muss. Und wir tun nichts weiter, als diejenigen, die das System ausgetrickst haben, mit denen in Verbindung zu bringen, die ihr Leben für eine gerechte Sache hergeben wollen.»

Also schreitet McKay zur Planung. Der Deal erscheint ihm so simpel wie genial: «Sie töten Blaine. Und verhelfen damit der Gerechtigkeit zum Sieg.» Doch was – und diese Frage stellt sich plötzlich für McKay – wird am Ende aus ihm selbst, wenn «jemand, der mordet, sterben muss»?

Kühner Umkehrschluss

Wie sich in dieser rabenschwarzen, hoch unterhaltsamen Komödie philosophische Spekulation mit rasanten Thrill und Hellse­herei mischen, ist mitreissend. Jorge Louis Borges, neben Julio Cortázar der Altmeister der argentinischen Fantastik, bekannte augenzwinkernd: «Wenn ich mein Leben noch einmal leben dürfte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.» Um diesen kühnen philosophischen Umkehrschluss kreist Axats geniales Buch.

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