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Vom Miniglück, in London Schokotörtchen zu essen

In ihrem neusten Roman seziert Marlene Streeruwitz einen im Business erfolgreichen, in der Liebe gescheiterten Manager.

Marlene Streeruwitz ist, drastisch gesagt, eine Autorin, die mit Skalpell und Zitronensäure arbeitet. Erst wird sorgsam seziert, dann kommt nicht etwa Wundbalsam auf die behandelte Stelle, sondern ein Ätzmittel. Etwas lakonischer könnte man auch sagen: Sie nutzt konsequent das Stilmittel der satirischen Übertreibung, um Machtverhältnisse schön plastisch hervortreten zu lassen.

Das Geld fordert seinen Tribut

Mehr als bisher gilt das für ihren neuen Roman, dessen Titel «Kreuzungen» sich auf die kreuz- und querlaufenden Gedankenströme der Hauptfigur beziehen lässt: Ein schwerreicher Wiener Financier hat biografisch den Punkt erreicht, an dem das Geld totale Macht über ihn gewonnen hat – so total, dass Geld keine Rolle mehr spielt. Oder fast. Denn die Fixierung aufs Geld fordert ihren Tribut: «Er musste dieses Geld bekommen. Die Summen, mit denen er Lilli halten konnte, wurden ungeheuerlich.» Lilli ist seine Frau und hat unglaubliche Macht über ihn – aus einem trivialen, unverschämt gefühlsduseligen Grund: «Mit ihr war er jung gewesen. Sie war die Zeugin seiner Jugend.» Sie hat seinen Erfolg mit begleitet, ja von ihr hat er sich getrieben gefühlt, Geld anzuhäufen.

Doch statt Hochachtung für seinen Erfolg erntet er von ihr, meint er jedenfalls, nur Spott, sexuelle Demütigung, Aggression. Weil er sie allem Geld zum Trotz nicht beherrschen kann, will er sich von ihr «abtrennen». Dabei soll ihm seine Psychotherapeutin helfen; wobei die Ironie darin besteht, dass Lilli in der Wahrnehmung ihres trennungsbereiten, aber auf sie fixierten Gatten angeblich alles unternimmt, um ihren Hass auf ihn in eine Scheidung mit satter Abfindung umzumünzen.

Unser Held versucht nun, professionell wie er ist, auch dieser psychischen Niederlage einen Gewinn abzutrotzen: Er will sich quasi ein neues Leben kaufen. Den ersten Schritt dazu unternimmt er, nach einer Zahnoperation, die ihm zu sinnbildlichen neuen Beisserchen mit Titanschrauben verhilft, in Venedig; dort lässt er sich – Thomas Manns Gustav Aschenbach winkt von fern – von einem schon reiferen Lustknaben namens Gianni seine eigenen geschlechtlichen Fixierungen spiegeln. Die spezielle Kunst Giannis, eines gestrandeten Lyrikers aus Osteuropa, besteht darin, ausgewählte Mahlzeiten zu sich zu nehmen und die entsprechenden Exkremente zu präsentieren; unser Financier überweist ihm dafür Geld.

Das bleibt nicht die einzige Reverenz an die beim Geldadel beliebte aktuelle Kunst in diesem Roman; auch Damien Hirsts Diamantschädel als Summum der Kaufkraftabschöpfung kommt schliesslich vor. Die Kotkunst erinnert noch dazu an spezifisch österreichische Traditionen der Exkremental-Interpretation, von Sigmund Freuds Psychoanalyse, die anale Fantasien und Geldgier in Zusammenhang brachte, über den Aktionisten Hermann Nitsch bis hin zu dem «Kackabet», mit dem jüngst die Gruppe Gelitin für Aufsehen sorgte.

Die Erleichterung, die unserem Top- Financier diese Naturformen der Kunst verschafften, hat Folgen: Er will wieder heiraten – allerdings dieses Mal vertraglich durchgeregelt bis hin zur sauberen In-Vitro-Zeugung von Kindern (die er als Projektionsflächen für seine Fantasien schätzt). Denn die «nachbürgerliche Neigungsehe» war gescheitert. Hier setzt es noch den – nicht ganz einzigen – gezielten Seitenhieb auf die Schweiz ab: «Die nächsten Ehen dann ohnehin mit Ehevertrag und in der Schweiz. Da wurden Verträge noch ernst genommen. Da hatten die Männer auch noch nicht alles aufgegeben.»

Aber die Unschuld ist dahin, der Pakt mit dem Geld schwer löslich. Das merkt auch unser Held. Die von einer polnischen, also klischeeläufig zwielichtigen Heiratsvermittlerin in Zürich auserwählte Kandidatin erscheint ihm doch zu sehr durch die Macht des Geldes – seines Geldes – manipuliert. Es gibt kein Entrinnen aus dem selbstgebauten Gefängnis des Misstrauens und des Machtmissbrauchs. Oder doch? Bevor die Falle zuschnappt, entwindet sich der Geldsack und findet im puren Genuss eines, ausgerechnet, Schokotörtchens vom superteuren Londoner Hoflieferanten Fortnum & Mason endlich zu sich.

Ein wenig erspriessliches Innenleben

Bis dieses schräge Finale erreicht ist, gilt es sich in ein wenig erspriessliches Innenleben hineinzudenken; die Elemente dazu werden von Marlene Streeruwitz in jenem oft stakkatohaften, am inneren Monolog geschulten Stil geliefert, der ihr Markenzeichen ist und der in ihren besseren Büchern, wie in ihrem letzten Roman «Entfernung», soghafte Qualitäten erzeugt.

Doch dieses Mal hinterlässt, so scharf die Diagnose sein mag, die Lektüre einen schalen Beigeschmack; denn abgesehen davon, dass einem die geschilderten Widerlichkeiten mit der Zeit an die Nieren gehen, hat die Introspektion des Helden zu konstruiert karikaturhafte, dadurch unglaubwürdige Züge (am kuriosesten ist, dass unser Materialist angeblich Henry James liest).

Schade, denn das hoch brisante Thema – die Psychostruktur eines Neokapitalisten, der alle Beziehungen seinem Machtdenken opfert – fällt den Verzerrungen und ironischen Übertreibungen, durch die dieser Typus in überspitzter Reinform dargestellt wird, zum Opfer. Zudem ist die Moral von der Geschicht am Schluss doch arg schlicht: Geld korrumpiert alles, ganz sicher den zwischenmenschlichen Umgang, und den Sex sowieso. Nur, diese Erkenntnis will uns weder gänzlich neu noch sonst wie revolutionär erscheinen.

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