«Wärt ihr desertiert?»

Yishai Sarids grossartiger Roman «Monster» erinnert daran, dass zum Umgang mit dem Holocaust von Anfang an der Widerspruch zwischen Abstraktion und Genauigkeit gehört hat.

Das Mahnmal für die Deportierten erinnert im israelischen Yad Vashem an jene Millionen, die mit Viehwaggons in die Lager transportiert wurden. Foto: Michael Bracey (Alamy Stock Photo)

Das Mahnmal für die Deportierten erinnert im israelischen Yad Vashem an jene Millionen, die mit Viehwaggons in die Lager transportiert wurden. Foto: Michael Bracey (Alamy Stock Photo)

Wenn es demnächst für das Menschheitsverbrechen des Holocaust keine Augenzeugen mehr gibt, schwächen sich die moralischen Ansprüche an seine Darstellung nicht ab, sie werden offenbar eher schärfer. Man kann diese Ansprüche mithilfe eines Romans formulieren, der sie eben wirklich selbst aufstellt: der beeindruckende dritte Roman des israelischen Rechtsanwalts und Journalisten Yishai Sarid.

Er heisst «Monster» und hat die Form eines Briefes an eine schattenhafte Figur im Hintergrund. «Sehr geehrter Herr Direktor von Yad Vashem, dies hier ist der Bericht über das, was dort vorgefallen ist.» Der Briefschreiber ist ein junger israelischer Historiker, der – mangels besserer Möglichkeiten, wie er betont – Experte für das Lagersystem der Nazis geworden ist. Er scheint keine Vorfahren zu haben, die in Europa umgekommen sind, fliegt aber, um Geld für seine Familie zu verdienen, regelmässig nach Polen. Da arbeitet er als Guide in den Gedenkstätten in Auschwitz, Majdanek,Sobibor.

Während der Erzähler also im Rahmen seiner Doktorarbeit «Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg» die grässliche Logik des Verwaltungs­massenmords studiert, sieht er an den Besuchergruppen, wie die Erinnerung an die Schoah zur abstrakten Angelegenheit wird. Sarid parallelisiert da die Abstraktheit des Vernichtungssystems mit der Routiniertheit des Gedenkens, und in diesem Vergleich besteht das Monströse, das der Titel ansagt.

Ins Lagersystem gedacht

In aller Sachlichkeit des Berichts an einen Vorgesetzten schildert der Erzähler, wie er an diesem Verhältnis leidet und wie er sich deshalb nur umso rückhaltloser vor Augen führt, was geschehen konnte. Bis er die Vergangenheit an der Rampe von Auschwitz lebendig vor sich hat: «Ich versuchte zu hören, was sie sagten. ... Wo sind meine Frau und das Kind. Steh gerade, hier fragt man nicht, wer seid ihr, wie lange seid ihr da.» Er denkt sich so sehr in das Lagersystem hinein, «als wäre die Aktion in vollem Gang und ich sei mitverantwortlich für ihre Planung und Durchführung und für die Einhaltung der Zeitvorgaben».

Yishai Sarids Erzähler vermittelt die Erkenntnis: Man kann wissen, wie viele Millionen getötet worden sind, mit welch technischem Plan. Und man kann die Leidenswege Einzelner kennen, sie sind dokumentiert. Nur beides geht nicht ins selbe Bild, das millionenfach individuelle Sterben ist undarstellbar. Was grässlicherweise dem ideologischen Kalkül der Nazis entspricht. Einer der moralischen Ansprüche, die sich an Romane über die Schoah deshalb stellen, ist, dass sie dieses Dilemma nicht verflachen. Sarids Erzählung reisst den Widerspruch neu auf.

Der Widerspruch zwischen Abstraktion und Genauigkeit gehörte von Anfang an zum Umgang mit der Schoah. Das hat schon Hannah Arendt mit ihrem Buch «Eichmann in Jerusalem» erfahren müssen. Arendt ist für dieses Buch im New Yorker Intellektuellenmilieu, in dem sie lebte, schwer kritisiert worden. Man fragte sich, was ihre Erkenntnis bedeuten sollte, dass der Massenmord banalisiert worden war, als er in industriellem Massstab geplant wurde und eine ganze Gesellschaft zu Mittätern gemacht hatte. In der Überzeugung, dass man das nur im Einzelfall begreifen kann, füllte die Oral History ihre Archive mit Zeitzeugenberichten. Hannah Arendt hat später darauf beharrt, dass der Schrecken der NS-Diktatur gerade darin bestand, das Töten zum Bestandteil einer «Neuen Ordnung», zur Normalität gemacht zu haben. Was die Untertanen dieser Ordnung ihrer «persönlichen Verantwortung» aber nicht entschlug, wie sie weiter schrieb.

Der israelische Rechtsanwalt und Journalist Yishai Sarid. Foto: PD

Auch dieses Dilemma lässt Sarid seinen Protagonisten durchmachen. Einmal fragt er eine Gruppe israelischer Soldaten, die er durch eine Gedenkstätte führt: «Hättet ihr damals im Militär gedient ... und eure geliebte Heimat hätte sich im Krieg mit Feinden an allen Fronten befunden – wärt ihr dann desertiert, wenn ihr erfahren hättet, dass irgendwo weit weg, im Osten, schmutzige Arbeit getan wird?» Ein paar Schüler hört er «in Majdanek auf dem wenige Hundert Meter langen Weg von den Gaskammern zu Mausoleum und Krematorium» einander zuflüstern: «Araber, so müsste man es mit den Arabern machen.»

Sarids Erzähler richtet seine Frage «Was hättet ihr getan?» an israelische Landsleute. Womöglich geht es dabei weniger um eine Grenzüberschreitung als um die allgemein existenzielle Überlegung, wie man sich als Einzelner zu den Systemen, Regierungen, Betrieben und Ideologien verhält, in denen man immer feststeckt und von denen man abhängt. Die Frage heisst: Was hätte mich daran gehindert, mich schuldig zu machen? Man darf hoffen, dass da etwas gewesen wäre, und man muss wissen: eher nichts.

Die einzige erträgliche Form

Diese Einsicht nicht zu verharmlosen, ist der moralische Anspruch, den Yishai Sarid stellt. Zumal er ihn bis zu einem letzten Problem durchdenkt. Schon Hannah Arendt hat man die Bemerkung in «Eichmann in Jerusalem» am übelsten genommen, dass, wenn nicht Judenräte mit den Deutschen kollaboriert hätten, «es Chaos und viel Elend gegeben» hätte, aber nicht diese «Gesamtzahl der Opfer». Der Erzähler wiederholt etwas Ähnliches und erklärt den Gedenktouristen: «Der animalische Drang, um jeden Preis zu überleben, und die Kapitulation des Menschen vor hemmungsloser Gewalt hielten die Maschinerie am Laufen und lagen dem deutschen System zugrunde. Ich hätte ebenso gehandelt, sagte ich ihnen.» Dass die Nazis sogar ihre Opfer in ihre Verbrechen einbezogen haben, ist ein Aspekt des Dritten Reiches, der bei aller Gedenkroutine bis heute schwer repräsentierbar ist. Man kann es deswegen eigentlich nur so referieren wie Sarids Erzähler. Ein essayistischer Roman ist dafür die einzig erträgliche Form.

Nun dient alles Erklären in der Fiktion von Sarids Roman der Rechtfertigung gegenüber dem Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem für einen Vorfall, der sich ganz am Ende von «Monster» ereignet. Er soll hier nicht näher beschrieben werden, nur dass ein deutscher Regisseur eine Rolle dabei spielt, «gross gewachsen, mit markanten und sensiblen Gesichtszügen». Und dass dieses Ende an einem keinen Zweifel lässt: Eine gemeinsame Erinnerung an die Schoah gibt es nicht. Zwischen Opfererinnerung und Tätererinnerung kann man nicht tauschen.

Yishai Sarid: Monster. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2019. 176 S., ca. 26 Fr .

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