Was der Literaturstadt Bern fehlt

Eine neue Veranstaltungsreihe bietet Gespräche mit Persönlichkeiten von internationalem Format in der Bel Etage des Hotels Schweizerhof in Bern: Braucht das Buch diese neue Plattform?

Sehen Literatur und Unterhaltung nicht als Gegensatz: Die Initiantinnen Alexandra von Arx (links) und Lucie Machac, BZ-Redaktorin.

Sehen Literatur und Unterhaltung nicht als Gegensatz: Die Initiantinnen Alexandra von Arx (links) und Lucie Machac, BZ-Redaktorin.

(Bild: Stefan Anderegg)

Es gab sie einmal, eine Zeit, in der Literaturveranstaltungen in der Stadt Bern einen Kultstatus hatten. Das war Ende der 1990er-Jahre. Die Trafo-Lesungen in der Dampfzentrale, organisiert von dem heute 63-jährigen umtriebigen Berner Literaturvermittler Hans Ruprecht. Namen von internationalem Rang kamen nach Bern, zugleich bot die Reihe aufstrebenden Schweizer Autoren eine Bühne – und sie zog ein neues, jüngeres Publikum an.

Mit den Trafo-Lesungen war Schluss, als die Dampfzentrale sich neu als Tanz- und Musikzentrum ausrichtete. Die Lesungen sollten stärker ins Zentrum der Stadt verlegt werden. Unter dem Namen Sprachform organisierte Ruprecht ab 2008 Anlässe im Schlachthaus und im Kornhausforum. Doch die frühere Ausstrahlung erreichten diese nicht mehr.

Geblieben sind verschiedene Initiativen. Eine Konstante darunter sind die Lesungen in den Buchhandlungen. Bei Stauffacher und Thalia sind populäre Autoren zu hören: Bestsellerautoren, grosse Schweizer Namen und Berner, die im Gespräch sind, oder Sachbuchautoren, vorab aus dem Gebiet der Psychologie. Auch die Buchhandlung Haupt organisiert regelmässig Lesungen, und seit 2013 spielt das Zentrum Paul Klee mit einer regelmässigen Reihe mit: Sonntags um 11 Uhr geben grosse Schweizer Autoren eine Matinee. Eher literaturgeschichtlich ausgerichtet sind die Anlässe in der Nationalbibliothek.

Klein- und Kleinstanlässe

Charakteristisch für Bern sind die Klein- oder Kleinstanlässe mit vorab regionalen oder lokalen Autoren – vielleicht ein Erbe der Zeit, als nach den 68ern in den Kellern der Altstadt das kulturelle Leben brodelte. Im Ono findet der niederschwellige «Lesesessel» statt, aber auch Lukas Bärfuss, Pedro Lenz oder Arno Camenisch betreten diese intime Bühne.

Ähnlich ausgerichtet sind das Café Wartsaal und das Café Kairo in der Lorraine, das Büchertram Buchowski, bis 2012 auch der von Theo Umhang geführte Raum im Breitenrain, kaum grösser als ein privates Wohnzimmer. Hinzu kommen punktuelle Anlässe. Seit letztem Jahr das Lesefest Aprillen mit vorab jungen, der Performance nahestehenden Autoren.

Und das alle zwei Jahre stattfindende, mehrtägige Berner Literaturfest. In jüngster Zei, seit der Saison 2013/2014 profiliert sich zudem Konzert Theater Bern in der Veranstaltungsreihe «Berner Reden» mit herausragenden Persönlichkeiten wie Adolf Muschg, Victor Giacobbo oder Peter Sloterdijk, jeweils montags um sechs Uhr, drei- bis viermal pro Saison – ein Vorabendprogramm.

Der Rundblick zeigt: In Bern gibt es viele kleine, teils sich überschneidende Initiativen, nicht immer passen Platzangebot und Ausstrahlung optimal. Eine feste Institution, wie etwa die Literaturhäuser in Zürich oder Basel oder auch das populär ausgerichtete, trendige Kaufleuten in Zürich fehlt. Ist das ein Manko?

Aufruf zu Koordination

Vor Jahresfrist wurde in der Berner Literaturszene darüber diskutiert. Anlass war die Idee, im Progr ein Literaturzentrum einzurichten. Der Tenor: Eine neue Institution in Bern würde Sachzwänge schaffen, die bestehenden Initiativen sollten nicht konkurrenziert werden. Eher wünschte man sich mehr Koordination. Zu Koordination hatte die städtische Abteilung Kulturelles zuvor wiederholt aufgerufen.

Und vor Jahresfrist liess Kultursekretärin Veronica Schaller verlauten, sie wünsche sich mehr Aktivitäten, vor allem für ein breiteres Publikum. Für die Jahre 2016 bis 2019 will die Stadt die Kulturförderung in der Literatur «unbedingt verstärken». Und das Budget der Literaturkommission wird um knapp ein Drittel erhöht.

Tatsache ist: Publikumswirksame Gespräche mit bedeutenden internationalen Autoren gibt es in Bern bisher praktisch nicht. Und: Im Zentrum steht zumeist der Text, das Setting ist einfach: Tisch, Stuhl, Lampe – und das berühmte Wasserglas. Aber: Gibt es im Raum Bern auch genug Publikum, das an gewichtigen Autoren aus aller Welt interessiert ist? Die «Berner Reden» jedenfalls stossen auf Interesse. Rund 450 Besucher kommen laut Konzert Theater Bern zu den jeweiligen Anlässen.

Berner Zeitung

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