Wer sich empören will, sollte zuerst die Statistiken studieren

Neuerscheinung

Heute erscheint das neue Buch von Thilo Sarrazin: Es kritisiert den «Tugendterror» der Linken.

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Guido Kalberer@tagesanzeiger

Thilo Sarrazin, der im Herbst 2010 mit seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» eine heftige Debatte provoziert hat, beschäftigt sich intensiv und lustvoll mit den Theorien der Linken. Das hat, wie wir nun wissen, biografische Gründe. Der sonst so spröde Volkswirt und SPD-Politiker gibt sich am Schluss seines heute erscheinenden Buches «Der neue Tugendterror» ungewohnt privat: «In meiner Schulzeit war ich in einer recht links eingestellten Pfadfindergruppe. Bereits als ich zwölf oder 13 Jahre alt war, unterwies uns unser Sippenführer zum Unterschied von Histomat und Diamat (historischer und dialektischer Materialismus, Anmerkung der Red.) und erklärte uns, weshalb eine Marktwirtschaft nicht funktionieren könne.» Und ihm selbst, so Thilo Sarrazin weiter, «fiel die Rolle zu, gleichzeitig Nato und Kapitalismus zu verteidigen, denn alle anderen waren links. Später dann studierte mein Sippenführer Theologie und wurde evangelischer Pastor.»

Dieses kurze Lüften des Schleiers über seiner Vergangenheit führt direkt zum Kern von Sarrazins Argumentation: Er sieht die Wurzeln des linken Denkens in einer religiös motivierten Sinnsuche – und aus diesem Grunde sei es mit der wissenschaftlich entzauberten Welt, wie sie auch die Politik darstelle, nur schwer vereinbar. Der Marxismus ist in Thilo Sarrazins (und nicht nur seiner) Lesart die erste Religion im säkularen Zeitalter. Und da Religionen vom Glauben und der dazugehörigen Moral leben, sind sie nicht geeignet, mit nüchternem Blick die Prozesse zu verstehen und beschreiben, welche die Gesellschaften bestimmen und die Menschen bewegen.

Gleichheit versus Freiheit

Die von Karl Marx geprägten Begriffe wie Ideologie und Verblendungszusammenhang nimmt Thilo Sarrazin auf und wendet sie gegen die Anhänger dieser Denkweise: In seinen Augen machen sie alle den Fehler, das Gute erzwingen zu wollen, anstatt das Böse zu bekämpfen. Das führe zu einer Moral, die aufgrund ihrer religiösen Fundierung schnell in Tugendterror umschlagen könne. Dass Thilo Sarrazin selbst, der mithilfe statistischer Erhebungen und Studien in seinem Bestseller zeigen wollte, dass Deutschland zunehmend muslimischer werde, zu einem Opfer dieses rigiden Moralterrors von links wurde, stellt er nicht in Abrede, im Gegenteil: Das zweite Kapitel, immerhin 60 Seiten, widmet er den Reaktionen, die «Deutschland schafft sich ab» in den Medien auslöste.

Es ist nicht schwer, vorauszusagen, dass «Der neue Tugendterror» nicht so hohe Wellen schlagen wird wie sein Vorgänger. Das hat vor allem damit zu tun, dass der sonst so angriffslustige Sarrazin zu viel reagiert und zu wenig agiert: Er erklärt sich und klärt nichts. Das geht so weit, dass der wiederholte Appell, mit der Moral zurückhaltender umzugehen, selbst einen moralischen Beigeschmack bekommt. Dies alles führt, zusammen mit der ausgeprägten Humorlosigkeit, zu einer über weite Strecken mühsamen Lektüre.

Selbst für Ignoranten dürfte dies nichts Neues sein

Da es sich um ein Sachbuch handelt, könnte man dies verschmerzen, wenn wenigstens die Inhalte für Provokation oder Spass sorgten. Doch Fehlanzeige: Es geht um eine bildungsbürgerliche Auslegeordnung des schon ermüdend oft herbeizitierten Gegensatzpaares von Freiheit und Gleichheit. Für Sarrazin ist klar, dass die Bestrebungen der Linken darauf hinauslaufen, alles zu tun, um möglichst viel Gleichheit zu erreichen – mit der Folge, dass die Freiheit immer weniger wird. «Gerade der real existierende Sowjetkommunismus in seinen unterschiedlichen Spielarten – bis hin zum Schreckensregime der Roten Khmer – hat deutlich gemacht, dass der Versuch zur Herstellung von Gleichheit ab einem gewissen Punkt die Freiheit nicht unbeschädigt lässt.» Selbst für Ignoranten dürfte dies nichts Neues sein.

Interessant wirds immer dann, wenn Sarrazin seinen Posten als Verteidiger verlässt und zum Angriff übergeht. Meist führt er die Natur als Argument für seine Sicht der Dinge an. Aus typisch konservativer Sicht stellt er die Macht der Natur, die er für unveränderlich hält, gesellschaftspolitischen Utopien entgegen. Wer wie Rousseau, dieses Idol der Linken, den Homo sapiens besser mache, als er von Natur aus sei, schade dem Staat, aber auch der Gesellschaft: «Rousseaus Auffassung führte in Stalins Folterkeller, jene von John Locke und David Hume zur westlichen Demokratie.» So einfach kann Philosophie sein, wenn sie jemand wie Thilo Sarrazin unterrichtet! Da die Argumente nicht differenziert werden, besteht keine Gefahr, dass sie an Schärfe verlieren.

Wie sieht Sarrazin die Menschen? «Als mit gleichen Rechten, aber mit ungleichen Antrieben und Eigenschaften Geborene, deren Streben nach Glück sie auf ungleiche Wege führen kann. Staat und Gesellschaft leisten viel, wenn sie möglichst vielen Menschen diesen Weg erleichtern.» Mit diesen letzten Sätzen aus «Der neue Tugendterror», die kaum versöhnlicher sein könnten, holt sich Thilo Sarrazin von rechts bis links sicher Zustimmung – unklar bleibt bloss die Frage, wieso eigentlich? Und wozu?

Rückständiger Islam

Gut, ein wenig spielt der alte Mann, den Sigmar Gabriel erfolglos aus der SPD ausschliessen wollte, schon noch auf der alten Leier (aber das ist in «Deutschland schafft sich ab» besser, weil prägnanter). Thilo Sarrazin stellt den Euro infrage und kritisiert Angela Merkel, die das Überleben Europas kurzerhand an das Fortbestehen der Währung koppelt; er verurteilt die auf Nivellierung bedachte deutsche Bildungspolitik; er bemängelt die Freizügigkeitspolitik in der EU und fordert, dass Länder souverän über die Einwanderung bestimmen können (da die niedere Qualifikation der Migranten etwa in Deutschland wirtschaftliche Nachteile zur Folge habe). Und er weist erneut darauf hin, dass der Islam keine modernen Errungenschaften vorweisen könne – und darum Probleme bereite in den westlichen Gesellschaften.

Herzlos will Thilo Sarrazin nicht sein. Auch wenn es sinnvolle Bestrebungen gebe, die auf die Gleichheit der Chancen zielten und so für mehr Gerechtigkeit sorgten, betont der rechte SPDler doch die Differenz: «Der Zufall, in welcher Zeit, in welchem Staat und bei welchen Eltern wir geboren werden, ist nach dem Zufall unserer angeborenen Eigenschaften die grösste Ungerechtigkeit, die das Schicksal für uns bereithält.»

Was bleibt? Erstens: ein Buch, das sich zu ausführlich mit einem anderen Buch beschäftigt. Zweitens: Statistik hilft vor Moral. Bevor man sich zu schnell empört, sollte man die Zahlen, über die man sich aufregen will, verstehen (etwa die negative Korrelation zwischen Fortschritt und Geburtenrate). Drittens: ein streitbarer Autor, welcher den Weg der Versöhnung – und damit Aufhebung – beschritten hat, nachdem er mit Härte angegangen wurde.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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