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«Wir kommen – egal, ob ihr uns mögt»

Autor Inan Türkmen beschreibt in einem neuen Buch den wachsenden Einfluss der Türken auf Westeuropa – und hält uns zugleich einen Spiegel vor. Das Feuilleton jubelt über den Anti-Sarrazin.

Michèle Binswanger
Popstar der Multikulti-Gesellschaft: Inan Türkmen provoziert mit Thesen zur Zukunft Europas.
Popstar der Multikulti-Gesellschaft: Inan Türkmen provoziert mit Thesen zur Zukunft Europas.

Er könnte der Vorzeigeschwiegersohn sein: Schön, smart, Betriebswirtschaftsstudent mit wahrscheinlich rosigen Zukunftsperspektiven. Aber Inan Türkmen will nicht gut ankommen. Er will sagen, was Sache ist. Und er will dem behäbigen Westeuropa den Spiegel vorhalten. «Wir sind jünger, hungriger, zahlenmässig überlegen. Wir kommen und ihr könnt uns nicht aufhalten», schreibt der türkischstämmige Österreicher in seinem neuen Buch «Wir kommen». «Egal, ob ihr uns mögt oder nicht, egal, ob ihr uns integriert oder nicht.» Damit hat der 24-Jährige in Österreich und Deutschland eine neue Debatte lanciert. Die Türken würden in den kommenden Jahrzehnten markant an Einfluss gewinnen, so seine These. Ohne Türken werde Österreich schrumpfen und während ein junger Staat wie die Türkei Technologiezentren baue, investiere ein alter, wie Österreich, in Geriatriezentren.

Popstar der Multikulti-Gesellschaft

Zu den provokativen Thesen liefert der Sohn eines türkischen Kurden auch Fakten. «Würden die 5,2 Millionen Auslandstürken einen eigenen EU-Mitgliedsstaat bilden, wäre das längst nicht der kleinste. Er wäre fast so gross wie Dänemark.» Oder: «Insgesamt machen die Dönerstände in Deutschland ungefähr dreimal so viel Umsatz wie McDonald's.» Oder: «Fonds mit Anlageschwerpunkt Türkei haben in den vergangenen Jahren im Schnitt bis zu 14 Prozent Jahresrendite gebracht.» Motivation für sein Buch sei Wut gewesen, sagt Türkmen. Aufgewachsen in Österreich als Sohne eines türkischen Kurden, sei er erst als Jugendlicher mit Rassismus konfrontiert worden. Das habe ihn enttäuscht und wütend gemacht, also habe er das Buch geschrieben, um seine Wut in Worte zu fassen. Um den Feindbild auf den Grund zu gehen.

Er sei der «neue Popstar der Multikulti-Gesellschaft», schreibt die «Süddeutsche Zeitung» (Artikel online nicht verfügbar) über den Mann, der nur per Zufall Buchautor wurde. Seine Freundin arbeitete in einem Verlag, der in der Wut Türkmens einen Bestseller schlummern sah. Ihm wurden also zwei Rechercheure zur Seite gestellt, worauf der österreichische Anti-Sarrazin geboren war. Sarrazin hatte in seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» behauptet, muslimische Einwanderer machten Europa schlechter und dümmer, und damit für riesigen Wirbel gesorgt. Türkmen wollte das nicht auf sich sitzen lassen und schlug mit denselben Mitteln zurück. «Ich habe von ihm gelernt, zu provozieren. Heute musst du provozieren, um gehört zu werden.», sagte er im Interview mit dem österreichischen Magazin «Biber». Allerdings unterscheide ihn von Sarrazin, dass er nicht beleidige.

Jung, gut drauf, mit Zukunft

Tatsächlich geht es bei Türkmen lockerer zu und her. «Wir sind jung, gut drauf und haben Zukunft», so seine Botschaft. «Wir kommen – und es wird nicht mal weh tun.» Er habe sich nicht unbeliebt machen oder die Rechtspopulisten bedienen wollen, so Türkmen. Aber er nahm sich das Recht heraus, die Dinge in ein anderes Licht zu rücken. So wie sie sich aus der Perspektive eines jungen, ehrgeizigen und gut ausgebildeten Secondos türkischer Herkunft zeigen. Also hat er seine Heimat und Landsleute als positiv, jung und boomend dargestellt.

Sein Land habe eben sehr, sehr vieles zu bieten, sagt er, auch wenn es tatsächlich Probleme gebe «mit der Pressefreiheit, den Frauen- und Menschenrechten.» So konzentriert sich sein Buch denn auch vor allem auf die türkischen Metropolen – und weniger auf die Zustände, wie sie im Osten und Südosten des Landes anzutreffen sind. Doch das ist durchaus legitim, zumal es ja darum geht, Vorurteile abzubauen. «Die schlechten Seiten der Türkei kennt man ohnehin, ich wollte hier einmal die guten aufzeigen«, sagt der Autor.

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