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Zeit für grosse und kleine Tränen

In seinem neuen Roman lotet Martin R. Dean aus, warum die Liebe funktioniert – und warum sie auseinanderbricht.

Wohltemperierte Gespräche einer Gesellschaft von Akademikern: Martin R. Dean. Foto: Claude Giger
Wohltemperierte Gespräche einer Gesellschaft von Akademikern: Martin R. Dean. Foto: Claude Giger

Ehen sind Paarläufe zwischen Pflicht und Kür. Treue ist eine Sonderdisziplin, sie verdient die Höchstpunktzahl – falls man Martin R. Dean und seinem neuen Roman folgt. Sein Titel ist Programm: «Warum wir zusammen sind». Er beginnt Silvester 1999 in Basel. Ein Freundeskreis von Paaren trifft sich zum Feiern auf einer Kunsteisbahn. Sie liegt «wie eine grosse Träne» vor ihnen. Grosse Träne. Böses Omen. Tatsächlich, es geht gleich derart durcheinander, dass einem die Schlittschuhläufer, ihre Namen und Beziehungen nur so um die Ohren sausen. Wer gehört wie zu wem?

Urs hat Brigitta, weiss aber nicht, ob sie zu ihm passt. Annette ist mit Anatol verheiratet, der es mit dem Hausmädchen treibt. Alex lebt mit Julia in Scheidung, weil er jetzt Ona hat. Mila und Moritz sind noch zusammen, dito Alice und Fred. Bea ist mit einem gewissen Finn verheiratet, in den Evelyne verliebt war. Evelyne ist die beste Freundin von Irma, die mit Marc verheiratet ist, der mit ... Und das alles auf den ersten acht Buchseiten.

Gesellschaft von Akademikern

Bleiben noch 348 Seiten, um die Paare und Gefühle zu sortieren. Viel Platz für Küsse, Tänze, Reisen und vor allem für Gespräche auf Festen, Konzerten, Partys. Versteckte Eifersucht, heimliche Berührungen, geheucheltes Mitgefühl: gut beschrieben, genau erfasst. Dieses Gespinst ist fein gewoben, allerdings auch langfädig. Es fehlen Scherz, böse Ironie und tiefere Bedeutung. Fremde Leute packen ihre grosse Beziehungskiste aus – wen interessierts?

Martin R. Dean ist einer der wenigen Gegenwartsautoren von Rang, die Basel noch hat. 2005 startete er eine Literaturdebatte. Frage: «Was soll der Roman?» Antwort: aktuelle Themen aufgreifen und realistisch erzählen. «Relevanter Realismus» nannte sich das. Im «Brennpunkt des gesellschaftlichen Diskurses» soll ein Roman sein.

Deans neuer Paar-Roman ist im Brennpunkt des gesellschaftlichen Diskurses – aber nur, wenn man darunter die wohltemperierten Gespräche einer Gesellschaft von Akademikern versteht. Die Personen haben Berufe wie Chefarzt, Moderatorin, Medientheoretiker, Anästhesistin, Öko-Aktivist, Therapeutin oder Journalist der «Basler Zeitung». Das Hauptinteresse gilt jedoch ihrem Liebesleben. Wer möchte das wissen?

Altmodisch oder bequem?

Romanfiguren sind auch nur Menschen. Je länger man mit ihnen zu tun hat, desto stärker wachsen sie einem ans Herz. Speziell interessieren hier Irma, die Übersetzerin, ihr Mann Marc und ihr gemeinsamer Sohn Matti. Die Kleinfamilie ist Dreh- und Angelpunkt des Romans und guter Kern im polygamen Freundeskreis. Irma ist eine gute Seelenkennerin, vielleicht eine zu gute. Marc ist ein braver Fleissbär, vielleicht ein zu braver.

Ohne es auszusprechen, huldigen beide dem Treue-Ideal. Sohn Matti meint: «Beide gleich altmodisch.» Oder zu bequem? Oder doch unzufrieden? Jedenfalls schlafen die Eheleute plötzlich in getrennten Zimmern. Matti, kurz vor der Matura, absolviert seine sexuelle Reifeprüfung bei Evelyne. Mutter Irma ist empört, ausgerechnet Evelyne, ihre alte Freundin! «Fast schon Missbrauch», findet sie und schickt Matti aufs Internat. Vater Marc sieht es gelassener, er hat sich selber schon bei Evelyne entspannt.

Schlimm? Mmmh. Es vergehen 230 Seiten, bevor Marc seiner Irma die Untreue gesteht. Warum so spät? Warum überhaupt? Wohnt er nicht längst im Hotel? Will er nicht zurück zu Irma? Denkpause. Zurückblättern. Der Roman funktioniert wie ein Wimmelbild. Das Entscheidende geht im Kleinteiligen unter.

Offene Zukunft

Zeit für die grosse Träne. Freundin Mila liegt im Sterben, Nierenbeckenentzündung. Ona macht einen Suizidversuch, sie kommt mit der offenen Zweierbeziehung nicht klar. Der untreue Alex beginnt zu trinken. Auch Annette und Anatol trinken zu viel, sie werden nacheinander überfahren. Und so weiter.

Irma ist es, als niste «der Keim des Unheils» in der Gruppe. Das Unheil trägt den Namen Libertinage. Dabei ist die Übersetzerin selber vor sexuellen Anwandlungen nicht gefeit. Sie ist von den pornografischen Stellen in einem Roman so erregt wie abgestossen. Was ist mit ihr los?

Irma besucht den Autor des Romans in Paris. In dessen Kopf spukt eine Art Theorie-Showdown. Zwei Thesen stehen sich gegenüber. Erste These: Paare, die sich treu sind, das sind die letzten «Aufständischen», weil sie Widerstand leisten gegen die Pornografisierung aller Beziehungen. Gegenthese: Pornografie ist gar nicht so übel, weil sie die Körper «ohne Zutat und Beiwerk» zeigt und damit ehrlicherweise die Verdinglichung im Kapitalismus. Einerseits, andererseits. Da kann einem ganz schön der Kopf schwirren. Der Pariser Autor erhängt sich.

Martin R. Dean wählt ein offenes Ende. Wir schreiben das Jahr 2016, Marc und Irma haben eine Enkeltochter. Wieder ein Fest, nicht Silvester diesmal, sondern ein Tauffest. Der Roman schliesst sich zum Kreis – fast. Die Zukunft ist offen. Irma und Marc gehen zusammen in die Kirche. Herzlichen Glückwunsch.

Buchvernissage heute Mittwoch, Literaturhaus Zürich, 19.30 Uhr

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