Zum Hauptinhalt springen

Ein Schauspieler von irritierender Kühnheit

Bruno Ganz ist gestorben. Schauspielerei war für ihn die Präzisionsarbeit, Menschen zu begreifen. Ein Nachruf.

Die zwölf letzten Tage im Führerbunker von Berlin: Bruno Ganz spielte mehrere überraschende Rollen. Video: Youtube/sda

Was einem gleich einfällt, wenn man an den heute verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz denkt: Er war von leiser Intensität. Liebenswürdig, aber kein Causeur, der sich in Plauderei hüllte. Ein Mann, der seine Worte wog und nicht verschwenden wollte. Schon gar nicht im Beruf. Denn er hielt die Sprache für das kostbare Wesen des literarischen Theaters und der Schauspielerei.

Ein Altmodischer, der eifern konnte gegen die Dekonstrukteure, die alle Literatur zum provisorischen Material machten. Ihre dauerironische «Eitelkeit» wollte ihm nicht in den Kopf. Das war ihm kein zureichender Grund und Boden für eine ernsthafte Menschendarstellung. Die aber war seine Profession, und er nahm sie ernst, es heisst: oft bis zur Bockigkeit; und aus solchem Ernst entstand Meisterschaft.

Ein «ungeheures» Theatergenie

Der Schriftsteller Thomas Bernhard, dieser eminente österreichische Schimpfer hat die Schweiz für ein Land gehalten, in dem der Stumpfsinn wohne. Der Schweiz gestand er im Roman «Wittgensteins Neffe» (1982) wenigstens dies zu: «dieses ungeheure Theatergenie», Bruno Ganz, «der grösste Schauspieler, den die Schweiz je hervorgebracht hat», derart gross, dass er dem gesamten Burgtheaterensemble eine «künstlerische Todesangst» einjage, nicht weniger.

Das war lang noch bevor Josef Meinrad, der grosse Nestroy-Darsteller, den die Wiener liebten, Bruno Ganz 1996 den Iffland-Ring hinterliess und deshalb, mag sein, etwas Liebe einbüsste. Es wird erzählt, eine Kaffeehausbesitzerin – Frau Weidinger? Frau Hawelka? – habe es laut in die Stadt hinausgeschrien: «An Schweizer ham’s uns geben! Der Ring gehört do einem von uns!»

Der dörflich-städtischen Schweiz hatte Ganz vielleicht gar nicht so viel zu verdanken.

Der Schweizer Chauvinist, der in uns allen hockt, hat daran seine Freude, «naturgemäss», wie wiederum Thomas Bernhard sagen würde. Andererseits, seinem Zürich-Seebach, in das er 1941 geboren wurde, man darf sagen: als Kind kleiner Leute – dieser dörflich-städtischen Schweiz hatte der Schauspieler Ganz vielleicht gar nicht so viel zu verdanken. Sie hat ihn wahrscheinlich nicht «hervorgebracht», er wollte einfach Schauspieler werden und spürte, dass ers konnte, und wurde es dort, wo er lebte. Es genügte, dass dem Talent keine Steine in den Weg gelegt wurden. Seine Sehnsüchte hätten ums Kino gekreist seinerzeit, sagte er einem einmal, «eine ferne Welt für einen Buben aus Seebach», der Zürcher Mittelschul-Filmclub habe da seine einflussreiche Wirkung getan. Und manchmal denke er gar, das Theater, greifbarer als der Film, sei nur ein notwendiger Umweg gewesen.

Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist tot. (Archivbild)
Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist tot. (Archivbild)
Tobias Hase/dpa, Keystone
Ganz erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den Swiss Award für sein Lebenswerk: Bundesrat Alain Berset überreicht Ganz den Schweizer Kino-Preis Quartz. (24. März 2017)
Ganz erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den Swiss Award für sein Lebenswerk: Bundesrat Alain Berset überreicht Ganz den Schweizer Kino-Preis Quartz. (24. März 2017)
Keystone
Seine letzte Bühnenrolle spielte Ganz 2012. (3. August 2016)
Seine letzte Bühnenrolle spielte Ganz 2012. (3. August 2016)
Alexandra Wey, Keystone
1 / 10

Es kann sein. Das Theater ist ihm im Lauf der Zeit abhanden gekommen, und er kam ihm abhanden gegen den Lauf der Zeit und das zeitgeistvolle Spiel mit dem Spott, seit «sie», wie ers schon vor Jahren ausdrückte (und das «sie» klang zornig), «am Theater eigentlich alles hassen, was ich spannend finde». Und weil jetzt im Kino geschehe, was ihn am Theater einmal interessiert habe. Es war das Resümee einer langen Geschichte der zunehmenden Verweigerung. Die Ausnahmen, die er noch machte in den letzten zwei Jahrzehnten – für Harold Pinter und Luc Bondy («Le Retour», Paris 2012), für Shakespeare und Botho Strauss («Schändung», Bochum 2006), für Sophokles und Klaus Michael Grüber («Ödipus auf Kolonos», Wien 2003) und für Goethes «Faust» und Peter Stein, eine letzte Riesenproduktion (Hannover 2000) – haben ihn alle nicht weiter ermuntert.

Ein Grosser unter den Grossen

Und doch, auf deutschen Bühnen ist er gewachsen und ein Grosser unter den Grossen geworden, und das wusste er auch. In Göttingen und Bremen begann es und führte 1970 nach Berlin, an die Schaubühne am Halleschen Ufer, ins «Wir» des faszinierenden, vermutlich etwas theatersektenhaften Enembles um den Regisseur Peter Stein. Eine leidenschaftliche Zeit des theatralischen Denkens muss das gewesen sein. Eine Zeit der rauschaften Textanalysen, Vermittlungsversuche und politischen Selbstverpflichtungen. Eine Schule der Genauigkeit auch, in der reifte, was natürlich schon da war: die Fähigkeit, sich in Figuren hineinzugrübeln und Sprache in ihre Feinheiten zu zerlegen; und wenn er sie begriffen hatte, so eine Figur, dann entfaltete er sie vor uns in ihrer Melodie, ihrer Wahrheit und ihren Widersprüchen.

Seine begreifende Fantasie versetzte ihn in den Menschen, den er darstellte, und mit ihr zweifelte er an ihm. «Zeigende Distanz» nannte das der Regisseur Dieter Dorn, und womöglich meinte er damit eben jene Ganzheit aus fantastischem Sprachgehör und der Begabung fürs Komplexe. Vielleicht sind Bruno Ganz deshalb so oft die von des Gedankens Blässe angekränkelnden Charaktere zugefallen: der Prinz von Homburg, der Hamlet, der Faust und der getriebene Macbeth auf der Bühne oder, in einem Film wie Reinhard Hauffs «Messer im Kopf» (1978), der Biogenetiker Hoffmann mit seiner in Stücke geschossenen Identität. Selbst den Hitler in Oliver Hirschbiegels «Der Untergang» (2004), diese Albtraumrolle – nicht seine beste, bestimmt aber eine der virtuosesten –, hat er intellektuell ausgehalten, methodisch zerlegt und wieder zusammengesetzt zum Gegenstand des Abscheus und zum Objekt des Mitleides. Alles in einem sträubte sich gegen die Interpretation, er aber, Ganz, erlaubte sich diese irritierende Kühnheit.

Sein Schauspiel war immer «bedeutend»

Das Kino also. Der Film, wenn mans recht betrachtet, wurde doch recht früh greifbar für ihn. Über die schweizerischen Anfänge hat er nicht besonders gern geredet, aber wir nennen wenigstens den Film, in dem seine Rolle zum ersten Mal Name und Charakter hatte, denn so schlecht wars nicht: «Es Dach überem Chopf» (1962) von Kurt Früh. Bleiben wird der Graf in Eric Rohmers Kleist-Verfilmung «La Marquise d’O» (1976), bleiben wird der vampirisch infizierte Jonathan Harker in Werner Herzogs «Nosferatu» (1979). Natürlich wird Damiel bleiben, der lebenssüchtige, sterbewillige Engel auf der Siegessäule in «Der Himmel über Berlin» (1987) von Wim Wenders.

Und der Hitler (wir flüstern nur leise vor uns hin: leider), auch der. Die Rolle schleuderte Bruno Ganz in eine Internationalität, wo ein Coppola («Youth Without Youth», 2007), ein Scott («The Counselor», 2013) aufmerksam wurden. Man kann nicht sagen, dass die Rollen immer bedeutsam waren. Bruno Ganz’ Spiel aber war, wie immer, «bedeutend». Weils ein Ausdruck seiner darstellerischen Neugier war: wie mans zuwege bringe, vor der unbestechlichen Kamera einen Charakter bis aufs Wimpernhärchen präzis zu gestalten.

Es war ihm übrigens gar nicht recht, wenn man sich ihm gegenüber benahm, als sei Grübler sein zweiter Name. Es gelang ihm ja auch das Leichte spielend, die Kuriosität einer brandgefährlichen Wortkargheit in der makaberen Komödie «Kraftidioten» (2014) aus Norwegen und früher schon: die zeremonielle Melancholie des Kellners in Silvio Soldinis «Pane e Tulipani» (2000), für deren Darstellung er den Schweizer Filmpreis erhielt. Es war der erste von dreien Preisen, und einer unter vielen, aber was für ein feiner Moment im Januar 2001, als die junge Tonia Maria Zindel sinngemäss zu ihm sagte, er sei doch schon ein gestandener Herr, aber noch sehr gut beieinander für sein Alter; das nachsichtige Lächeln hätten Sie sehen sollen!

Ein stetiger Ehrengast

Was uns und die Erinnerung wieder in die Schweiz bringt. Und zum Schweizer Film. Bruno Ganz hat nie zum quasi festangestellten Personal gehört, eher war er, gern und gern gesehen, ein Ehrengast. Einer, der das Schweizerische ins Internationale erweiterte. Er hat uns zwei grandiose Grossväter geschenkt, unter anderem: den souverän kurligen Alten in Fredi M. Murers «Vitus» (2006), dems in seiner Schweizer Welt am wohlsten war, wenn er über sie hinwegflog; und den Alpöhi in „Heidi“ (2015, Regie: Alain Gsponer), in dem noch etwas vom früheren Reisläufer und Raufhändler steckte.

Und da wär dann noch «Der Erfinder» (1981) von Kurt Gloor, worin Ganz ein liebenswerter Zürcher Oberländer war, Jakob Nüssli, der ganz für sich allein das Raupenfahrzeug erfand so um 1914 herum, damit es die Pferde leichtet hätten, wenn ein Karren im Dreck steckte. Aber die Erfindung des Nüssli war eben schon erfunden in Form des Panzers, die Kriegstechnik war effizienter als die zivile Fantasie, und Bruno Ganz gab dem Erfinder, der zu spät kam, eine zerbrechliche Sanftheit, eine stille Widerborstigkeit und eine pazifistische Verzweiflung. Es schien einem sehr schweizerisch, und jedenfalls ist eine subversive Provinzialität und eine provinzelle Tragik nie schöner verkörpert worden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch