Zum Hauptinhalt springen

Eine Portion Porno

Kochsendungen boomen. Weil der Mensch in prüden Zeiten ein Lustventil für all seinen im Zaum gehaltenen Genuss braucht.

Chef Michel Roux (vorn), Inhaber von zwei Michelin-Sternen, in «Masterchef – The Professionals».
Chef Michel Roux (vorn), Inhaber von zwei Michelin-Sternen, in «Masterchef – The Professionals».
Roger Hutchings (Alamy)

Haben Sie sich angesichts Ihres Essens auch schon mal gefragt, wie gut oder böse Sie eigentlich sind? Zum Beispiel, wenn Sie sich nicht darum scheren, ob das Tier, das sie verzehren, sein ganzes Leben in einem Zustand von Luxus-Wellness-Ferien verbracht hat? Und wenn Sie ganz grundsätzlich Zucker als die Basis eines Desserts betrachten?

Es gibt ja ums Thema Genuss herum zunehmend Fragen und Verbote und immer weniger Leute, die aufrichtig «Ja!» dazu zu sagen wagen. Dabei täten es gerne viele. Also schlemmen, sündigen, sich vergessen, etwas auf der Zunge spüren, das eine nur mit dem Orgasmus vergleichbare Sensation auslöst. Von verbotenen oder verpönten Dingen essen. Die ganze, gestopfte Gänseleber vom Pariser Markt, in Scheiben geschnitten, beidseitig kurz angebraten, mit etwas Salz verzehrt, unvergleichlich. Das wonnig im Mund dahinschmelzende Knochenmark. Die knusprig gebratene Milke, zarter als jedes Poulet. So geht Glück!

Politisch herrlich unkorrekt

Und so geht Fernsehen. Denn genau dafür wurde die Kochsendung erfunden. Oder genau deswegen boomen Kochsendungen seit Jahren immer noch mehr. Weil sie der Porno des domestizierten Essers sind. Weil sie ein sublimiertes Schlemmen im Rahmen einer prüden Kultur ermöglichen. Das «delegierte», das «interpassive» Geniessen, wie der österreichische Philosoph und Genussverteidiger Robert Pfaller sagen würde. Virtueller Food-Voyeurismus, beeinträchtigt von gar nichts, weder vom Ekel vor der Berührung mit einem Stück versehrter Natur, mit einem Herz, einem Hirn, einem ganzen Fisch, der einen glasig anblickt. Noch von den Bedenken um die eigene Gesundheit und der politischen Korrektheit.

Das Fernsehen kocht für mich, es isst für mich, und es nimmt auch gleich für mich die Analysen vor, all die hoch qualifizierten «Juroren», die da dauernd am Werk sind und deren Münder maschinengleich zuerst Essen einnehmen und dann sofort ein Urteil aussprechen, entheben mich auch noch des Denkens. Denn was sie sagen, ersetzt mein fehlendes Erleben – das Wahrnehmen von Geruch, Geschmack, vom Biss oder der Cremigkeit einer Speise – und funktioniert zugleich wie das «canned laughter», die eingespielten Lacher also, der Sitcoms. Es steuert meine emotionale Reaktion.

Wenn ein TV-Juror in Begeisterung ausbricht, läuft mir vor dem Fernseher zuverlässig das Wasser im Mund zusammen. Ich bin ja nicht passiv, ich bin interpassiv, ich nehme teil, ohne aktiv zu sein. Das ist sublim. Das ist noch raffinierter, als Porno im Netz zu konsumieren. Da muss man immer noch was tun. Beim interpassiven Schauen wird mit mir gemacht. Gibt es so was eigentlich auch für Raucher?

Voll am Publikumsgeschmack vorbei

Für die höchste der delegierten Genussmöglichkeiten muss man allerdings ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen. Also aus der Schweiz hinaus, denn in der Schweiz, da boomt ja derzeit höchstens «Myriam und die Meisterbäcker» so richtig, die vorweihnachtliche Backsendung, in der eine blonde Frau inmitten von rosaroten Torten Protagonisten der Schweizer Backkunst interviewt: «Mir lerned einiges über de Cheesecake, über de Nidelchueche, herrlechi Cremeschnitte und schöni Nussgipfel», heisst es im Trailer. Ja, ja.

Aber auch das deutsche Fernsehen will sich nur in Massen versündigen, das ewige «Bütterchen» von Schnauzträger Horst Lichter ist schon fast das Maximum an Verruchtheit. Der neue, allseits verprügelte Sechsteiler «The Taste» auf Sat 1 nannte sich zwar Kochshow, gab sich aber mit dem absoluten Minimum an Nahrung zufrieden: Die Kandidaten kochten da für eine Jury aus bekannten TV-Köchen jeweils exakt einen Löffel voller Essen. So macht man keinen Porno. Ein Löffelchen voller Essen entspricht etwa dem Aufblitzen einer Brustwarze. Weshalb «The Taste» auch voll am Publikumsgeschmack vorbeitraf.

Sehr gut läuft dagegen «Das grosse Backen» (Sat 1), aber das ist auch die Kopie eines britischen Erfolgsformats, «The Great British Bake Off», das 2012 anlässlich der Rose d’Or zur besten Lifestyle-Sendung der Welt gekürt wurde. Das Rezept: Viele Amateurbäcker backen viel, sie sind irgendwo auf der Welt, isoliert in einem riesigen Backzelt, unter der Fuchtel einer fürchterlich strengen Jury, und der strengste Juror von allen ist vorzugsweise eine Frau. Das Zuckerbrot wird da mit der Peitsche hergestellt, es herrscht gnadenloser Druck, der Human Touch, den die Schweizer und die Deutschen sonst so sehr lieben, hat an einem sehr kleinen Ort Platz, aber andauernd paradieren Torten und Kuchen vor der Kamera vorbei, es ist die TV-Werdung von Marie Antoinettes Kuchenbuffet (jedenfalls von dem, wie es Sofia Coppola im Film sah).

Vor dem Schlafengehen pure Butterflocken

Die Steigerung kann erfahrungsgemäss nur zweierlei sein: britisch und professionell. Britisch, weil die Briten keine grosse kulinarische Eitelkeit besitzen und ständig den Glanz irgendeiner andern Küche erreichen möchten. Professionell, weil man Profiköchen viel mehr abverlangen kann als Amateuren. Die Schadenfreude beim Versagen eines Profis ist grösser, aber auch der Genuss, den man sich interpassiv abholen kann, die Lust, deren Erfüllung man an den Profikoch abgeben kann. Manchmal auch der Ekel, der ja nur eine Abart der Lust ist. Und deshalb heisst die derzeit beste aller Kochshows «Masterchef – The Professionals».

Man muss sich das vorstellen: Viermal die Woche vergibt BBC2 ihre Hauptsendezeit, den kostbaren 20-Uhr-Slot (bei uns entsprechend eine Stunde später), an eine Kochsendung, und Grossbritannien ist gebannt. Schaut zu, wie Michel Roux Jr., der Mann mit den zwei Michelin-Sternen, der vor dem Schlafengehen am liebsten pure Butterflocken isst und trotzdem schlank und zäh geblieben ist, und seine Mitarbeiterin, die gnadenlos hochbegabte und strenge Monica Galetti, Profiköche zur Leistung ihres Lebens antreiben.

Vollendete Beurre blanc

Wie sie ihnen Dinge vorlegen, die verarbeitet werden müssen, und immer herrscht da schon im Warenkorb die pure Völlerei, und immer ist die Basis aller Kochkunst französisch, was am Ende nichts anderes heisst, als dass Textur und Geschmack eines Gerichts durch die Zugabe vieler tierischer Fette verfeinert werden. Butter, Double Crème, allerlei ausgelassene Fette vom Schwein oder von der Ente, geschmolzenes Knochenmark und zuletzt natürlich die unverzichtbare Buttersauce, die Beurre blanc, von der man als Nichtfranzose höchstens einmal die Woche kosten kann, ohne Magenbeschwerden zu bekommen. Aber eine vollendete Beurre blanc an einem feinen Gericht zu sehen und sich dabei vorzustellen, wie es schmecken könnte, und dann auch noch zu hören, dass es «heavenly» und «divine» sei, das tut wohl, nicht weh.

Es geht bei «Masterchef» um nichts als um die Arbeit des Menschen am Produkt. Um eine Schnittstelle zwischen Mensch und Natur. Um Prozesse der Veränderung, der Verfeinerung, der Kultivierung, der Kunstwerdung des Kreatürlichen und auch des Auffächerns in eine ungeahnte Komplexität. Prozesse also, deren Raffinement meinen ans Fernsehen delegierten Genuss noch einmal steigert. Und steigert. Und . . .

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch