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Festival «Tanz in. Bern»: Atemlose Odyssee

Viel gewagt, einiges gewonnen: Mit Jean-Claude Gallotta ist am Samstag das neue Festival «Tanz In. Bern» zu Ende gegangen. Knapp 6000 Zuschauer verfolgten die 16 Produktionen aus dem In- und Ausland. Eine Bilanz.

Nackte Körper, kraftvolle Massenszenen, gefühlsstarke Soli und eine abstrakte Szenerie: Mit «Cher Ulysse» warf der französische Choreograf Jean-Claude Gallotta zum Abschluss des Festivals «Tanz In. Bern» in der Dampfzentrale noch einmal ein gleissendes Licht auf das zeitgenössische Tanzschaffen. In der Neuauflage seines legendären Stücks «Ulysse» (1981) liess er den Helden Odysseus in eine komplett veränderte Heimat zurückkehren. Die Choreografie für dreizehn Tänzerinnen und Tänzer bot nur wenige Ruhepole. Die lose aneinandergereihten Bilder steigerten sich nicht selten zu einem gehetzten Durcheinander aus schwitzenden Leibern, verzerrten Satzfetzen und übereinandergelagerter Musik. Eine weniger zerfahrene Dramaturgie und einprägsamere Bilder hätten der tänzerischen Parforcetour gut getan. Avantgarde im Zentrum

Gallottas Produktion fiel aus dem Rahmen: So viel konventioneller Tanz und so viele Tänzer waren während des dreiwöchigen Festivals nie zu sehen. Es dominierten kleinere Produktionen und Solostücke, die dem Publikum einiges abverlangten – ganz im Sinne von Roger Merguin, Festivalorganisator und Co-Leiter der Dampfzentrale: Nicht den Massengeschmack wollte er bedienen, sondern die aktuellen Trends des internationalen Tanzschaffens und die (französische) Avantgarde nach Bern holen.

Die am schwersten verdauliche Kost servierte der französische Choreograf Boris Charmatz. Seine brandneue Performance «La danseuse malade» entpuppte sich als einstündiger Sprechmonolog, der dem Publikum vor allem Kopfschütteln entlockte. Zu verkopft, zu langatmig, komplett unverständlich.

Eine intellektuelle Herausforderung war auch das eigenwillige Stück «Faune(s)» des Franzosen Olivier Dubois. Trotz einprägsamer Effekte und gewaltiger Bilder galt auch hier: Wer keine Vorkenntnisse besass, war verloren. Bei Susanne Linke lohnte es sich ebenfalls, die Einführung zu besuchen: In ihrem Stück «Schritte verfolgen» setzte sich die Grande Dame des deutschen Tanztheaters mit einem autobiografisch angelegten Solo aus dem Jahr 1985 auseinander – mit fesselndem Ergebnis: Gerade in ihrer Zerbrechlichkeit legte die 64-Jährige eine faszinierende Präsenz und Konzentration an den Tag.

Fehlende Atmosphäre

Eingängig präsentierte sich die Genfer Compagnie Alias, deren Leiter Guilherme Bothelo mit dem diesjährigen Schweizer Choreografiepreis ausgezeichnet wurde: In «Approcher la poussière» zauberte sie komisch gebrochene Bilder des Alltags auf die Bühne. Eine richtige Wohltat nach so viel intellektuell verbrämtem Konzepttanz. Radikal, aber nicht minder fesselnd zeigte sich die Bernerin Anna Huber in ihrer Soloperformance «Eine Frage der Zeit».

Viel Überraschendes boten die Künstler im Spät- und Nebenprogramm, allen voran Olga de Soto mit ihrer berührenden Videoperformance «Histoire(s)» und die österreichische Compagnie Willi Dorner mit ihrem subversiven Tanzparcours durch die Stadt Bern, dem mehrere hundert Zuschauer beiwohnten. Kaum zündend dagegen die Kurzperformances in der Geisterbahn vor der Dampfzentrale: Als «Amuse bouche» gedacht, erschöpften sich das Gebotene in fader Effekthascherei.

Viel gewagt, viel gewonnen? Was die Horizonterweiterung betrifft, auf jeden Fall. Bei den Publikumszahlen hingegen liegt wohl noch einiges drin: Mit knapp 6000 Zuschauern war das Festival nicht voll ausgelastet. Eher enttäuschend auch die Festivalatmosphäre: Damit richtiges Festivalfeeling aufkommt, braucht es nicht nur Futter für den Geist, sondern auch kulinarische Häppchen. Im Gegensatz zu den früheren Berner Tanztagen hat das Organisationsteam jedoch auf eine Ganz-Körper-Verpflegung verzichtet. So kamen die meisten Besucher erst kurz vor Beginn und verschwanden nach der Vorstellung genauso schnell wieder – so auch beim Abschlussabend am Samstag.

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