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Fieber in den Fingerspitzen

Die Produktion von Spitze wurde längst von Maschinen übernommen, doch jetzt erlebt das Klöppeln eine Renaissance. Zu Besuch bei Süchtigen in Schloss Jegenstorf.

Mit flinken Fingern und viel Ausdauer: So funktioniert Klöppeln.

Nur schon vom Zusehen dreht der Kopf. Annelis Bieri sitzt vor dem Klöppelbrett und kreuzt und mischelt die Holzstäbchen in atemberaubender Geschwindigkeit, ab und zu zieht sie die Fäden an, sticht eine Stecknadel ein und mischt wieder Holzstäbchen. Stundenlang, ohne Pause. «Es ist eine Sucht», sagt sie. Wobei die Holzstäbchen natürlich nur von absoluten Laien so genannt werden. Es sind Klöppel, Dutzende an der Zahl, alle mit Faden um­wickelt, der Faden, aus dem die Spitze entsteht.

Annelis Bieri ist Klöpplerin. Vor 20 Jahren fing die heute 59-Jährige aus Fraubrunnen mit dem Kunsthandwerk an. Sie besuchte einen Kurs – und konnte nicht mehr aufhören. Wollte immer weiter Klöppel drehen und kreuzen. Mittlerweile hat sie die Ausbildung zur Kursleiterin absolviert, leitet mehrere Klöppelgruppen – und hat die Ausstellung «Klöppeln – echt Spitze!» kuratiert, die derzeit im Schloss Jegenstorf zu sehen ist.

Konkurrenz von Maschinen

So wie Annelis Bieri ergeht es vielen, die einmal mit dem Klöppeln in Kontakt gekommen sind. Während die Vereinigung Schweizerischer Spitzenmacherinnen vor 35 Jahren 150 Mitglieder aufwies, sind es heute rund 1000. Seit 20 Jahren kann man sich zur Kursleiterin ausbilden lassen, über hundert Personen haben diese Chance genutzt. Kurse finden heute auch an der Volkshochschule und in der Migros-Klubschule statt. Und es gibt eine jährliche Tagung, zu der jeweils 700 bis 800 Klöpplerinnen erscheinen, um sich über die neuesten Trends zu informieren.

Nur schon vom Zusehen dreht der Kopf: Annelis Bieri (hinten) und Regine Henzmann beim Klöppeln.
Nur schon vom Zusehen dreht der Kopf: Annelis Bieri (hinten) und Regine Henzmann beim Klöppeln.
Beat Mathys
Den ganzen August widmet das Schloss Jegenstorf dem einem traditionellen Kunsthandwerk.
Den ganzen August widmet das Schloss Jegenstorf dem einem traditionellen Kunsthandwerk.
Beat Mathys
Kaffeekränzchen: Dieses geklöppelte Kaffeetassenset von Annelis Bieri wurde mit Haarspray besprüht und gestärkt.
Kaffeekränzchen: Dieses geklöppelte Kaffeetassenset von Annelis Bieri wurde mit Haarspray besprüht und gestärkt.
Beat Mathys
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Das Klöppeln ist ihr gemeinsames Hobby, niemand hierzulande lebt davon, Handspitze zu verkaufen. Es würde sich auch nicht lohnen, zum Teil arbeiten Klöpplerinnen jahrelang an einem Exponat. Maschinen sind da schneller und genauer. Sie haben die Handarbeiterinnen vor 150 Jahren aus dem Markt verdrängt. Von da an waren Krägen, Borten und die Spitzen an Bettwäsche nicht länger von Hand, sondern maschinell geklöppelt.

Vorher war das Kunsthandwerk, ähnlich wie das Weben, für lange Zeit ein Erwerbszweig für viele Familien. Gerade in adeligen Kreisen trug man gerne Spitze, je mehr, desto besser. Normalen Menschen hingegen war es lange gesetzlich verboten, sich in Spitze zu kleiden.

Männer, die klöppeln

Und weil Klöppeln, das zum Schweizer Kulturerbe gehört, heute ein neu entdecktes Hobby ist, wurde es auch entstaubt. Die neuen Klöpplerinnen widmen sich nicht nur traditionellen Mustern, machen nicht nur die bekannten Spitzendeckeli, sondern entwerfen selber neue Kunstwerke: Schmuck, Bilder und sogar Hüte. Heute ist alles möglich, sogar Männer, die klöppeln. Einer der wenigen ist Gottfried Wälchli. Der 69-jährige Innerschweizer kam durch seine Frau zu seinem Hobby.

Anfänglich entwarf er ihr die Muster auf dem Computer, die sogenannten Klöppelbriefe. Als sie fand, seine Briefe könne man nicht umsetzen, fing er selbst an zu klöppeln. Heute ist er auch Kursleiter und fertigt am liebsten dreidimensionale Muster an. «Es ist faszinierend», sagt er, «man muss eine Idee zuerst geistig als Muster umsetzen und anschliessend noch handwerklich fabrizieren. Und es macht Freude, wenn man es schafft.»

«Man ist nie fertig, hat immer wieder neue Ideen. Und man ist so langsam!»

Annelis Bieri

Annelis Bieri dreht und kreuzt, unaufhörlich. «Es ist ganz leicht», sagt sie, «immer die gleiche Technik. Binär wie beim Computer. Entweder man dreht, oder man kreuzt, das ist alles. Setzen Sie sich hin, versuchen Sie es.»

Es funktioniert!

Der Kopf dreht immer noch, doch die Neugier siegt. Man schaut die Holzklöppel an, die beim Verschieben leicht klingen, verkrampft die Finger, streckt den Rücken, ergreift die Klöppel. Annelis Bieri instruiert. «Man arbeitet immer nur mit vier Klöppeln gleichzeitig. Verschiebt man die Klöppel nach rechts, nennt man das Kreuzen, verschiebt man sie nach links, Drehen.» Kreuzen, drehen, kreuzen. Es funktioniert!

Was kompliziert tönt, wird hier, auf dem Klöppelbrett, plötzlich leicht und logisch. Auch wenn vor einem nur das allereinfachste ­aller Muster aufgeklebt ist. Und man allerhöchstens millimeterweise vorwärtskommt. Doch ein Rhythmus stellt sich ein, eine wohltuende Regelmässigkeit, eine an sich banale Tätigkeit, die Sinn gibt, mit der Zeit, vielleicht. Zufriedenheit.

Faden für 300 Jahre

Frau Bieri, was gibt Ihnen das Klöppeln? Annelis Bieri lächelt, das Lächeln breitet sich einfach auf ihrem Gesicht aus, wie vermutlich immer, wenn das Wort Klöppeln erwähnt wird. «Es ist Fieber in den Fingerspitzen», sagt sie jetzt. Eine Sucht? Sie nickt. «Man ist nie fertig, hat immer wieder neue Ideen. Und man ist so langsam! Zuerst sieht man vielleicht in einem Schaufenster etwas, das man umsetzen möchte. Dann muss man das Muster entwerfen und zeichnen. Erst dann klöppelt man. Von der Idee bis zum Werk kann es gut mehrere Jahre dauern.»

Mit Glück und Ausdauer hält man irgendwann das fertige Produkt in der Hand, zum Beispiel einen filigranen Kettenanhänger, den Annelis Bieri aus Edelstahldraht gefertigt hat. Viele Werke bleiben aber über Jahre unvollendet. Sind mit Stecknadeln auf den Klöppelbrief gepinnt und warten verstaut im Handarbeitszimmer auf bessere Zeiten, die vielleicht nie kommen. Ein endloses Hobby.

«Fäden hätte ich genug, ich könnte 300 Jahre alt werden», sagt Annelis Bieri. Sie lacht, das sind wohl gute Aussichten.

Ausstellung: «Klöppeln – echt ­Spitze!», bis 19.8., Schloss Jegenstorf. www.schloss-jegenstorf.ch

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