«‹Giacobbo/Müller› könnten auch mal einen Philosophen einladen»

Philosophieprofessor Georg Kohler über ein Sozialjahr für Rentner und was er vom Bestseller-Philosophen Richard David Precht hält.

«Ich habe das Glück, nicht neidisch sein zu müssen»: Philosoph Georg Kohler.

«Ich habe das Glück, nicht neidisch sein zu müssen»: Philosoph Georg Kohler.

Philippe Zweifel@delabass

Herr Kohler, Ihr deutscher Kollege Richard David Precht will Pensionierte für ein Sozialjahr verpflichten. Was halten Sie davon? Die Idee ist grundsätzlich nicht falsch, auch wenn sie nicht besonders revolutionär ist. Zumindest nicht in der Schweiz, wo der Milizgedanke eine lange Tradition hat. Der Zürcher Sozialethiker Hans Ruh hat einen ähnlichen Vorschlag denn auch schon vor zehn Jahren präsentiert.

Wäre die Idee umsetzbar? Jedenfalls nicht ohne Mühe. In Deutschland waren die Reaktionen auf Prechts Vorschlag sehr negativ. Aber reden wir von der Schweiz. Hier haben wir eine starke Tradition von Freiwilligenarbeit, die übrigens vor allem von Frauen geleistet wird. Es ist nicht so, dass alle Pensionierten auf der faulen Haut liegen. Im Gegenteil: Prechts Idee ist zum Teil schon realisiert.

Was ist aus der Sicht eines Hochschulphilosophen von Precht zu halten? Er hat die Funktion des Verstärkers von schon vorhandenen Gedanken. Das gehört zum öffentlichen Intellektuellen, als den er sich selbst definiert. Er steht so vor allem in der Tradition von französischen Intellektuellen wie Bernard-Henri Lévy oder André Glucksmann.

Trivialisiert Precht die Philosophie? Trivialisieren heisst ja nicht banalisieren. Trivialisieren heisst zuspitzen. Das gehört zu den Aufgaben eines öffentlichen Intellektuellen. Und das macht Precht sehr gut, dafür gebührt ihm mein Respekt.

Welche Rolle spielt sein Äusseres? Natürlich spielt es eine Rolle. Sein Aussehen ist ja auch schon thematisiert worden. Aber das ist bei allen öffentlichen Figuren so. Man kann entweder besonders gut oder besonders seltsam aussehen. Das gehört zum Geschäft. Früher hat der Schamane ein Geweih getragen, heute hat er lange Haare.

Wurmt einen das denn gar nicht? Sie haben ja wie Precht ein Buch über das Glück geschrieben. Aber es ist kein Bestseller geworden. Über Neid könnte man lange reden. Es ist allerdings ein Gefühl, das man fernhalten sollte, will man glücklich sein. Ich habe das Glück, nicht neidisch sein zu müssen. Ich musste in meinem Berufsleben nie in der Wildbahn der Öffentlichkeit mein Geld verdienen. Ich durfte mich da zwar auch ein bisschen tummeln, hatte aber immer mein gesichertes Einkommen. Letztlich sind es verschiedene Rollen: Hier der Universitätsgelehrte, der sich spezialisiert. Dort der öffentliche Intellektuelle, der die Gesellschaft anspricht. Manchmal füllt einer beide Rollen aus, etwa Jürgen Habermas, ein Gigant in jeder Hinsicht.

Nun kritisiert Precht aber die Spezialisierung der Hochschulphilosophie: Sie entziehe sich so der gesellschaftlichen Verantwortung. Natürlich muss man aufpassen, dass sich die Universitätsphilosophie nicht zu sehr in den Elfenbeinturm zurückzieht. Aber wenn man auf der Höhe der Wissenschaft mitgehen will, muss man als Philosoph auch die Spezialisierung in Kauf nehmen, die zum Prozess der modernen Wissenschaft notwendigerweise gehört. Und als Universitätsphilosoph muss man natürlich zur Kenntnis nehmen, was heute in der Wissenschaft geschieht. Das zeigt sich überall, besonderes vertraut ist mir persönlich zum Beispiel die Rechtsphilosophie. Das mag für die Öffentlichkeit allzu spezialistisch erscheinen, ist für einen Universitätsphilosophen aber unabdingbar. Für die Studierenden der Philosophie wiederum ist es wichtig, über ein Portfolio von Kompetenzen zu verfügen, wenn sie einen Job ausserhalb der Uni finden wollen.

Aber es ist doch so, dass gesellschaftspolitische Fragen letztlich auf eine technokratische Ebene verschoben werden. Sollte sich die Philosophie denn nicht vermehrt in gesellschaftliche Debatten einmischen? Aber das tut sie ja! Mein Vorgänger etwa, Hermann Lübbe, war jemand, der öffentlich sehr präsent war und immer noch gehört wird. Oder nehmen sie Klaus Peter Rippe, den Präsidenten der Ethikkommission zur Einführung genetisch veränderter Pflanzen – von ihm hört man dieser Tage sehr viel. Natürlich übernehmen Ethikkommissionen Spezialaufgaben. Doch sie dienen der Gesetzgebung, also der Öffentlichkeit.

Medial findet die Philosophie aber vor allem im Feuilleton statt. Hier könnte man von Precht lernen. Die Figur des Grossintellektuellen nützt sich sehr schnell ab. Zwar tritt ein Precht bei «Anne Will» und in anderen Talkshows auf – aber er sollte aufpassen, dass er nicht plötzlich im Abseits steht, dass die Leute nicht sagen: Jetzt haben wir genug von diesem Merowinger mit dem langen Zopf.

Ist es nicht so, dass die Hochschulphilosophen einen Dünkel mit populären Plattformen haben? Nein. Es ist vielmehr so, dass dort eine Klasse von Leuten eingeladen wird, die über einen gewissen Spassfaktor oder eine Momentanpräsenz verfügt. Dabei könnte man bei «Giacobbo/Müller» auch mal einen Philosophen einladen – zumal Mike Müller ja mal bei mir abgeschlossen hat.

Sie und Herr Habermas würden also zu «Giacobbo/Müller» gehen, wenn Sie dürften? Ob Habermas das machen würde, weiss ich nicht. Er hat ja das Pech, eine Sprachbehinderung zu haben. Zweitens, und das spricht für ihn, sagt er, sein Temperament gehe manchmal mit ihm durch, das sei schlecht für TV-Auftritte.

…würde aber Quote bringen. Nun, Anspruch und Quote müssen sich ja nicht ausschliessen. Wobei es nicht immer Precht sein muss. Sloterdijk ist ein exzellenter Rhetoriker und ein äusserst witziger Mensch. Und auch Rüdiger Safranski oder Wilhelm Schmid können beide höchst interessant über Glück und Unglück reden.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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