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Ich meine Sie. Genau Sie

Güzin Kar stellt und beantwortet die Adressaten-Frage.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone
Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

Bisher dachte ich, dass Menschen in Zungenroller und Nichtzungenroller unterteilt werden könnten. Sie wissen schon, diese Tischbeschäftigung, zu der immer dann angesetzt wird, wenn die allgemeine Witzrunde durch ist und nur noch die Frage offenbleibt, wie zum Teufel man jemals in diesen Freundeskreis geraten konnte. Dann fängt einer an, seine Zunge zu falten, und alle machen es ihm nach. Ich bin immer froh um diesen Moment, denn da ich weder Kaninchen in Hüte stopfen noch kopfstehend Rad fahren kann, bietet sich mir hier die Gelegenheit, mit einem Kunststückchen aufzutrumpfen. Wobei ich mich dabei ein wenig wie eine Hochstaplerin fühle, denn das Zungerollenkönnen ist genetisch bedingt.

Dass es zwei Sorten Menschen gibt, stimmt zwar, aber es sind nicht die genannten beiden, sondern Gemeinte und Nichtgemeinte. Die Gemeinten sind Menschen, die überall an sie adressierte Botschaften finden. Eine allgemein gehaltene Facebook-Statusmeldung wie «Mèches sehen Scheisse aus» lässt sie sofort antworten: «Du meinst mich, oder?» Heftiger fällt die Reaktion bei Bekundungen wie «Mir gehen Leute, die andere dauernd belehren, auf den Senkel» aus. «Jaja, hab kapiert. Aber Leute, die nicht einmal die Eier und die Chuptse haben, eine Diskussion mit mir auszuhalten, sind feige Schweine!»

Zwei Minuten später entdecken sie einen Blogbeitrag über lustige Verschreiber, googeln alle Wörter, die sie in den letzten zwei Tagen geschrieben haben, um die heimliche Botschaft des Bloggers zu entschlüsseln: «Nur weil mein Korrekturprogramm Chuzpe nicht kennt, ich nie auf einem Gymnasium war und Fleisch esse, heisst das noch lange nicht, dass ich dumm bin!»

Ein guter Beispielkürbis

Naturgemäss sind unter Kolumnenlesern besonders viele Gemeinte. Auf beinahe jeden Text, in dem ich eine allgemein menschliche Verhaltensweise beschreibe (wie hier), folgt eine Arie an Zuschriften wie diese: «Wir haben uns vor acht Jahren bei einer gemeinsamen Bekannten kennen gelernt, und damals hielt ich Sie für eine kluge Person. Aber dass Sie nicht einmal den Anstand haben, mir ihre Kritik persönlich zuzustellen, enttäuscht mich.»

Die Gemeinten erinnern ein wenig an Menschen, die von UFOs entführt wurden. Ausser ihnen selbst fragt sich jeder: Wieso denn gerade so etwas? Von einem Selbstbedienungskürbisfeld, wie sie heuer übers Land verstreut daliegen, nehm ich ja auch nicht den mit den meisten Wurmlöchern mit, sondern irgendwas Solides, etwas, das als Beispielkürbis durchginge.

Aber UFOs und Texte haben es augenscheinlich auf die wackligen Sonderlinge abgesehen. Ich selber gehöre übrigens zu den Nichtgemeinten, ganz einfach, weil ich mich für absolut austauschbar halte. Ich wäre ein guter Beispielkürbis, denn selbst, wenn ich einen Tweet lese wie «Was für eine dumme Kuh diese Frau Kar doch ist», drehe ich mich um, um zu sehen, wie viele Frau Kars ausser mir noch herumlungern. Falls meine Mutter hinter mir steht, ist sie gemeint. Natürlich geben wir Nichtgemeinten für Tragikomödien weniger her als die Gemeinten, denen die eigene Nichtigkeit immer noch schlimmer erscheint, als vorgeführt und verhöhnt zu werden. Ihr Wunsch nach Bedeutung weckt die Erlöserin in mir. Deshalb kommt hier mein Tipp an sie alle: Erst wenn Sie meine Texte rückwärts lesen, finden Sie die eigentliche Botschaft an Sie. An Sie persönlich.

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