Märlitelefon für Fortgeschrittene

«Operation Data Saugus Rex» ist ein interaktives Telefonhörspiel des SRF. Die Hörer entscheiden per Tastendruck, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Das Hörspiel eröffnet am Freitag das Sonohr-Festival in Bern.

Hörer in die Hand nehmen, mitfiebern, entscheiden: Die Macherinnen und Macher des interaktiven Hörspiels «Operation Data Saugus Rex» demonstrieren, was die Anrufer zu tun haben.

Hörer in die Hand nehmen, mitfiebern, entscheiden: Die Macherinnen und Macher des interaktiven Hörspiels «Operation Data Saugus Rex» demonstrieren, was die Anrufer zu tun haben. Bild: SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Versuch misslingt. Ich wähle die Gratisnummer 0800 548 548. Das Hörspiel «Operation Data Saugus Rex» beginnt – leider ohne mich. Ich kann das Telefon noch so dicht ans Ohr drücken, bei all dem Lärm im Zug habe ich keine Chance. Und dann will der Sitznachbar auch noch mit mir sprechen. Eine Pausentaste gibt es nicht. Das wird nichts.

Das zweite Mal bin ich besser vorbereitet. Ich bin allein, ich habe Kopfhörer auf. Und schon bin ich mittendrin. Es spricht Agentin Liu. Sie muss die Welt vor einem riesigen Monster im Netz retten. Dieser Data Saugus Rex hat sich verselbstständigt und saugt wahllos Daten, später sogar Gebäude und Menschen ein.

Per Telefon bin ich mit Liu verbunden. Und mit der Tastatur fälle ich Entscheide – es ist wie ein Märlitelefon für Fortgeschrittene. Zusammen «schlüpfen wir ins Glasfasernetz», wie Liu es ausdrückt. Und dann verzweigen sich die Wege: Nehmen wir den schummrigen? Den leuchtend hellen? Oder den mit Neonlicht? 1, 2 oder 3? Natürlich wähle ich den Falschen. Und Liu endet später in der grossen Saugmaschine.

«Blöd, falsch gedrückt»

Dennoch hat der Ausflug mit Liu Spass gemacht. Ich habe dem Strassenwischer im Netz – also dem Netzwischer – ein grosses Trinkgeld gegeben und Agentin Liu zweimal vor dem riesigen Sauger gerettet. Bis ich mich dummerweise vertippt habe. «Blöd, falsch gedrückt», sagt der Systemoperator mitleidlos zu mir.

Über 300 Einzelszenen haben die Macherinnen und Macher des Hörspiels aufgenommen. Die meisten davon werde ich nie zu Ohr kriegen. Sie mussten auch all die Möglichkeiten einplanen, die ich nicht gewählt habe. Es ist das erste sogenannt multilineare Hörspiel, das SRF produziert hat.

Die Idee dazu hatte Dominik Born. Er arbeitet als Fachexperte für Innovation bei SRF online. Als er am Telefon in einer Warteschlaufe steckte, kam ihm ein ­Gedankenblitz: «Was wäre, wenn man in der Wartezeit ein Hörspiel hören würde?»

«Die Leute haben zwar alle ein ­Telefon, sind sich aber nicht mehr ­gewohnt, zu telefonieren», findet Dominik Born, Innovationsexperte beim SRF.

Da neue Ideen beim SRF sein Kerngebiet sind, half er gleich bei der Umsetzung mit. Regisseurin Julia Glaus entwickelte die Geschichte, Born betreute den technischen Part. Bis das Hörspiel Ende 2016 fertig war, vergingen fast zwei Jahre.

«Man ist mittendrin»

Bisher riefen etwa 4500 Leute auf die Gratisnummer an. «42 Prozent der Personen, die mitspielten, haben bis zum Ende gehört», sagt Dominik Born. Das dauert etwa 25 Minuten. «Die Leute haben zwar alle ein Telefon, sind sich aber nicht mehr gewohnt zu telefonieren. Das ist heutzutage eine Hürde», sagt der Innovationsexperte.

Und warum entwickelten er und sein Team nicht einfach eine App? «Den Medienbruch spürt man nie so hart wie bei einer App», sagt Born, «am Telefon verwischen die Grenzen schneller.» Plötzlich habe man wirklich das Gefühl, man könne Liu unterstützen.

Die Agentin hat sich auch einen Namen für mich ausgedacht. Sie nennt mich Choice, weil ich die Entscheidungen treffe. Wenn sie panisch um Hilfe ruft, dann komme ich etwas ins Rudern. Versuche, die Tasten möglichst schnell zu drücken. Und mache Fehler. «Das macht ja auch den Charme des Hörspiels aus», sagt Born, «man ist mittendrin.» Die Idee der Multilinearität will er beim SRF unbedingt weiterverfolgen. «Ich könnte mir eine ähnliche Geschichte auch in Virtual Reality vorstellen», sagt Born.

Ein bisschen süchtig macht «Operation Data Saugus Rex» ­übrigens auch. Im vierten Anlauf habe ich es geschafft, den Sauger zu zerstören. Und kriege prompt zu hören: «Gratulation, Sie haben sich für den Agentenlehrgang qualifiziert.» Beharrlichkeit zahlt sich aus.

Live-Präsentation des Hörspiels: Freitag, 17. Februar, 18.45 Uhr, Kino Rex 1, Bern. Gratisnummer: 0800 548 548. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 08:47 Uhr

Zum Festival

Morgen Freitag startet das 7. Sonohr-Festival. Es ist das einzige Festival für Audioproduktionen in der Schweiz und findet im Berner ­Kino Rex statt. Das Programm ist vielfältig: Klassische Radioformate wie Hörspiele und Reportagen treffen auf Audio-Spiel-Apps und serielle Podcasts. Das Thema lautet in diesem Jahr «Radio Reloaded». So sollen neue Entwicklungsmöglichkeiten des Radios aufgezeigt werden.

Neben diversen Wettbewerbsblöcken mit 19 Beiträgen von Freitag bis Sonntag gibt es auch ein Kinderprogramm (So, 19. 2., ab 14 Uhr) und Extraveranstaltungen wie das Live-Filmhörspiel «Nosferatu Reloaded» (Sa, 18. 2., 20.30 Uhr, Rex 1) oder ein erotisches Hörspiel in drei Sprachen («Die Nymphe vom Fluss», So, 19. 2., 15.30 Uhr, Rex 2). An der Preisverleihung am Sonntag werden Sieger in vier Kategorien gekürt (20 Uhr, Rex 1).

Programm unter: www.sonohr.ch.

Besserwissen

Ist das Märlitelefon ausgestorben?

Das Telefon war feuerrot. Und es verhiess Gutes: Während die Eltern das Geschäftliche erledigten, konnten sich die Kinder den Märchen widmen. Das Märlitelefon war in vielen Bankfilialen, Arztpraxen und Läden eine feste Institution. Das erste Märlitelefon wurde 1966 von der Firma Vistaphon in einer Bally-Filiale in Zürich installiert. Damals ­hatte es noch graue Hörer. In den 1970ern und 1980ern erlebten die Stationen einen Boom. Marktführerin Vistaphon betrieb in der Hochblüte schweizweit 1200 Märlistationen. Diese Zahl halbierte sich im Laufe der Zeit, bis sie fast ganz ausstarben. In den letzten Jahren gab es ein paar Initiativen, das Märlitelefon wiederzubeleben – sie scheiterten am Interesse der Kinder.

Artikel zum Thema

«Musik für Kinder ist wie eine Cremeschnitte»

Thun Roland Zoss hat seit 1999 insgesamt 25 Hörspiel- und Lieder-CDs für Kinder veröffentlicht. Am 25. und am 26. Juni gastiert er mit Jimmy Flitz und Band am Kinderland-Open-Air auf der Lindermatte. Mehr...

Jetzt machen Papagallo & Gollo den Knie unsicher

Thun Das 10. Abenteuer von Papagallo & Gollo aus der Feder von TJ Gyger und Gölä führt die beiden in Knie’s Kinderzoo in Rapperswil – und ins Chapiteau der Zirkus-Dynastie. Dabei hat die Familie Knie im Hörspiel selber mitgewirkt. Mehr...

Bratpfannenbrutzeln auf Band

Bern Ganz Ohr für Neues: Das Berner Festival «Sonohr» (ab heute) bietet Radiofeatures und Science-Fiction-Hörspiele wie die Berner Produktion «Talentocracy». Mehr...

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light Abo.

Das Thuner Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Casino historisch Als im Casino der Nationalrat tagte

Echt jetzt? Kompletter Irrsinn!

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Der Boden ist Lava: Eine Frau schaut Kindern zu wie sie auf beleuchteten Kreisen in einem Shoppincenter in Peking spielen. (22. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...