Tanzen und bellen frei nach «Giselle»

Die Choreografen Halla Ólafsdóttir und John Moström drehen den Ballettklassiker «Giselle» mit Humor und Einfallsreichtum durch den Fleischwolf. Das Stück läuft in der Dampfzentrale.

  • loading indicator
Helen Lagger@FuxHelen

«Die Performance dauert neunzig Minuten, hinter euch läuft ‹Giselle›, seid ihr bereit?», fragt der schwedische Choreograf lässig. In farbigen Trainingsklamotten treten fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne – es sind Laien aus Bern. Film ab, Köpfe nach hinten gedreht. Carla Fracci, eine der grössten Ballerinen aller Zeiten, spielt in Hugo Niebelings Kultfilm von 1969 das unschuldige Dorfmädchen Giselle. Sie kommt aus ihrem reizenden Walt-Disney-Häuschen getrippelt. Auf der Bühne hüpfen und hampeln die Performer im Gleichschritt mit der Filmfigur.

Die Tanzgeschichte durch den Fleischwolf drehen – das ist seit einigen Jahren gross im Trend. In der Dampfzentrale springt nun das neue Tanzfestival «Forever Young?» (siehe Box) auf den Zug auf. «Giselle» ist eine von sechs Produktionen, die einen Klassiker dekonstruieren. Das Festival ist die junge wilde Schwester des etablierten «Tanz in. Bern». Viel Performatives und Theatrales steht auf dem Spielplan.

Hassliebe zum Ballett

Bei «Giselle» ist man zuerst einmal mächtig irritiert. Wollen die das Publikum veräppeln? Soll man wirklich neunzig Minuten sitzen bleiben und sich ständig den Hals verrenken, um zu sehen wie mit ungelenken Pirouetten ein Ballettfilm nachgestellt wird? Doch hat man sich einmal an das Doppeltsehen gewöhnt, taucht man bald ein in eine Performance voller Spielfreude und schräger Einfälle.

Das aus Schweden stammende Choreografenduo Halla Ólafsdóttir und John Moström isoliert und zerfleddert Gesten und Rollen des Klassikers. Mal werden alle zu «Giselle», mal zu bellenden Jagdhunden oder wild galoppierenden Pferden. Motto: Es gibt nichts, was sich nicht darstellen liesse. Giselle kriegt eine Kette geschenkt, die Gruppe verhakt sich ineinander. Die Dorfgemeinschaft isst und säuft, die Tänzer werden zu Tischen und Zechern.

Kritik an und Respekt für eine alte Kunst war laut Aussage der Choreografen die Motivation für ihr Projekt. Hassliebe verbindet die beiden angeblich mit dem klassischen Ballett. So wird hier manchmal liebevoll eine einzelne Geste imitiert, um gleich darauf das Kitschig-Pathetische des Originals offenzulegen.

Wummernder Technosound

Dem Film hinter ihnen folgen manche Zuschauer längst nicht mehr. Als die «Wilis», jene jungen verstorbenen Frauen, die aus Tanzlust ihre Gräber bei Mondschein verlassen, einen rasanten Reigen tanzen, setzt die Originalmusik für kurze Zeit aus. Die Szene wird mit wummerndem Technosound torpediert.

Auf der Bühne tanzt sich die Gruppe regelrecht in Rage. Das verklärte Ende wird schliesslich mit Céline Dions «My Heart Will Go On» aus «Titanic» illustriert. Sind wir heute mit unserem zelebrierten Hang zur Ironie in Wahrheit gar nicht so viel weniger schnulzig als die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts?

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt