Tarock und Tee

Vor 300 Jahren wurde hierzulande leidenschaftlich Tarock gespielt. Ein Spieleabend im Schloss Jegenstorf will das alte Kartenspiel, das in der Oberschicht beliebt war, wieder aufleben lassen.

Original Tarockkarten von 1718: Ausgestellt im Museum  Blumenstein  in Solothurn.

Original Tarockkarten von 1718: Ausgestellt im Museum Blumenstein in Solothurn. Bild: PD

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Heute Abend wird auf Schloss Jegenstorf gezockt: Ein Tarockabend steht auf dem Programm, jeder, der will, kann mitmachen. Zu Beginn gibt es eine Einführungsrunde für Anfänger. Moment, Tarock? Das klingt vertraut, aber irgendwie auch verstaubt. «Es ist wiederbelebte ­Alltagsgeschichte», sagt Erich Weber. Er leitet das Museum Blumenstein in Solothurn und ist Tarockfan: «Natürlich, ich bin Historiker und hüte ein Haus aus dieser Zeit.»

Er spricht damit den Barock an, die Zeit vor 300 Jahren, die Zeit des Ancien Régime in Bern, als man Musik, Kleider und Baustil aus Frankreich kopierte; Versailles war Vorbild. Und so kam auch Tarock hierher, zuerst nach Solothurn, wo damals die französische Botschaft residierte.

Im Museum Blumenstein ist ein in Solothurn gefertigtes Tarockspiel aus dem Jahr 1718 zu sehen. Vor drei Jahren gab es dort auch eine Ausstellung zu diesem Thema, damals versuchte man die verloren gegangenen Spielregeln zu rekonstruieren, fand heraus, dass im Wallis, in Visperterminen, bis heute ein Spiel gespielt wird, das ähnlich funktioniert.

«Troggu» hat zwar weniger Karten, aber ähnliche Regeln. Der Enthusiasmus von Erich Weber und seinen Mitspielern war so gross, dass heute auf der Website www.troggen.ch nicht nur die Spielregeln von Tarock zu finden sind, sondern das Spiel auch gespielt werden kann.

Geduld und ein genaues Auge

Ein Selbstversuch zeigt: Ganz schön kompliziert, dieses Tarock. Die Spielregeln sind das eine, die sind ziemlich logisch und ähneln zum Teil den Jassregeln, mit Trumpf und Stichen. Das Schwierige sind die Karten: Es gibt ganze 78 Stück, und sie zu unterscheiden, braucht Geduld und ein genaues Auge.

Da gibt es beispielsweise die wunderbare Karte des «Excuse», der ganz offensichtlich ein Landstreicher ist und jederzeit gespielt werden kann. Doch das nützt der Anfängerin auch nicht viel. Und so gehen die ersten vier Runden Tarock – in einer Runde gibt es immer einen Herausforderer, der gegen die restlichen Spieler spielt – brutal verloren. Erich Weber lacht, als man sich als schlechte Tarockspielerin outet.

«Es braucht Geduld», meint er. In Solothurn hat sich in den ­letzten Jahren eine lockere ­Tarockrunde gebildet, es sind etwa 30 Spielerinnen und Spieler dabei, man trifft sich regelmässig, spielt mit den nachgemachten Karten auf einem nachgemachten Tisch. «Nur verkleidet sind wir nicht», sagt er.

«Tarocksocietät» in Bern

Und nun expandiert die Runde nach Jegenstorf. Das ist keineswegs zufällig. Im Schloss läuft noch bis zum 14. Oktober die Ausstellung «Unsere Frauen – im Schloss gelebt, gedient, gehütet». Eine der porträtierten Frauen ist Marguerite Stürler-Tallon (1674– 1711). Die Holländerin heiratete einen Berner, fand die Stadt aber «altväterlich».

Zur Ablenkung rief sie eine «Tarocksocietät» aus. «Sie wohnte am Münsterplatz, erlebte Bern als puritanisch und eng. Sie war eine moderne Frau.» Murielle Schlup, die Museumsleiterin von Schloss Jegenstorf, kommt ins Schwärmen, wenn sie von Marguerite Stürler spricht. Jeden Abend hätten die Stürlers befreundete Ehepaare eingeladen, es gab nicht Wein, sondern Tee. Das war neu, denn Tee hatte man zuvor nur aus medizinischen Gründen getrunken.

«Tarock und Tee wurden schnell zum festen Bestandteil des geselligen Lebens der Berner Oberschicht», sagt Schlup. Marguerite Stürler zu Ehren findet nun ein Tarockabend im Museum statt. Vielleicht gibt es gar Tee. Nur gezockt wird nicht mehr, Jetons müssen reichen.

Und übrigens: Nicht von ungefähr erscheint einem Tarock bekannt. Die Tarotkarten, die man noch heute zum Kartenlesen braucht, haben sich später daraus entwickelt.

Tarock im Schloss: Heute Freitag, 18.30 Uhr (Einführung), Schloss Jegenstorf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 13:52 Uhr

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