Als der Hip-Hop an die Börse ging

«Empire» heisst eine neue, sehenswerte Fernsehserie: Sie erzählt von einer schwarzen Gesellschaftsschicht, die durch den Musikmarkt zu Reichtum gelangt ist.

Jamal, das homosexuelle Wunderkind der Familie: Ausschnitt aus der Serie «Empire».

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Die Sängerin ist gut, aber nicht gut genug. «Nochmals», sagt der Unternehmer Lucious Lyon. «Versetze dich zurück in den Moment, als dein Bruder erschossen wurde.» Die Frau im Aufnahmestudio singt erneut. Gebrochen, verzweifelt, schmerzerfüllt. Und diesmal ist es Magie.

Lyon grinst zufrieden. Je aufrichtiger die vermittelten Emotionen, desto höher der Wirtschaftsertrag. So geht die Gleichung bei Empire Entertainment, dem börsenkotierten Hip-Hop- und Unterhaltungskonzern, den Lyon aufgebaut hat. Er ist der Protagonist der neuen Fox-Serie «Empire», die mit jeder Folge einen markanten Zuschaueranstieg verzeichnete und seit ihrem Start im Januar begeisterte Kritiken in den amerikanischen Medien erhielt.

Söhne buhlen um die Gunst des Vaters

«Empire» ist als Familienepos angelegt: Lyon will sein florierendes Unternehmen einem seiner drei Söhne vermachen. Nur an welchen? An den gebildeten Andre, der an einer bipolaren Störung leidet, aber sich bereits als Finanzchef der Firma hervorgetan hat? An Hakeem, einen talentierten Rapper ohne Anstand? Oder an Jamal, das musikalische Wunderkind der Familie?

Ähnlich wie die Töchter von Shakespeares «King Lear», die ihrem alten Herrn ihre Liebe beweisen müssen, um sein Reich zu erben, buhlen die drei Söhne um die Gunst ihres gebieterischen Vaters. Nur Jamal hält sich raus. Gänzlich uninteressiert am finanziellen Erfolg, gehen ihm die zauberhaftesten Songs von der Hand. Immer handeln sie vom Schmerz der Ablehnung, die er als junger Homosexueller von seinem Vater erfährt, und immer sind sie pures Gold im Handel.

«From Street to Wallstreet»

Die Lyon-Familie steht für eine schwarze Gesellschaft, die durch den Musikmarkt zu sozialem Ansehen und Reichtum gelangt ist. In den 50er- und 60er-Jahren waren es in der Regel weisse Labelbosse, die schwarze Künstler vermarkteten und Stile wie Rhythm’n’Blues oder Rock’n’Roll einem breiten Publikum zugänglich machten. «Empire» aber erzählt von Schwarzen, die sich im Musikgeschäft behaupten, statt von diesem ausgepresst zu werden. Nachdem sich das Popgewerbe in den Achtzigern den Hip-Hop einverleibte, ist dieser nun zu seiner eigenen Industrie herangewachsen.

Wie sich dieser als Geschäftsmodell etablierte, das führen heute auch Rapper wie Jay Z, Dr. Dre oder Kanye West vor: Sie alle sind nicht nur Musiker, sondern verdienen als Unternehmer Millionen. «From Street to Wallstreet», so beschreibt eine Fernsehsprecherin in der Serie den Vorgang. Eine Entwicklung, die Lyons Ex-Frau Cookie die Sprache verschlägt, als sie nach 17 Jahren Gefängnis wegen Drogenhandels endlich freikommt und zum ersten Mal Lyons Villa betritt. Das illegal beschaffte Vermögen, das sie hinterliess, hat Lyon mit seinem Musikimperium potenziert.

Entspanntes Verhältnis zur Hautfarbe

Ähnlich berechnend gingen auch die Macher der Serie vor: Dass die Berücksichtigung einer ethnischen Vielfalt am Fernsehen in den USA derzeit zu den Prioritäten der Direktoren gehört, ist ein offenes Geheimnis. Doch an «Empire» riecht nichts nach falscher Sozialpolitik. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Charaktere der Serie ein entspanntes Verhältnis zu ihrer Hautfarbe pflegen.

Klischees, wie etwa die Vorliebe von Afroamerikanern für Chickenwings, dienen hier zur Pointe. Und Lyon weiss genau, wie er in einer Talkshow sein Schwarzsein präsentieren muss, um sie für ein weisses Publikum verdaulich zu machen. Mit der Figur von Jamal thematisiert «Empire» ausserdem die Homophobie, die im Hip-Hop noch immer verbreitet ist.

Erfunden von Lee Daniels («Precious») und Danny Strong, einem Schwarzen und einem Weissen, reflektiert die Serie ethnische Zugehörigkeit und ist sich der lauernden Stereotypisierung stets bewusst. Und spielt damit. Ein breites und durchmischtes Publikum erreichte sie letztlich dank eines klug konstruierten Handlungsgerüsts, einer Hochdramatik, die nur selten abflacht – und des Soundtracks von Hit-Produzent Timbaland. Auch das Fernsehgeschäft hat seine Erfolgsformeln.


thunertagblatt.ch/Newsnetz

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