Büsi und Trolle

Sind Sie wirklich so schlimm? Gestern diskutierte der erste «Medienclub» mit Moderator Franz Fischlin über Sie – die Leser von Onlineportalen.

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Philippe Zweifel@delabass

Beginnen wir mit Bert Brecht: Der deutsche Dichter wollte ein demokratisches Radio schaffen, das nicht nur sendet, sondern auch empfängt: Die Hörer sollen sich bei Bedarf in «Sender» verwandeln.

Hatte er sich zu viel erträumt? Jedenfalls gings im gestrigen «Medienclub» ums Thema «Ohnmächtige Vierte Gewalt – wenn das Publikum die Medien dirigiert». Pedro Lenz war einer der vier Gäste und machte gleich zu Beginn klar: «De Stammtisch isch wie en Chatroom, aber muesch di nid ilogge.» Wenn man den Schriftsteller eingeladen hatte, um für Kulturpessimismus zu sorgen, durfte man sich auf die Schulter klopfen. Lenz geisselte die Kommentarschreiber für ihre Anonymität und Primitivität genauso wie die Onlinemedienmacher, die sich von diesen das Programm diktieren liessen.

Die ganze Sendung zum Nachschauen. Video: SRF

«Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt verteidigte die Community tapfer. Er verwies auf die Autohygiene auf seinem Onlineportal: User massregeln einander selber. Voigt warnte davor, den negativen Kommentaren zu viel Bedeutung beizumessen. Wichtig seien Moderation und redaktionelle Interaktion mit den Lesern: «Ein Medium ohne lebendige Community ist ein totes Medium.»

«In der Schule lernt man immer noch Texte verstehen, nicht Bilder anschauen.»Pedro Lenz

Schnell zeigte sich, dass das neue Konzept des «Medienclubs» – zwei Pro-Gäste sitzen zwei Contra-Gästen an einem Tisch gegenüber – funktionierte. Die Gäste wirkten konzentrierter und diskutierten auch engagierter als aus der Gemütlichkeit eines «Club»-Sessels heraus. Moderator Franz Fischlin, mit schwarz gerahmter Larry-King-Brille, schaltete sich am Kopfende des Tischs souverän in die Diskussion ein und aus.

Boulevardschelte

Inhaltlich war die Veranstaltung leider arg erwartbar. Hier die Onliner, dort die Printler. Schnelligkeit gegen Recherche. Katzen gegen Schwerverkehrsabgabe. Zwar versuchte Voigt zu erklären, dass sich diese Pole nicht ausschliessen müssen, aber meistens hatte Pedro Lenz dann ein apodiktisches Statement parat: «Gratismedien füllen uns mit so viel überflüssigen News ab, dass Wichtiges gar keinen Platz mehr hat.» Oder: «Die protestierenden Bauarbeiter am HB sind mir näher als ein Justin Bieber.» Er sprach aus eigener Erfahrung – irgendwie: Seine Kolumne im «Blick» guckten die Leute offenbar vor allem wegen seines Bilds an, nicht um des Texts willen. «Doch in der Schule lernt man immer noch Texte verstehen, nicht Bilder anschauen», so Lenz. Konter von Voigt: «Wie über die NSA-Affäre berichten, wenn sich niemand dafür interessiert?» Die Ohnmacht der Medien ist auch die Ohnmacht der Gesellschaft.

«Die Mehrheit des Onlinepublikums ist ein Boulevardpublikum», resignierte auch Mona Fahmy, Autorin und ehemalige «Blick»-Journalistin. Bestenfalls stehe neben dem Trashvideo noch etwas Relevantes. «Leimspur» bemühte Fischlin dazu einen Terminus aus der Kommunikationsforschung. «Quersubvention» nannte es Hansi Voigt.

Zu ähnliche Meinungen

Die Finanzierung von Qualitätsjournalismus: Leider wurde dieser Punkt nicht weiter erläutert. Dabei wäre es interessant gewesen zu erfahren, was die Medienmacher über die Möglichkeit von staatlichen Subventionen oder das Wegbrechen bzw. die Inhouse-Migration des Inseratemarkts zu sagen haben. Und wie könnte relevanter Journalismus, der auch Reichweite erzielt, aussehen? Muss man die Verpackung ändern? Oder eben mehr Geld sprechen und die Journalisten nicht primär als Kostenpunkte verstehen? Auch diese Fragen hätte man gerne vertieft gesehen. Stattdessen gipfelten die Gefechte oft in Boulevard-Bashing. «Hit the main story hard», meinte «Blick am Abend»-Chef Peter Röthlisberger dazu. Was sollte er auch anderes sagen? Er ist ja Boulevardjournalist.

Die Anordnung des neuen «Medienclubs» ist vielversprechend, die Auswahl der Gäste erinnerte bei der ersten Ausgabe aber an das alte Format: zu viele Experten mit zu ähnlichen Meinungen. Vielleicht hätte man einen redlichen, konstruktiven Kommentarschreiber einladen können (ja, die gibt es!). Und wieso die Sendung nicht live ausstrahlen – mit Social-Media-Einspieler?

Mal schauen also, ob die Quoten besser sind als zuvor. Denn wie die viel gescholtenen Onlinejournalisten über die traditionellen Medien zu sagen pflegen: Nur weils nicht läuft, muss es nicht gut sein.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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