Die falsche Fiona

Verschwundene Kinder, pädophile Hippies: Der neue «Tatort» war ein abgründiges Stück Krimi.

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Claudia Schmid@zueritipp_

Keine After-Work-Sprüche an der Bar, keine Witzchen an der Kaffeemaschine: Die Bremer Kommissare Lürsen und Stedefreund waren in «Die Wiederkehr» schwer am Schuften – und wechselten nur wenige Worte. Sie standen auch nicht im Zentrum.

Im Drama ohne Stunts und Mörderjagd ging es um die Familie Althoff. Die hatte zwar ein schönes Backsteinhaus mit Garten, aber dahinter sah es düster aus: der Vater tot, Teenagersohn Jan mit Essstörungen und die adoptierte und fast erwachsene Tochter Kathrin in der Mutterrolle. Den grössten Kummer aber bereitete die jüngste Tochter Fiona. Sie war vor zehn Jahren verschwunden, als sie sieben Jahre alt war. Damals hatten Lürsen und Stedefreund erfolglos nach ihr gesucht. Der Vater, der als tatverdächtig galt, beging Selbstmord.

Gestern hatten Lürsen und Stedefreund wieder mit den Althoffs zu tun, weil Fiona auftauchte. Sie stand plötzlich vor der Tür – ein Mode-Punk mit grünen Fingernägeln und pinkfarbenen Haaren. In einer starken, dialoglosen Szene beschnupperten Mutter und Geschwister, Tieren gleich, skeptisch die verlorene Tochter.

Überraschendes Ende

Die Rückkehr Fionas war für Inga Lürsen belastend, weil sie erkennen musste, dass der Vater damals unschuldig war. Hatte sie ihn mit ihrem Verhör in den Tod getrieben? Auch zur Familie Althoff stellten sich Fragen: Woher kam Fiona? Was hatte sie in ihrer Abwesenheit erlebt? Die offenbar (scheinbar) sexuell Traumatisierte erzählte, wie sie mit zwei Hippies in einem Camper durch Europa reiste und man regelmässig «Dinge» in sie «hineinsteckt».

Dann legte das Missbrauchsdrama einen gewagten Kurswechsel hin, der aber perfekt funktionierte: Kathrin schöpfte Verdacht, dass Fiona nicht Fiona war, was Abgleichungen mit zehn Jahre alten DNA-Spuren bestätigten. Plötzlich fand sich der Zuschauer in einem Thriller um Identitätsfragen wieder. Ein aggressiver Typ in Lederjacke, offenbar Fionas Freund, tauchte immer wieder auf. Wer war er? Wer war die falsche Fiona? Wo war die richtige Fiona? In einem Höllentempo galoppierte die abgründige Geschichte auf ein überraschendes Ende zu.

Die Themenvielfalt des Dramas – verschwundenes Kind, Suizid, Essstörung, Adoption – bot Stoff genug für eine TV-Serie, was bisweilen zu dramaturgischen Unschönheiten führte. Aber dank der exzellenten Jungschauspieler und der aufsässigen Kamera wurde man immer stärker in das Schicksal der Althoffs hineingezogen, das man weiss Gott keiner Familie wünscht.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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