Zum Hauptinhalt springen

Die Nazis und das explodierte Zwetschgenkompott

Sendungsbewusst: Fernsehen und Youtube sind eine allwissende Bildungsanstalt, wenn man nur zufälligerweise den richtigen Knopf drückt.

Im deutschen Fernsehen war zum 65. Geburtstag des Kriegsendes die Zeit der nostalgischen Selbstgeisselung ausgebrochen: Ein Bombenregen fiel auf Dresden («Dresden», ZDF), ein Bombenregen fiel auf Berlin («Der schwere Weg zum Frieden», Vox), und am Ende krochen ausschliesslich gute und höchst patente Überlebende aus den Ruinen, und der Ex-Nazi wurde des Juden neuer bester Freund. Die hübsche Schauspielerin Felicitas Woll konnte sich in Dresden als Krankenschwester nur schwer zwischen einem englischen Bomberpiloten und einem deutschen Arzt entscheiden (ein Erzählstrang, der mich seltsam an das Geschick der Krankenschwester Toni in «Marienhof» erinnerte). Die noch hübschere Schauspielerin Nina Hoss wurde in Berlin («Anonyma – Eine Frau in Berlin», ZDF) zum Opfer lüsterner Russen, und im Westen wie im Osten schleppten tapfere Trümmerfrauen tonnenweise Steine.

Am nachhaltigsten beschäftigte mich eine Szene in einem Dresdener Luftschutzkeller, wo Zwetschgenkompott in Einmachgläsern zu kochen begann und dann rot in den Keller hinaus explodierte, während die Menschen im Keller ihrerseits noch ganz blieben. Mein Liebesleben hat es mir dann erklärt, dass es mit diesen Gläsern während des Dresdener Feuersturms eben ähnlich wäre wie mit kochendem Wasser bei uns in den Bergen, weil in den Gläsern mit ihrem konservierenden Vakuum ja ein Unterdruck herrsche und das Kompott dann bei weit niedrigerer Temperatur kochen würde als ein Mensch, in dem ganz normale Druckverhältnisse am Werk sind. Ich bin mir ganz sicher, dass das stimmt.

Weil ausser den Nazis auf den deutschen Sendern ohne Ausnahme schlimmstes sogenanntes «Unterschichtsfernsehen» lief, das ich mir mit gar keiner Entschuldigung irgendwie zurechtreden konnte, verabschiedete ich mich ins Internet, aber auch dort stiess ich zuerst wieder nur auf Britney Spears, die schon wieder ohne Unterhose fotografiert worden war. Doch dann wurde es besser. Drei richtig alte amerikanische Herrschaften sassen in Philadelphia im trostlosen Sulimay-Café und redeten über zeitgenössische Popmusik (zu finden unter dem Stichwort «Sulimay» auf Youtube). Sie hiessen Bill, Ann und Joe, und Ann wurde bei Bruce Springsteen zu einem traumäugigen Monster im rosa Pulli und mit perückenhaft blondierten Haaren und hauchte nur noch: «Wow, wooow, deshalb nennt man ihn den Boss!» Und Bob Dylan wollte sie schleunigst Lutschtabletten gegen seine Heiserkeit schicken. Bill verurteilte die Hip-Hop-Band Common mit einem endgültigen: «Ich bin einfach gegen Rapper», dagegen mochte er den Melancholiker Bon Iver total, «weil ich ein trauriger Mensch bin». Der herzige Joe bezeugte die meiste Mühe, er sehnte sich hoffnungslos nach den lüpfigen Melodien der 30er-Jahre und verabschiedete sich von den Zuschauern mit «TTFN!», also mit «Ta ta for now!», was so viel heisst wie «Bye-bye for now!», weil sich damit «im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Mädchen von ihren Soldaten verabschiedet hatten».

Und so kamen denn über diese kokette Fussnote der Geschichte nach den Engländern und den Russen auch noch die Amerikaner in den Erinnerungszirkus über den Zweiten Weltkrieg hineinmarschiert. Und ich bin mir ganz sicher, dass das Fernsehen im Grossen, und das Youtube-Fensterchen im Kleinen schon eine unerhört allwissende Bildungsanstalt sind, wenn man nur zufälligerweise den richtigen Knopf drückt. TTFN!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch