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Die WM in Pyongyang

Von Nordkorea weiss man nichts? Falsch: Ein Engländer, der in Pyongyang lebt, berichtete per Blog, wie die Nordkoreaner die WM verfolgten.

Kein anderes Land hat je ein Umfeld so voller allgegenwärtiger Propaganda geschaffen. Ob Massentanz im gigantischen Kim Il-sung-Stadion, das Platz für 160'000 Menschen bietet und für die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag der Partei genutzt wird,...
Kein anderes Land hat je ein Umfeld so voller allgegenwärtiger Propaganda geschaffen. Ob Massentanz im gigantischen Kim Il-sung-Stadion, das Platz für 160'000 Menschen bietet und für die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag der Partei genutzt wird,...
Keystone
...oder Schulen...
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Keystone
Und spezielle Spielecken in einem Kindergarten in Sinuiju stimmen die Kinder politisch auf ihre Gegner ein.
Und spezielle Spielecken in einem Kindergarten in Sinuiju stimmen die Kinder politisch auf ihre Gegner ein.
Keystone
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Mit null Punkten und 1:12 Toren traten die Nobodys aus dem isolierten Norden der koreanischen Halbinsel als schlechtester WM-Teilnehmer die Heimreise an. Von einem Straflager, das die Spieler erwartet, war danach in westlichen Medien die Rede. Doch was wissen wir über die Fussballszene des kommunistischen Landes schon? Im Vorfeld der WM war nicht einmal bekannt, ob die Spiele in Nordkorea übertragen werden.

Zumindest dieser Punkt ist nun geklärt. Offenbar zeigte das nordkoreanische Fernsehen stets einen Match pro Tag, allerdings nicht live, sondern mit einem Tag Verspätung. Zu verdanken haben wir diese Information einem Engländer, der in Nordkorea lebt und die Spiele der Mannschaft per Blog kommentierte. Zu lesen sind die Einträge auf der englischen Sport-Site «Football Ramble». Zwar bleibt der Mann anonym, doch die Macher der mit verschiedenen Preisen ausgezeichneten Fussball-Site verbürgen sich für «Our Man in Pyongyang».

Nordkoreaner lieben Fussball

«Die kleine Ausländer-Gemeinschaft in Pyongyang verfolgte Nordkoreas Spiel gegen Brasilien live über Satelliten-TV. Die einheimische Bevölkerung musste bis zum nächsten Abend warten», schreibt der Blogger. Allerdings habe das Resultat (2:1 für Brasilien) bereits am nächsten Morgen die Runde gemacht. Wahrscheinlich über Lautsprecher, die an Pyongyangs Strassenecken montiert sind, um die Bevölkerung mit Informationen zu versorgen. Ausserdem, so der Autor, brachte «Rodong Shinmun» («Die Arbeiterzeitung») einen kurzen, nüchternen Bericht: Die Mannschaft habe sich gute Chancen erarbeitet und die Hoffnung auch nach zwei Gegentoren nicht verloren. «Wären wir nur so stark wie unser Führer», wird der Captain zitiert.

Als das Spiel am nächsten Abend am TV übertragen wurde, sei es auf den ohnehin ruhigen Strassen Pyongyangs noch ruhiger als sonst gewesen. Entgegen westlicher Annahme, würden die Nordkoreaner Fussball lieben und auch einiges davon verstehen – jeden Sonntag Abend strahlt das Fernsehen eine Zusammenfassung des internationalen Fussball-Geschehens zusammen. Allerdings unterstütze das Volk vor allem die Frauen-Nationalmannschaft, da diese mehrere Male den Asia Cup gewonnen haben und von der Regierung als Vorbilder propagiert wird. «Die wenigen Nordkoreaner, mit denen man als Ausländer in Kontakt kommt, reden enthusiastisch über Fussball», so der Blogger weiter. Neben ihrem eigenen Team seien sie vor allem für die Mannschaft aus Südkorea. Ausserdem heisse der Erzfeind Japan – und nicht Amerika.

Stille herrscht

Die knappe Niederlage gegen Brasilien ist verständlicherweise als Erfolg gewertet worden. Davon beflügelt, entschied sich die Regierung, das nächste Spiel gegen Portugal live auszustrahlen – eine Sensation, die im Volk begeistert aufgenommen wurde, so der Blogger. Eine Fehlentscheidung, wie wir heute wissen: Nordkorea verlor 7:0 gegen Portugal. «Die Arbeitszeitung» ignorierte das Spiel denn auch total. Im Volk kursierten Gerüchte über gedopte Portugiesen und die Möglichkeit, dass die drei Punkte nun Nordkorea zugesprochen würden.

Dabei sei die Stimmung vor dem Match hervorragend gewesen, so der Blogger. Die Stromversorgung habe erstaunlich gut geklappt. Die zehn nordkoreanischen Kellnerinnen in der Ausländer-Bar hätten während der Landeshymne eine stolze Haltung eingenommen. Jede Ballberührung eines Nordkoreaners sei von Jubel begleitet gewesen. Derweil herrschte in der Stadt Stille. Weil es kein Public Viewing gegeben habe, spielte sich die WM im Privaten ab – auch weil alle Restaurants in Pyongyang um neun Uhr Abends schliessen. Ein weiterer Unterschied zum Westen: Da Gesichtsverlust für Nordkoreaner schlimmer als der Tod sei, habe die herbe Niederlage die Zuschauer schwer in ihrem Nationalgefühl verletzt. Die zehn Kellnerinnen jedenfalls seinen nach dem Spiel untröstlich in Tränen aufgelöst gewesen.

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