Entblössung in kaltem Licht

Am Samstag ist das Finale von «Darf ich bitten?». In der SRF-Show vergewissern sich Promis ihrer Karrieren – und ihrer selbst.

  • loading indicator
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

So ein Tänzchen in Ehren hat durchaus was Gefährliches. In ihm gespeichert sind heftige Affekte, die sich Schritt für Schritt entladen. Tanztheoretiker beziehen sich auf Psychoanalytiker Jacques Lacan: Ihm zufolge kommt der Affekt nicht von innen her, sondern von aussen, springt einen quasi an, destabilisiert das Subjekt.

Ein durchschnittlicher Promi hält das kaum aus, verständlicherweise. Deshalb diese geweiteten Augen, die Umarmungsattacken und die Tränen, die vielen Tränen – unmittelbar danach, nach dem Jive oder Charleston im kalten Scheinwerferlicht.

Wenn die SRF-Show «Darf ich bitten?» am Samstag ins Finale geht, dürfte ihr wieder Verblüffendes gelingen: Promis verlieren die Selbstkontrolle, und auf einmal sympathisiert man mit ihnen, die einem sonst eher egal sind. Man bibbert, dass sie die Übung glimpflich zu Ende bringen und freut sich dann ob der Erleichterung, wenn das Drehen und Wenden geglückt ist.

Emotion auf Kommando

Tanzshows sind Fossile der Reality-TV-Ära, die Letzten einer zweifelhaften Art. «Darf ich bitten?» ist eine Abwandlung der BBC-Show «Strictly Come Dancing», die vor 15 Jahren erstmals gezeigt wurde. Dass sich Tanzshows schon so lange halten können, ist kaum Zufall. Zu «Big Brother»-Zeiten musste man lange warten, bis man endlich auf ein flaches zwischenmenschliches Knistern oder eine laue Peinlichkeit stiess. Bei «Darf ich bitten?» entblössen sich die Promis emotional innert Sekunden, auf Kommando.

Ab dem ersten Takt gilt: Flow oder Flop. Ein Trippeln nur liegt zwischen Triumph und Blamage. Die Profi-Tänzerinnen zur Seite können helfen, aber nichts retten. Zudem maximiert die Show den Nostalgie-Effekt, von Elvis bis DJ Bobo hats für alle eine schöne musikalische Privat-Assoziation dabei, die einen etwas heftiger mitgehen lässt. Bereits das Intro zitiert die berühmtesten Tänze und Tanzorte des modernen Westens, beginnt mit dem Swing und endet mit dem Street-Dance. Vorgeführt werden bei «Darf ich bitten?» denn auch nur die bekanntesten Schablonen aus dem Archiv der Tanzgeschichte.

In die Klischees hinein schmiegt sich Reality-TV-Personal: Die frühere Miss, der etwas verlorene Ex-Spitzensportler, der Moderator, dems nicht mehr ganz so rund läuft. Dass die Promis ihre Karriere tanzend vorantreiben wollen, steht ausser Frage. Wollten sie bloss Spass haben, könnten sie sich ja in der Disco oder im Abendkurs austoben. Dass ihre rabiaten popkulturellen Aneignungs- und Verwandlungsversuche dabei nicht ohne Fremdschämgefahr ablaufen, verwundert wenig.

Assessment-Tugenden vorführen

Doch während «Big Brother» eine traurige Gammel-Existenz simulierte und wie eine Zwischenstation beim gesellschaftlichen Abstieg wirkte – und «Big Brother» war oft eine Zwischenstation beim gesellschaftlichen Abstieg –, haben die Prominenten bei «Darf ich bitten?» deutlich günstigere Bedingungen, ihr soziales Kapital zu mehren. Sicher, Peinlichkeiten gibt es, einen Ausrutscher hier oder eine Hüftsteifheit dort. Aber so etwas beschädigt ein Image nicht längerfristig, und die Juroren sind auch nicht Dieter-Bohlen-mässig auf Vernichtung aus.

Während der Sendung gibts Einspieler zum vorhergehenden Training, in kargen Räumen und Fitnesskluft arbeitet der Promi an sich und befolgt die Instruktionen. Tanzen lernt er dabei nicht im eigentlichen Sinn, sondern er lässt sich eine Choreografie in die Beine drillen. Der Promi beweist so aller Welt, dass er ein Mensch ist, der Leidenschaft mit Disziplin verbinden kann. Kardinaltugenden, die bei jedem Assessment gefragt sind.

Schlaufenexistenzen

Zweifelhaft jedoch, ob sich die Welt dafür interessiert – und nicht halt doch ausschliesslich für den psychologischen Ausnahmezustand, in den sich die Promis hineintanzen. Auf die Frage, ob sich die Show für sie gelohnt habe, antwortet Susanne Kunz, die SRF-Moderatorin und Siegerin der letzten Staffel, gar nicht. Fabienne Louves, Gewinnerin der ersten Staffel, weicht aus: «Der Sieg bei Musicstar 2007 hat meiner Karriere geholfen, deswegen war ich unter anderem auch bei ‹Darf ich bitten?›.» Die Schlaufenexistenz zwischen Castingshows, Engagements auf kleinen Bühnen oder in kleinen Rollen auf grossen Bühnen und kurzen Interviews in Promi-Medien – sie scheint unentrinnbar.

Reality-TV bleibt Reality-TV, eine Fabrik der Emotionen. Oder wie Sylvie Meis, die Moderatorin der deutschen Tanzshow, einmal sagte, unmittelbar vor einer Werbeunterbrechung: «Franziska erzählt uns gleich von ihrer ganz schlimmen Knieverletzung. Also, liebe Zuschauer: Bleiben Sie dran und feiern Sie mit uns!»

«Darf ich bitten?», SRF 1, Samstag um 20.10 Uhr

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt