Faule Verbrecher, faule Kommissare

Die «Tatort»-Sommerpause ist lang. Sie stellt Krimifans auf eine harte Geduldsprobe.

Sprüche wie die seinen dürfte heute kein Kommissar mehr klopfen: Sieghardt Rupp als Zollfahnder Kressin. Foto: Peter Bischoff (Getty Images)

Sprüche wie die seinen dürfte heute kein Kommissar mehr klopfen: Sieghardt Rupp als Zollfahnder Kressin. Foto: Peter Bischoff (Getty Images)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Ferien! Die halbe Schweiz aalt sich am Strand oder schwitzt beim Anstieg auf den Soundso-Gipfel. Die Büros sind nur halb besetzt, wenn überhaupt, sogar die Zeitungsumfänge sind reduziert. Denn auch die Daheimgebliebenen fahren das Tempo runter, machen mal halblang.

Eine Pause macht offenbar sogar das dunkle Gewerbe. Gemeint sind die Fernseh-Mörder. Gemeinsam mit ihren natürlichen Gegenspielern, den Ermittlern, haben sie einen Waffenstillstand geschlossen: Die einen töten nicht, die anderen verhaften nicht.

Jeden Sommer geht das so, und zwar im Vergleich zu anderen Berufsgruppen exzessiv: Mehr als zwei Monate pausieren Mörder und Ermittler in diesem Jahr. Am 16. Juni bespielten unsere Schweizer, Flückiger und Ritschard, den Bildschirm, und erst am 18. August kommt das Polizistinnenpaar aus Dresden zum neuen Einsatz. Zwei Monate – wer von der arbeitenden Bevölkerung hat so lange Ferien? Nicht einmal die Lehrer. (Bitte jetzt keine Mails oder Leserbriefe aus Lehrerkreisen! Ich weiss, das ist ein harter und nützlicher Beruf.)

Konserven gegen Entzugserscheinungen

Für den TV-Zuschauer, der frisches Krimi-Blut schätzt, ist das eine schlechte Nachricht. Wo bleibt der Nervenkitzel? Wo das prickelnde Gefühl, dass es da draussen ja ähnlich zugehen könnte wie auf dem Bildschirm; wo das beruhigende, dass nach 90 Minuten alles aufgeklärt ist, die Welt wieder in Ordnung?

Wer schlimme Entzugserscheinungen hat, wird von den Sendeanstalten mit Konserven abgespeist. Alte Fälle, längst aufgeklärt, werden nochmal in aller Ausführlichkeit durchgekaut. Heute Abend etwa dürfen Gubser-Fans sich die alte Folge «Die Musik stirbt zuletzt» reinziehen (auf 3sat). Morgen folgt ein «Polizeiruf», Sonntag witzeln sich Thiel und Boerne durch Münster (ARD zur «Tatort»-Prime-Time), und Montag gibts Wiener Schmäh mit Moritz Eisner und Bibi Fellner. Auf Hessen drei.

Ein halbes Jahrhundert zurück

Ja, die deutschen Regionalprogramme kompensieren die Mörderpause üppig – spätabends läuft immer irgendwo eine alte Folge. Oft ist es eine sehr alte, mit Kommissaren, die längst im Ruhestand angekommen sind und deren Darsteller auf dem Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet. Wie Wiedergänger begegnet man etwa dem wunderbar spiessigen Dietz-Werner Steck (Bienzle). Dem nie erwachsen gewordenen Götz George (Schimanski). Dem unverschämten Sieghardt Rupp (sein Zollfahnder Kressin fragte die Mädchen, bevor er mit ihnen ins Bett ging, erst mal, wie ihr Kaffee sei).

Kressin ermittelte in den frühen Siebzigern. Eine so alte «Tatort»-Folge ist also eine Zeitreise, fast ein halbes Jahrhundert zurück. Ein kleiner Trost für die überlangen Ferien der gegenwärtigen Akteure. Im Spätsommer dann aber bitte: mit verdoppeltem Einsatz!

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