In der Rolle des Spielverderbers

Wenn SRF-Mann Christof Franzen über Kerker und Kosaken berichtet – ist das zu viel der Kritik?

Sorgt für Kontraste im Sportprogramm: Russland-Korrespondent Franzen. (Bild SRF)

Sorgt für Kontraste im Sportprogramm: Russland-Korrespondent Franzen. (Bild SRF)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die WM ist brisant wie lange nicht. Sie findet in einem Land statt, das wegen eingesperrter Aktivisten in den Schlagzeilen ist und wegen der Krim-Annexion geächtet wird. Es könnte vorkommen, dass Putin-Gegner in den Stadien Transparente entrollen, oder dass Kosaken ausrasten oder dass Hooligans zu prügeln beginnen. Die Veranstalter werden alles tun, dass so was ausbleibt. Wenn es trotzdem passiert, wird die Fifa als Herrin der TV-Bilder wie üblich ausblenden und wegschwenken.

Und das Schweizer Fernsehen? Es ist bei den Übertragungen weitgehend von der Fifa-«Weltregie» abhängig. Allerdings kann es bei den Nati-Spielen vier eigene Kameras einsetzen, eine davon fokussiert die Zuschauerränge. Falls dort «publizistisch Relevantes» geschehe, werde man das auch zeigen, sagt ein Sprecher. Zudem könnten die Kommentatoren frei über die Situation in den Stadien berichten, man bemühe sich um die «notwendige kritische Distanz». Im WM-Rahmenprogramm wird Putins Politik und die russische Gesellschaft ebenfalls Thema sein. Russland-Korrespondent Christof Franzen wird Reportagen drehen, die zwischen den Spielen gezeigt werden.

Forderungen an SRF

Für manche geht das zu weit. SVP-Nationalrat und Aussenpolitiker Thomas Matter etwa lehnt jede Form der politischen Berichterstattung im Sportprogramm ab. «Die Konzessionszahler wollen in der Sparte Sport Fussball sehen und bei der ‹Tagesschau› und ‹10 vor 10› Politik», sagt Matter. Man solle das Ganze nicht vermischen. «Sonst sind wir genau wie Putin, dem wir gleichzeitig vorwerfen, er vermische die WM mit seiner Politik.»

Auf der anderen Seite steht Amnesty International. Der NGO dürfte zu wenig sein, was SRF nebst Live-Abdeckung aller Matches und opulenter Spielanalyse bietet. Amnesty International wünscht sich – unter anderem – Berichte über die Situation der Homosexuellen in Russland, über junge Aktivisten, über lokale Menschenrechtler. Zur WM veröffentlichte die Organisation eigens ein Handbuch für Journalisten.

Die Menschen und das System

Anruf bei SRF-Mann Christof Franzen, Moskau. Wie geht er mit dem Dilemma um? «Jeder spielt hier seine Rolle», sagt Franzen, der seit über zehn Jahren aus Russland berichtet. «Dass einige SVPler Putin freundlich gesinnt sind, ist nichts Neues. Ebenso wenig, dass NGOs das Negative mehr betonen als die Fortschritte.» Franzen sagt, seine kritische Berichterstattung zu Russland werde hauptsächlich in der «Tagesschau» und den anderen Politgefässen stattfinden.

Im Sportprogramm wolle er nicht die schlimmsten Seiten Russlands zeigen, wolle vielmehr als Türöffner dienen, die Menschen des Landes vorstellen. «Man muss ja immer zwischen dem System und den Menschen unterscheiden.» Auf den Strassen mache sich derzeit das Bemühen vieler Russen bemerkbar, sich als gute Gastgeber erweisen zu wollen. «So radebrechen die Polizisten plötzlich auf Englisch.»

Besuch bei den Kosaken

Bei aller Kulturvermittlung: Christof Franzen bleibt ein hartgesottener Politberichterstatter. Auch wenn er das nicht beabsichtigt, wird er für viele ein Spielverderber sein. Das zeigt der Blick auf seine geplanten Beiträge. So wird Franzen den Schweizer Fans zwischen Bier, Chips und Fussball-Fachsimpelei einen Bericht über Wolgograd als «Hauptstadt des russischen Patriotismus» auftischen. Darin seien Kinder zu sehen, die grotesk heimattümelnde Lieder singen würden. Ja, das sei dann schon auch als kritische Dokumentation des Putin-Nationalismus zu verstehen, sagt Franzen.

Den umstrittenen, heute vor allem als Schläger gefürchteten Kosaken wird Franzen einen weiteren Beitrag widmen, der im WM-Rahmenprogramm ausgestrahlt wird, anmoderiert von einem Päddy Kälin oder Rainer Maria Salzgeber. Eventuell wird Franzen auch einen Beitrag über Saransk zeigen – eine Region, die laut Autor Wladimir Kaminer einzig für «Gefängnisse und Lager» bekannt ist. Daneben sind eher idyllische Beiträge geplant, etwa über Bernsteinförderung in Kaliningrad.

Franzen wird in den kommenden Wochen eine Blitzableiterfunktion übernehmen. SRF wird auf Franzens Arbeit verweisen, wenn Kritik wegen zu wenig Kritik ertönt. SRF-Kritiker werden auf ihn verweisen, um zu viel Kritik zu kritisieren. Franzen selber nimmts gelassen. Er freue sich auf den nächsten Cupfinal mit dem FC Sion, sagt der Walliser. «Dann wird Fussball für mich so richtig interessant.»

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