Nun übernimmt die Wadenbeisserin

Kann die Superanwältin Kathleen Zellner den vermeintlich unschuldigen Mörder Steven Avery retten? Die zweite Staffel des True-Crime-Hits «Making a Murderer» ist fast zu unterhaltend.

Netflix-Doku «Making a Murderer»: Steven Avery wurde 2005 wegen Mordes verurteilt. Zuvor sass er 18 Jahre unschuldig im Gefängnis.

Philippe Zweifel@delabass

Dass das Leben spannender sein kann als ein Thriller, wissen wir spätestens seit der True-Crime-Doku «Making a Murderer». Vor drei Jahren sorgte die Netflix-Serie für weltweites Aufsehen – und Anteilnahme am Schicksal von Steven Avery. Der Autohändler sass unschuldig 18 Jahre im Gefängnis. Als er rauskam, wurde er zwei Jahre später erneut verhaftet, weil er zusammen mit seinem Neffen eine junge Fotografin umgebracht haben soll. In ihrem Toyota entdeckte die Polizei Averys Blutspuren und DNA. Doch das Beweismaterial, gefunden von jenen Polizisten, die Avery bereits einmal unschuldig einbuchteten, wirkte konstruiert.

Ein derartiger Erfolg war die Serie, dass eine zweite Staffel angekündigt wurde. Doch kann eine Doku weitererzählt werden, die mit der lebenslangen Einkerkerung der Protagonisten eigentlich abgeschlossen ist?

Zehn Jahre lang recherchierten die Filmemacherinnen Laura Ricciardi und Moira Demos den Fall für die erste Staffel, um ihre Funde dem Publikum zu präsentieren. Nun konzentrieren sie sich auf die neue Anwältin von Avery. Kathleen Zellner ist darauf spezialisiert, vermeintlich unschuldige Täter aus dem Gefängnis zu holen. Sie entpuppt sich als Glücksfall für die Serie. Die 61-Jährige ist ein Wadenbeisser von einem Anwalt, kühl und analytisch. Was sie antreibt, ist der Frust über das amerikanische Justizsystem. US-Berufungsgerichte, sagt Zellner, seien darauf ausgerichtet, Verurteilungen zu bestätigen: «Die Anforderungen für einen erneuten Prozess sind lächerlich hoch.»

So entlarvt auch die zweite Staffel von «Making a Murderer» das US-Rechtssystem als fehlerhaft. Zellner rekonstruiert deshalb den Mord Punkt für Punkt. Sie untersucht, wie viel Hitze es braucht, um einen Körper zu verbrennen, und lässt eine Puppe in ein Auto schleudern, um die gefundenen Blutspritzer zu imitieren.

Solche Szenen sind spektakulär, sie erinnern an die Krimireihe «CSI», in deren Zentrum Forensiker stehen. Allerdings können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich an der Beweislage seit der ersten Staffel nicht viel geändert hat. Ausserdem wird der Fall inzwischen medial dauerbegleitet. Die Twists, ob Avery freikommen wird, sind weniger wuchtig. Inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die Netflix vorwerfen, auf Kosten einer ermordeten jungen Frau Unterhaltung zu machen. Eine dritte Staffel, die zur Diskussion steht, sollte sich der Streamingdienst gut überlegen.

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