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Heiligenbilder und heiliger Bimbam

In der Ausstellung «Ikonen²» treffen Sakralbilder auf zeitgenössische Werke, die sich mit religiösen Bildthemen auseinandersetzen.

Die Madonna mit Kind? Jesus mit Gebetstafel? Eigentlich keine überraschenden Darstellungen im Kirchenraum. Eigentlich. Doch bei den Werken des rumänischen Künstlers Petru Tulei, die derzeit in der Heiliggeistkirche ausgestellt sind, handelt es sich um Ikonen – und diese trifft man für gewöhnlich in Ostkirchen an, nicht in einem reformierten Berner Gotteshaus.

Selbst wer Tuleis Bilder noch nie gesehen hat, kennt sie, denn: Die Bildsprache der Ikonen folgt strengen Gesetzen. Häufig stellen die Sakralbilder Maria, Jesus und weitere Heilige sowie biblische Szenen aus der Passion Christi dar. Auf Holz gemalt und mit einem Goldgrund hinterlegt, gehören die Tafelbilder zur Li­turgie und sollen eine Verbindung zwischen den Betrachtern und den abgebildeten Heiligen schaffen.

Madonnen aus Keramik, neu interpretiert von der Bernerin Christine Aschwanden. Bild: Stefan Maurer/zvg
Madonnen aus Keramik, neu interpretiert von der Bernerin Christine Aschwanden. Bild: Stefan Maurer/zvg

Allgegenwärtige Ikonen

Aufgrund des hohen Wiedererkennungseffekts – auch für Bibelunkundige – wurde der Begriff Ikone im Laufe der Zeit ausgeweitet und wird heute für alle möglichen Posen, Sujets und Designs verwendet, die es ins kollektive Gedächtnis geschafft haben. Marilyn Monroe im aufgewirbelten weissen Kleid? Eine Ikone. Apples iPhone? Ebenfalls.

Auch Kunstschaffende haben den religiösen Begriff immer wieder hinterfragt und neu interpretiert. Am radikalsten ging der russische Künstler Kasimir Male­witsch vor, der bereits 1915 sein «Schwarzes Quadrat» an jener Stelle im Ausstellungsraum platzierte, die eigentlich der Ikone vorbehalten war – und schuf damit die wohl prägnanteste «Ikone» der Abstraktion.

Nun wagt die offene Kirche in der Heiliggeistkirche Bern mit «Ikonen²» eine Gegenüberstellung von klassischen Ikonen Petru Tuleis und Werken zeitgenössischer Kunstschaffender und Gestalter aus der Schweiz – und dies pünktlich zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation.

Gemäss dem Gebot «Du sollst dir kein Bildnis machen» riefen die Reformatoren einst zum Bildersturm auf, dem unzählige Altarbilder, Heiligenstatuen und natürlich auch Ikonen zum Opfer fielen.

Model als Maria

«Mach dir ein Bildnis!», scheint eine Collage der Illustratorin Rahel Steiner zu fordern. Gemalte Smartphones mit Spiegelfolie verdeutlichen unmissverständlich, wer hier die Ikone ist: der Narzisst, der sich selber ablichtet.

Für die Fotoserie «Better Together» inszenierte der Berner Coiffeur Agrippino Zinna ein Model-DJ-Paar als Maria und Jesus im Hochglanzlook – etwas gar plakativ. Zwischen plakativ und poetisch mäandrieren die spitzen Acrylglasbrüste von Gildas Coudrais, die aus schmucken Bilderrahmen ragen und Assoziationen an die stillende Maria wecken.

Traditionelle Ikone des rumänischen Künstlers Petru Tulei. Bild: zvg
Traditionelle Ikone des rumänischen Künstlers Petru Tulei. Bild: zvg

Die Berner Keramikdesignerin Christine Aschwanden hingegen stülpt Madonnen- und Engelskulpturen Tierschädel über und schafft damit apokalyptisch anmutende Szenerien. Abgründig wirkt auch der Beitrag Lilith Beckers: Die Künstlerin lässt ein Hundeskelett auf einem Plattenspieler kreisen.

«Ikonen²» bietet einen teils nachdenklichen, teils unterhaltenden Kirchenrundgang. Doch was der Titel verspricht, löst die vom Berner Fotografen Stefan Maurer konzipierte Ausstellung nur bedingt ein. Zu lose scheinen sich einige der Arbeiten an religiösen Themen und Bildsprachen zu bedienen, was die Auswahl etwas beliebig erscheinen lässt. Nach gegenwärtigen Ikonen sucht man also besser in einem der nahe gelegenen Warenhäuser.

Ausstellung: bis zum 14. 9., Heiliggeistkirche Bern. Programm: Referat «Wie kam es zur Ikone?» (14. 8.); Podium «Suchbewegungen zwischen Bilderstreit und Bilderflut» (31. 8.); Gespräch «Helfen Bilder glauben?» (5. 9.); Workshops und Führungen. www.offene-kirche.ch

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