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20 Jahre später

«Lion» erzählt die wahre Geschichte eines indischen Jungen, der nach einer ungewollten Odyssee in Australien landet. Ein oscarnominierter Film über Heimat und Google Earth.

In diesen Zug einzusteigen, war keine gute Idee. Saroo war fünf, als er nachts am Bahnhof auf seinen Bruder wartete, in einen stillstehenden Zug einstieg und einschlief. 14 Stunden später war er in der indischen Metropole Kalkutta, 1600 Kilometer von zu Hause weg, und weil er weder seinen Familiennamen wusste, noch den richtigen Namen seines Heimatdorfs, war das der Beginn einer 20-jährigen Suche nach seinem Zuhause.

So hat sich das tatsächlich ereignet im Jahr 1986, nun kommt die Geschichte ins Kino: «Lion» ist das Regiedebüt des Australiers Garth Davis, der unter anderem in der hervorragenden neuseeländischen Serie «Top of the Lake» mitgewirkt hat, ansonsten aber hauptsächlich in der Werbebranche tätig war. Und nun bei erster Gelegenheit eine Oscarnomination als bester Film 2016 eingefahren hat. Die Krönung in der Königsdisziplin wäre dann aber etwas zu viel des Guten.

Wieso «Lion»?

2 Filmstunden lang fragt man sich, wieso der Film «Lion» heisst. Die Erklärung folgt im Abspann, und es ist eine schöne Anekdote zum Schluss. Überhaupt geht am Ende vieles auf, doch der Weg dorthin ist lang. Saroo überlebt die erste Zeit in Kalkutta als bettelndes Strassenkind, bis er in einem Waisenhaus landet und schliesslich von einem australischen Paar (toll: Nicole Kidman als Adoptivmutter) adoptiert wird. Wohlbehütet wächst er in Tasmanien auf.

Schnitt – 20 Jahre später: Saroo Brierly, nun dargestellt von Dev Patel («Slumdog Millionaire»), geht fürs Studium nach Melbourne, wo er sich in ­Lucy (Rooney Mara) verliebt und Google Earth entdeckt.

Bis dahin ist es eine mitreissende Geschichte, die strikt aus der Perspektive von Saroo erzählt wird. Wir erfahren nicht, wie und ob seine Familie den verlorenen Sohn sucht. Alles, was Heimat war, verschwindet aus dem Blickfeld (und das hilft, zu verstehen, wie sich der Kleine dabei fühlen muss).

Das, was wir sehen, ist erstklassig: Die Schauspieler – insbesondere der knuddelig-bravouröse 8-jährige Sunny Pawar – überzeugen ebenso wie die Kamera: Das Chaos Kalkuttas als passender Rahmen für die Ver­lorenheit eines zunehmend verwahrlosten Buben.

Absehbares Ende

Doch als später Google Earth ins Spiel kommt und Saroos plötzlicher Drang, seine Wurzeln wiederzufinden, verliert der Film etwas die Balance. Ein Mangel an Spannung trifft auf ein Übermass an Rührseligkeit. Bis das absehbare, aber emotionale Ende Versöhnung bringt – auch für den Zuschauer.

«Lion»: Ab heute im Kino.

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