Eine Kämpferin auf Goodwill-Tour

Marion Cotillard gehört zu den gefragtesten Darstellerinnen ihrer Generation: Jetzt spricht die Französin über ihren Oscar, über Depressionen und über endlose Wiederholungen am Set von «Deux jours, une nuit» der Gebrüder Dardenne.

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Hans Jürg Zinsli@zasbros

Ein winziger Pavillon am Filmfestival in Cannes: Marion Cotillard erscheint in luftig-leichtem Schwarz-Weiss-Dress, unter dem frivol die Unterwäsche hervorblitzt. Als sie sich setzt, geht ein lauter Ruf nach hinten zu ihrem Lebensgefährten, Regisseur Guillaume Canet. Dann wendet sie sich zu den Journalisten und erklärt: «Mein Sohn muss jetzt sein Schläfchen machen.»

Frau Cotillard, seit Ihrem Oscar für «La vie en rose» reisst man sich in Hollywood um sie. Wie kommts, dass Sie nun in einem vergleichsweise winzigen Film der belgischen Gebrüder Dardenne spielen?Marion Cotillard: Die Dardennes haben mich angefragt. Ehrlich gesagt: Damit hätte ich nicht gerechnet.

Warum nicht? Die Dardennes setzen in der Regel auf Schauspieler, deren Gesichter nicht so bekannt sind wie meines.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen US-amerikanischen Grossproduktionen und «Deux jours, une nuit»? Auf mich bezogen: ja. Ich halte US-Regisseur Christopher Nolan für einen der grössten Regisseure und Autoren in Hollywood. Wenn Nolan «Batman» macht, ist das für ihn von existenzieller Bedeutung. Und ich bin begeistert, wenn jemand eine Geschichte aus innerer Notwendigkeit erzählen muss. Wissen Sie: In den USA werden so viele Filme gemacht, die reine Unterhaltung sind. Deren Regisseure stehen nur auf dem Set, weil sie es verstehen, schöne Bilder zu kreieren. Dagegen habe ich nichts. Ich mag Unterhaltung. Aber als Schauspielerin brauche ich mehr.

Warum haben Sie für «Deux jours, une nuit» zugesagt? Der Film ist ein Zeugnis dessen, was wir mit unserer Gesellschaft geschaffen haben. Wir glauben, wir im Westen seien das Zentrum der Welt. Wenn es jedoch um Arbeit geht, steht der Mensch nicht mehr im Zentrum. Dieses Paradox hinterfragen die Dardennes in ihrem Film.

Sie spielen darin die junge Familiengattin Sandra, die bei Ihren Arbeitskollegen auf Betteltour gehen muss, um Ihren Job zu behalten. Waren Sie selbst schon in der Situation, vom Goodwill anderer abhängig zu sein? Bien sûr (lacht). Ich bin Schauspielerin.

Okay, aber eine Schauspielerin mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten. Sandra im Film hat keine besonderen Fähigkeiten. Sie kann nicht wählen. Vielleicht sollte ich meine persönliche Situation nicht mit einer Filmfigur vergleichen. Der Kampf für eine Rolle ist etwas anderes als der Kampf ums Leben.

Ihre Figur hat eine schwere Depression hinter sich. Wie spielt man das? Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht. Sonst hätte ich recherchieren müssen. Aber es gab eine Zeit in meinem Leben – zum Glück dauerte sie nicht allzu lange –, da litt ich an Depressionen. Ich erkannte es, weil ich darüber gelesen hatte. Die Krankheit zog mich jedoch nicht runter. Ich war offenbar stark genug. Ich weiss aber, wie sich das anfühlt, keine Kraft und keinen Antrieb zu haben. Dabei hatte ich früher immer gedacht: Das kann doch nicht so schwer sein, morgens aus dem Bett zu kommen. Heute weiss ich: Es ist verdammt schwer.

Wie wichtig waren Ihnen Familie und Freunde in dieser Zeit? Das Problem ist: Wer an Depressionen leidet, will vermeiden, dass andere davon erfahren. Betroffene fürchten nichts so sehr, wie für ihr angebliches Nichtstun verurteilt zu werden.

In «Deux jours, une nuit» hat Sandra ihre Depressionen scheinbar überwunden... Ja, deshalb musste ich mir ihre Vorgeschichte zurechtlegen: die Beziehung zu ihrem Mann und zu ihren Kindern, als sie schwer krank war. Das waren Ausgangspunkte, von denen ich diese oder jene Emotion abrufen konnte. Doch nach 50 Wiederholungen funktionierte das nicht mehr.

50 Wiederholungen derselben Szene? Ja, manchmal waren es auch mehr. Es gab eine Siebenminutensequenz, die einfach nicht klappen wollte. Als sie endlich gut war, gabs ein technisches Problem, und die Szene war wieder im Eimer. In solchen Momenten möchte man nur noch sterben.

Wie haben Sie sich durchgebissen? Man muss einen Weg finden, alles zuvor Geschehene komplett auszulöschen. Auch wenn man fünfzig oder achtzig Takes hinter sich hat.

Machen Sie das mit Method Acting à la Robert De Niro? Nein, ich habe keine besondere Methode. Besser gesagt: Meine Methode entspringt dem jeweiligen Projekt. Bei «La vie en rose» wusste ich, dass ich auch abseits des Sets Edith Piaf bleiben musste. Das hatte ich nicht geplant, es passierte einfach. Also liess ich mich mitreissen.

«La vie en rose» brachte Ihnen einen Oscar ein. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen? Sie bedeuten mir in jenem Moment etwas, wenn ich sie bekomme. Und ich hatte Glück, schon einige zu erhalten. Das hat den Vorteil, dass ich nicht auf Biegen und Brechen auf weitere Preise hoffen muss. Man ist ja immer so unglücklich, wenn man leer ausgeht.

Sie haben in letzter Zeit hauptsächlich ernste Rollen gespielt. Möchten Sie wieder mal in einer Komödie spielen? Ja, aber das würde Mehrarbeit bedeuten. Ich bin nicht so gut in Komödien. Ausserdem bin ich sehr wählerisch.

Welche Art von Komödien mögen Sie? Ich mag das Frat Pack und ihr Umfeld, Schauspieler wie Will Ferrell oder Produzenten wie Judd Apatow. Als ich einen Cameo-Auftritt in deren Komödie «Anchorman 2» bekam, war ich die glücklichste Schauspielerin der Welt. Dabei dachten alle, ich sei verrückt geworden. Ich hatte gerade eine Rolle im Woody-Allen-Film «Midnight in Paris» ergattert – und was mache ich? Ich flippe aus wegen einer Zehnsekundenszene in «Anchorman 2».

Berner Zeitung

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