«Wenn es um James Bond geht, dann sind wir ein Herz und eine Seele»

Am heutigen Freitag vor 50 Jahren feierte «James Bond jagt Dr. No» Premiere. Jetzt blicken die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G.Wilson auf eine aussergewöhnliche Familientradition zurück.

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Hans Jürg Zinsli@zasbros

Mrs.Broccoli, Mr.Wilson, 2012 feiert James Bond seinen 50.Geburtstag auf der Kinoleinwand. Werden wir auch zum 100.Geburtstag noch Bond-Filme sehen?Michael G.Wilson: Oh, ja (lacht). Hoffentlich werden die heutigen Filme dann ebenfalls noch geschaut – als Golden Oldies. Man wird sie vielleicht so sehen, wie man sich heutzutage einen Stummfilm anschaut.

Was macht James Bond zu einer Filmfigur, die Millionen von Menschen fasziniert?Barbara Broccoli: Zum einen hat Ian Fleming mit James Bond einen komplexen Charakter entworfen, der fähig ist, sich verschiedenen Zeiten anzupassen und sich entsprechend zu verändern. Zum andern haben wir das Glück, dass ausserordentliche Schauspieler diese Übergänge von Dekade zu Dekade glaubhaft verkörperten. Nur deshalb hat die Bond-Franchise so lange überlebt. Sean Connery hat Bond aufgebaut und getragen. Roger Moore oder Pierce Brosnan adaptierten die Figur danach für die jeweilige Zeit.

Was ist das Schwierigste daran, für jeden Film eine neue Umgebung und neue Schauspieler zu finden?Wilson:Man muss aufpassen, dass einem das Bond-Umfeld nicht zu vertraut wird.

Weshalb?Wilson:Weil man sonst Gefahr läuft, immer wieder etwas Ähnliches zu erzählen.

Bei einem Bond-Film wirken Tausende von Spezialisten mit. Aber schliesslich entscheiden Sie...Wilson: Sicher.

Anders gefragt: Wie viel von dem, was wir im Kino sehen, entspricht Ihren Ideen?Broccoli: Da muss ich ausholen.

Bitte.Broccoli:Filmemachen bedeutet zweierlei. Man muss einen Spirit entflammen und im Team arbeiten. Für einen Bond-Film engagieren wir zuerst die Drehbuchautoren, die mehrere Fassungen schreiben. Dann bestimmen wir den Regisseur, mit dem wir gemeinsam weiter am Skript arbeiten. Mit ihm besetzen wir danach alle «heads of department», die wiederum ihre eigenen Teams zusammenstellen. Das heisst, mit jedem Schritt folgt eine Erweiterung des Konzepts. Wenn dann der Film gedreht, geschnitten und mit Musik versehen ist, haben wir ein Produkt, bei dem unzählige Menschen ihre Ideen eingebracht haben. Aber letztlich sind es Michael und ich, die für die Bestimmung des jeweiligen Themas zuständig sind.

Stimmen Sie dabei in der Regel überein?Broccoli:Nun, wir sind Bruder und Schwester. Wir haben unterschiedliche Ansichten zu Religion und Politik. Aber bei Bond tendieren wir dazu, einer Meinung zu sein. Wir hatten diesbezüglich einen grossartigen Lehrer: Cubby Broccoli, meinen Vater. Wilson: Ich würde sagen, wir stimmen in den Dingen überein, die wirklich zählen. Broccoli:(lacht)

James Bond hat Sie beide fast ein Leben lang begleitet. Frau Broccoli, ist die Geschichte wahr, dass Sie sogar mal mit Bond im Bett waren?Broccoli:Nein, nicht mit Bond. Ich war damals 6 Jahre alt, als «You Only Live Twice» auf einer abgelegenen Insel gedreht wurde. Es gab keine Betten, nur traditionelle Schlafmöglichkeiten auf dem Fussboden. Ich wurde sehr krank. Niemand wusste, was ich hatte. Einige vermuteten, es sei die Schlafkrankheit. Meine Mutter war in grösster Sorge. Da kam Sean Connery, der als Einziger ein Bett hatte, und bot es mir an.

Was anscheinend half...Broccoli: Oh ja, ich habe überlebt (lacht).

2008 wurden Sie beide von der Queen mit dem «Order of the British Empire» ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?Broccoli: Es war eine aussergewöhnliche Ehre. Mein Vater kam 1952 aus den USA nach England. Er liebte dieses Land. Ich wuchs hier auf, Michael kam in den 70er-Jahren nach London. Grossbritannien ist also seit langem unser Zuhause. Und es ist das Zuhause von James Bond, dessen Filme wir mit zwei Ausnahmen alle hier gedreht haben.

Seit «Dr.No» wird ein Bond-Film meist von zwei, drei oder mehr Drehbuchautoren geschrieben. Ist einer nicht genug?Wilson:Bond-Filme sind komplexe Action-Adventure-Filme. Für einen Autor ist es sehr schwierig, alles im Alleingang zu schaffen. Da kommt wieder der Teamgeist ins Spiel: Jeder Autor hat spezifische Fähigkeiten. Manchmal braucht man jemanden, der einem anderem hilft, weiterzukommen.

Wie ist das mit den Bösewichten und Bond-Girls – bekommen Sie hundert Bewerbungen pro Tag?Broccoli:Nein, Anfragen erreichen uns nicht direkt. Wir haben eine Casting-Direktorin, die seit «For Your Eyes Only» mit uns arbeitet. Sie reist um die Welt, kennt die wichtigsten Schauspielagenturen und hat einen guten Riecher für neue Talente. Das Beste nimmt sie auf Band auf und schickt es uns. Das schauen wir uns mit dem jeweiligen Regisseur an. Dann machen wir eine Shortlist von Schauspielern, von denen wir mehr sehen möchten. Was zu einer noch kürzeren Shortlist führt. Diese Darsteller bitten wir nach London, um mit dem Regisseur zu arbeiten. Erst dann treffen wir unsere endgültige Wahl.

Gab es Schauspieler oder Regisseure, die Ihre Wahl ablehnten?Wilson: Klar. Gefragte Leute haben ja noch andere Verpflichtungen. Aber in der Regel kriegen wir, was wir wollen. Das gilt besonders für «Skyfall». Da bekamen wir mit Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris und Bérénice Marlohe alle Schauspieler, die wir haben wollten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie grosses Vertrauen in Regisseur Sam Mendes setzen.

«Skyfall» erscheint vier Jahre nach «Quantum of Solace». Wenn zwischen zwei Bond-Filmen so viel Zeit verstreicht, übernimmt in der Regel ein neuer Hauptdarsteller...Wilson:Daniel Craig ist ein so guter Bond, wir hatten nicht die Absicht, etwas zu ändern.

Die Produktionsgesellschaft MGM, die 50 Prozent der Bond-Rechte hält, kämpfte 2010 mit massiven Finanzproblemen. Wie nahe stand Bond tatsächlich vor dem Aus?Wilson:Darüber wagten wir nicht mal nachzudenken. Aber es stimmt, MGM hatte grosse Probleme. Wir konnten bloss abwarten und hoffen, dass sich die Firma bald reorganisieren würde. Was dann auch geschah.

In «Casino Royale» und «Quantum of Solace» erschien Bond als gebrochene Figur. Beliebte Nebenfiguren wie Miss Moneypenny und der Tüftler Q fielen weg. In «Skyfall» taucht Q wieder auf. Ein Kurswechsel zu mehr Gadgets und Ironie?Broccoli:Nein. «Casino Royale» war das erste Buch von Ian Fleming. Entsprechend wollten wir im Film erzählen, wie Bond zu Bond wurde. Da Moneypenny und Q in jenem Buch gar nicht vorkommen, fehlten sie auch im Film. «Quantum of Solace» war dann eine Art Fortsetzung von «Casino Royale», wo sich Bond an den Mördern von Vesper Lind rächt. Jetzt, in «Skyfall», beginnen wir, die bekannte Bond-Familie wieder zusammenzusetzen. Deshalb kommt Q zurück.

Und Miss Moneypenny?Broccoli: Warten Sies ab. Wir sind zuversichtlich, dass wir Moneypenny bald wieder ins Bond-Universum einfügen können.

Berner Zeitung

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