«Als gerate der Raum unter Hypnose»

Filmkenner Fred van der Kooij hält wieder seine populären Vorlesungen – diesmal über die russische Koryphäe Andrei Tarkowski.

«Millimeterarbeit»: Filmszene aus Tarkowskis «Nostalghia» von 1983. Foto: Trigon

«Millimeterarbeit»: Filmszene aus Tarkowskis «Nostalghia» von 1983. Foto: Trigon

Über die Filme von Tarkowski wurde so viel geschrieben. Sieht man da noch etwas Neues?
Kürzlich habe ich «Andrej Rubljow» angeschaut und war begeistert. Dabei hatte ich ihn stets für einen mässigen Ausstattungsfilm gehalten. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass sich zwischen uns und seine Filme seine Theorie schiebt. Man meint dann, dies oder jenes bedeute offenbar das und das. Dabei ist seine Theorie absolut behämmert.

Warum?
Er ist ein miserabler Theoretiker, er schwadroniert drauflos. Er behauptet, seine Arbeit bestehe darin, Zeit zu manipulieren. Das ist völlig falsch – er manipuliert Zeit nicht viel anders als andere gute Regisseure. Was er grandios kann, ist die Manipulation des Raumes.

Das heisst?
Tarkowski ist kein Mann der Montage. Nicht, dass er das nicht gekonnt hätte, aber von Anfang an dominieren bei ihm sehr lange Einstellungen. Erstaunlich dabei ist, dass seine Orte sich ohne Schnitt verwandeln. Sie werden instabil. So geschehen quasi übernatürliche Dinge. Da diese aber real vor der Kamera passieren, wirken sie tatsächlich magisch. Dieser Zauber kommt nie aus der Trickkiste der Spezialeffekte, sondern es bilden sich erstaunliche Wirkungen in einem erstaunlich real bleibenden Raum.

Ein Beispiel?
In «Nostalghia» geht der Held auf einer Strasse an einem Schrank vorbei, er kehrt zurück, öffnet die Tür, die Kamera schaut ihm über die Schulter, und im Schrankspiegel sieht er nicht sich, sondern einen alten Mann. Das ist kein Trick, sondern konkret ausgetüftelt. Millimeterarbeit, Ergebnis stundenlangen fluchenden Ausprobierens. Ein Experimentieren damit, wie viel die Wirklichkeit zulässt, um unwirklich zu werden.

Aber kann man den Raum im Film ohne die Zeit denken?
Stimmt schon, das kann man schwer trennen. Aber bei Tarkowski ist die Manipulation des Ortes zentral, die Zeit ist sekundär. In den meisten Filmen ist es umgekehrt: Man erzählt in 90 Minuten eine Geschichte, die sich während Monaten oder Jahren abspielt. Zeit wird üblicherweise durch den Schnitt verdichtet. Weniger üblich ist, dass instabile Orte entstehen. Manche Momente wirken bei Tarkowski, als gerate der Raum unter Hypnose. Weil man entrückt wird von dem Ort, an dem man paradoxerweise dennoch verharrt.

Und seine berühmten Naturbilder?
Man sagt immer, die Natur sei Tarkowskis angestammtes Domizil. Und vergisst dabei, dass er die Natur stark umformt. Er geometrisiert sie etwa mittels langer Querfahrten. Vertikale und Horizontale werden sehr wichtig sowie die Achse in die Tiefe. Und es gibt noch und noch «unlogische» Kreuzungen dieser drei Achsen. Er geht mit der Natur um wie ein Gartenarchitekt.

Er hat allerdings auch geschrieben, dass unsere Wahrnehmung im Alltag etwas Künstliches habe.
Das liegt vermutlich daran, dass Tarkowski gemerkt hat, dass er als Filmemacher nicht mit eigenen Augen schaut, sondern durch das geschliffene Glas der Kamera. Es sieht die Welt anders, perspektivisch zugespitzter sozusagen. Nur vermute ich, dass er das eher reflexartig tat.

Wie das?
Er muss ein extrem intuitiver Mensch gewesen sein. Seine Entscheidungen sind im engeren Wortverständnis nie logisch. Man sieht das schon daran, dass er jahrelang an Drehbüchern geschrieben, sie aber im Moment, in dem er mit dem Dreh begann, weggeschmissen hat. Und viele Leute berichten, dass er sich auf dem Set kaum entscheiden konnte, was er machen wollte. Das funktionierte nur dank der luxuriösen sowjetischen Produktions­verhältnisse. Er hatte viel Zeit und kriegte keine Probleme, wenn er den Dreh unterbrach oder von vorne anfing.

Und seine Traumbilder? Es scheint, er gehe von konkreten Dingen aus, die aber ihre Kontur verlieren.
Genau. Faszinierend ist, dass nicht wenige seiner Lösungen ohne Vorbild sind. Er hat gearbeitet, bis es Klick machte. Ich glaube, deshalb schätzte er alles Konkrete – obschon seine Philosophie eigentlich obskurantistisch war. Diese Ideologie, der religiöse Wahn, die Pseudometaphysik! Zum Glück kann ich auf DVD die Untertitel ausschalten, dann blühen seine Filme erst richtig auf.

Auch Erinnerung ist etwas, das greifbare Dinge unscharf werden lässt. Davon handelt ja «Der Spiegel» über Tarkowskis Kindheit.
Da geschieht das Überraschende schon eher über den Schnitt. Dieser Film ist aber eine Ausnahme. Man versteht ihn nicht auf Anhieb, oder? Ich aber liebe es, im Kino auch inhaltlich ein bisschen im Dunkeln bleiben zu dürfen. Man sollte dankbar sein, dass nicht immer alles in Text und Bedeutung aufgelöst wird.

Mir leuchtete immer ein, dass «Der Spiegel» von Erinnerung handelt. Ansonsten habe ich allerdings nichts begriffen.
Eben. Kapiert man jedes Mal, ob wir die Mutter oder die Ehefrau sehen, da beide von der gleichen Schauspielerin gespielt werden? Nein. Die Kunst nimmt sich die Freiheit, Bedeutung zu suspendieren. Wenn du etwas auf Anhieb verstehst, kannst du es gleich wegwerfen. Wir sollten die Filme Tarkowskis so anschauen können wie griechische Statuen. Das religiöse Geraune um Zeus und Aphrodite ist für immer verstummt. Und so werden wir eines Tages auch Tarkowskis magistrale Bilderfindungen ohne den sakralen Humbug, in den sie verpackt wurden, störungsfrei geniessen können.

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