Das Monströse in uns

Im herausragenden Horror-Thriller «Us» hält US-Regisseur Jordan Peele den Zuschauern den Spiegel vor. Es sind Ungeheuer wie wir, die das Leben anderer zur Hölle machen.

Die Doppelgängerfamilie nimmt Platz: Winston Duke, Shahadi Wright Joseph, Evan Alex und Lupita Nyong’o. Foto: Universal

Die Doppelgängerfamilie nimmt Platz: Winston Duke, Shahadi Wright Joseph, Evan Alex und Lupita Nyong’o. Foto: Universal

Hans Jürg Zinsli@zasbros

1986 reichten sich 6,5 Millionen Amerikaner die Hände. Die riesige Menschenkette war eine Benefizaktion, um Hungernden und Obdachlosen in den USA zu helfen. Zahlreiche Stars waren mit dabei, vom Magier David Copperfield über den inzwischen verfemten Michael Jackson bis zum damals amtierenden Präsidenten Ronald Reagan.

Wenn sich nun zu Beginn des Horrorfilms «Us» der Blick auf einen alten Fernsehapparat richtet, wo das Logo «Hands Across America» aufscheint, ist das kein Zufall, sondern eines von vielen Symbolen, die diesen Film wie ein Wabenmuster durchziehen.

Bildstarke Hinweise

Dass Regisseur Jordan Peele den Umgang mit Zeichen und Andeutungen meisterlich beherrscht, bewies er bereits bei seinem Debüt «Get Out» (2017): Ein afroamerikanischer Fotograf fährt da mit seiner weissen Freundin auf Elternbesuch, doch die schwarzen Bediensteten scheinen in einer Art Trancezustand gefangen, und die vermeintlich liberalen Partygäste entpuppen sich als Rassisten. Peele gelang es da, eine Atmosphäre des Unbehagens durch Details heraufzubeschwören: Zu Beginn läuft dem Helden ein Hirsch vors Auto, der einzige schwarze Partygast versteht den Ghettofaust-Gruss nicht, schliesslich wird der Held durch das Kreisen eines Teelöffels gefügig gemacht.

In «Us» greift der Regisseur abermals auf bildstarke Hinweise zurück: Es beginnt mit weissen Kaninchen in Käfigen, einem Bibelzitat und eben mit der «Hands Across America»-Aktion. In jenem Benefizjahr, 1986, setzt die filmische Schauermär auch ein: Die junge Adelaide besucht da mit ihren Eltern einen Jahrmarkt, geht dann aber in einem Spiegelkabinett mit der Aufschrift «Finde dich» verloren und spricht in der Folge kein Wort mehr. Jahre später scheint sie sich einigermassen gefangen zu haben. Jedenfalls begegnen wir Adelaide als erwachsener Frau (Lupita Nyong’o) wieder, als sie zusammen mit ihrem Mann (Winston Duke) und den beiden Kindern an denselben Ort in die Ferien fährt, wo sie als Kind schon war.

Das ist natürlich keine gute Idee, auch nicht in erzähllogischer Hinsicht, aber solange das Psychogramm der Familie stimmt, darf man bei der Ausgangslage schon ein wenig schummeln. Peele sorgt jedenfalls umgehend für Beklemmung, indem er die beschauliche Gegenwart mit einem klassischen Motiv aus den Angeln hebt: Als eines Abends die Uhr auf 11.11 stehen bleibt (was der zitierten Bibelstelle aus dem Buch Jeremia entspricht), tauchen vier Gestalten in roten Anzügen und mit Scheren bewaffnet in der Einfahrt des Ferienhauses auf. Es sind die Doppelgänger der Familie. Rasch überwältigen sie die Originale, die zuvor gerufene Polizei kommt nicht (weshalb, wird später klar), und nur eine dieser mordlustigen Figuren scheint zu abgehackten, atem­losen Sätzen fähig – das Ebenbild von Adelaide, welcher das junge Mädchen damals im Spiegelkabinett begegnete.

Blutiger Klassenkampf

Jordan Peele nutzt dieses Schreckensszenario, um auf das Monströse in uns zu zielen. Im Film zeigt sich das vor allem in jener kuriosen Szene, als die Familie darüber streitet, wer das Fluchtauto fahren darf; es soll jene Person sein, welche die meisten Doppelgänger umgebracht hat. «Us» lässt sich auch als Gleichnis auf eine wort- und rechtlose Schattengesellschaft lesen, die nach Jahren des Dahinvegetierens endlich aufbegehrt – und prompt von einer privilegierten Schicht abgeschlachtet wird. Dass nun der Regisseur diesen blutigen Klassenkampf von überwiegend schwarzen Protago­nisten durchspielen lässt, zeugt von einem Selbstverständnis, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Was sonst noch von diesem Film bleibt, ist – einerseits – rabenschwarzer Humor. Regisseur Jordan Peele war ja Comedystar, bevor er ins Filmbusiness einstieg, und schon «Get Out» liess immer wieder komödiantische Elemente aufblitzen. Wie er aber jetzt den verdrogten Rapsong «I Got 5 on It» und den Filmklassiker «Kevin – Home Alone» durch den Kakao zieht, lässt einen das blutige Gemetzel ringsum fast vergessen. Der Gipfel der Groteske: Als eine weisse Familie von Doppelgängern angefallen wird, ruft die letzte Überlebende der elektronischen Haushalthilfe zu, sie solle die Polizei rufen. Der intelligente Roboter spielt darauf den Song «Fuck tha Police».

Der Trailer zum Film «Us». Quelle: Universal

Andererseits ist «Us» ein Film, der vor allem von seinen Schauspielerinnen lebt. Da ist zum Beispiel Elisabeth Moss («Der Report der Magd»), die eine versoffene Bekannte spielt und als ihre eigene Doppelgängerin den Mund so sehr verzieht, dass man sich um ihren Kiefer sorgt. Und dann erst die Hauptfigur: Lupita Nyong’o zittert als bedrohte Mutter wie Espenlaub, vollführt seltsam ruckartige Bewegungen und weitet ihre Augen zu eigentlichen Seelenlandschaften. Als Doppelgängerin wie­derum spricht Nyong’o mit einer Stimme, die direkt aus der Hölle zu kommen scheint. Grauen­hafteres hat man in einem Film jedenfalls noch selten vernommen.

Ab heute in den Kinos.

Der Vater des modernen Horrors

Jason Blum ist, was den Horrorboom der letzten Jahre betrifft, das Mass aller Dinge. Das Konzept des 50-jährigen US-Amerikaners besteht darin, Filme so billig wie möglich zu produzieren, den Regisseuren grösstmögliche Freiheiten zuzugestehen und das fertige Produkt anschliessend über grosse Hollywoodstudios zu vermarkten. Das Credo des Produzenten: Solange das Budget von 4,5 Millionen Dollar nicht überschritten wird, wird der jeweilige Film selbst dann sein Geld wieder einspielen, wenn alles schieflaufen sollte.

Produzent Jason Blum: «Das Konzept einer kontrollierten unheimlichen Umgebung ist irgendwie tröstlich.» Bild: David McNew (Reuters)

Am Anfang von Blums Erfolgssträhne steht eine verpasste Chance: Als Einkäufer für Harvey Weinsteins Firma Miramax lehnte er den späteren Horrorhit «The Blair Witch Project» (1999) ab. Blum kündigte darauf bei Miramax, machte sich selbstständig und schlug dann beim ebenfalls im «Found Footage»-Stil gedrehten Horrorfilm «Paranormal Activity» (2007) zu. Der Film über ein Paar, das von einem dämonischen Wesen heimgesucht wird, kostete 15000 Dollar und spielte weltweit 193 Millionen Dollar ein. Diesem Grosserfolg liess Blum so unterschiedliche Schocker wie «The Purge», «Ouija» oder «Split» folgen, wobei jeder dieser Filme (und deren Fortsetzungen) ein Mehrfaches der Produktionskosten reinholte.

Nach den Gründen für den aktuellen Horrorboom gefragt, sagte Blum dem Fachblatt «Variety»: «Die Gegenwart fühlt sich unsicher an, und ich glaube, das Konzept einer kontrollierten unheimlichen Umgebung ist irgendwie tröstlich, wenn alles andere ausserhalb deiner Kontrolle liegt. Es ist eine Atempause vor dem Horror der Realität.»

Inzwischen hat Blum sein Wirkungsfeld ausgeweitet, seine Filme sind teurer und ambitionierter geworden: Zusammen mit Sean McKittrick und Jordan Peele produzierte Blum Peeles Horrordebüt «Get Out» (2017) und Spike Lees Undercover-Komödie «BlacKkKlansman» (2018). Beide Werke gewannen den Oscar fürs beste Drehbuch. Auch «Us», der 20 Millionen Dollar kostete, wird bereits wieder als Oscaranwärter gehandelt – diesmal könnte die Trophäe an Hauptdarstellerin Lupita Nyong’o gehen. (zas)

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