Die abgetakelte Prinzessin

Mit Märchentouch gegen die Genrekrise? Der Film «Madame» mit Palma de Rossy ist ein Versuch, die romantische Komödie wiederzubeleben. Doch Regisseurin Amanda Sthers serviert lieber Metaebenen als Gefühle.

Quelle: Youtube

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Es war einmal... die romantische Komödie. Ein Filmgenre, das die Kinokassen klingeln liess, weib­liche Zuschauerherzen zum Schmelzen brachte und Stars wie Julia Roberts, Hugh Grant oder Meg Ryan schuf. Ja, in den Achtziger- und Neunzigerjahren war die Filmwelt noch rosarot.

Und heute? Da verstopfen lärmende Superhelden, Literaturadaptionen und ballastreiche Biografien die Kinoleinwände, während von den sogenannten Romcoms kaum noch was zu sehen ist. Kommt doch mal wieder ein Genrestück ins Kino – zuletzt der in Sundance hochgelobte Film «The Big Sick» von Michael Showalter –, ist man ob der mi­serablen Figurenzeichnung und der zahnlosen Dialoge bodenlos enttäuscht.

Märchen mit Woody-Touch

Nun also ein nächster Versuch, «Madame» von Amanda Sthers, und im Genresprech geht das so: Es war einmal ein wohlhabendes US-Ehepaar in Paris, das sich nicht ausstehen konnte, aber deren Dienstmädchen war ja so was von... Genau. «Madame» soll ein Märchen sein, angereichert mit etwas Woody-Allen-Touch, jedenfalls wenn es nach Regisseurin Sthers geht.

Wobei man sich den Woody gleich wieder wegdenken sollte, denn so überbordend verzweifelt, wie sich der New Yorker Regisseur zu besten Zeiten inszenierte, ist in diesem Film nichts.

Madame, das ist Anne (Toni Collette), die mit dem ungleich ­älteren Bob (Harvey Keitel) ihre zweite Ehe wiederbeleben möchte. Aber wie das so ist in der Stadt der Liebe: Es liegen überall Affären am Wegesrand, und beide mäkeln ständig an irgendwas rum. Dann kommt das Aschenputtel in Gestalt der servilen Maria (Rossy de Palma) ins Spiel.

Die Dienstmagd muss sich bei einer Dinnerparty dazusetzen, weil Bobs Stiefsohn spontan aufgetaucht ist und der Hausherrin dreizehn Gedecke ein Graus sind. Mit Maria sind es vierzehn. Und siehe da, die nicht mehr ganz taufrische Prinzessin findet trotz «Sitz und schweig!»-Anweisungen von Madame einen Prinzen. Es ist ein irischer Kunsthändler (Michael Smiley), der für den nicht mehr so liquiden Bob dessen «Letztes Abendmahl»-Gemälde verkaufen soll.

So weit, so andeutungsreich, und je länger der Film dauert, desto mehr hängt alles mit allem zusammen. Geld, Liebe, Laster, Standesunterschiede. Letzteres kristallisiert sich als eigentliches Kernthema heraus, doch trotz verschiedener dramaturgischer Bemühungen will der gesellschaftskritische Funke nicht springen.

Es fehlt an spritzigen Dialogen, Pointen sowie anderen Überraschungsmomenten. Zudem hätte Rossy de Palma, die einstige Entdeckung des hemmungslosen Melodramatikers Pedro Almodóvar («Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs», «Kika»), eine vifere Figurenzeichnung verdient.

Die Sache mit Hugh Grant

Doch Regisseurin Sthers flüchtet sich lieber in Metaebenen. So lässt sie erstens den Namen Almodóvar im Umfeld der Dienstmagd fallen. Zweitens erkennt Maria in ihrem Kunsthändler Ähnlichkeiten mit Hugh Grant (wie bitte?), worauf dieser prompt über «Notting Hill» und «Love Actually» zu referieren beginnt (o Gott!). Und drittens bringt der angeblich nichtsnutzige Stiefsohn auch noch einen Roman zu Papier, der viertens von Maria und ihrem Kunsthändler handelt, wobei sich der Schreibende fünftens nicht entblödet, das vom Publikum erwartete Happy End in Worte zu fassen.

«Wie eine tote Kuh»

Das alles zeigt exemplarisch, woran die moderne romantische Komödie krankt. Diese Filme trauen sich selbst nicht mehr über den Weg, bauen überall Verweise, Absicherungen und doppelte Böden ein, und am Schluss bleiben die Emotionen auf der Strecke.

Von komödiantischem Timing oder einprägsamen Momenten ganz zu schweigen. In «Madame» müht sich Senior Bob mal auf einem Pariser Gratis­leihvelo ab und nörgelt: «Diese Räder sind so schwer wie eine tote Kuh.» Lustig ist das nicht wirklich. Aber man bekommt eine Ahnung davon, wie viel unnötiges Gewicht dieser Film mit sich rumschleppt.

«Madame»:Der Film läuft ab 7. Dezember im Kino. «The Big Sick» läuft weiterhin im Kino.

Berner Zeitung

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