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Die Lehren aus dem Sampling-Schredder

Tolles Schweiz-Wochenende in Cannes: Jean-Luc Godard klingelte auf dem iPhone, «Chris the Swiss» bezauberte.

Meldete sich per Facetime: Regisseur Jean-Luc Godard. Bild: AFP/Laurent Emmanuel
Meldete sich per Facetime: Regisseur Jean-Luc Godard. Bild: AFP/Laurent Emmanuel

Cannes im Mai 1968, da waren Unruhe und Abbruch des Festivals, erzwungen unter anderem durch Regisseur Jean-Luc Godard. Cannes im Mai 2018, das ist eine kuriose Pressekonferenz per Facetime. Godards engster Mitarbeiter Fabrice Aragno hielt das Handy in die Höhe, auf dem Bildschirm war klein das Gesicht des Meisters zu erkennen, mit Brille und Zigarre. Godard wurde herumgezeigt, die Journalisten drängten sich um das Orakel von Rolle VD, Fotografen fotografierten ein iPhone. Es war ein schöner Moment, und irgendwann wird ein supergescheiter Medientheoretiker die vielen Formen der Übertragung analysieren, die hier stattgefunden haben.

Der 87-jährige Regisseur hat es mit den Beinen; er kam nicht nach Cannes, war aber trotzdem zugeschaltet, um seinen Wettbewerbsfilm «Le livre d’image» zu erklären. Er bot Schalk und seltsame Bonmots («Das Kino ist ein kleines Katalonien»). Er trat aber auch für andere Filme ein; für Filme über das, was nicht verbreitet ist, «ce qui se fait pas», wie er brummelte. Das ist auch das Thema seines eigenen Essays in Cannes: die Gewalt, welche die verbreiteten Repräsentationen jenen Menschen antun, von denen sie zu handeln vorgeben. Die Wörter, die immer wieder gesagt werden, aber niemandem wirklich eine Stimme leihen. Die fixen Bilder in den Köpfen. Dagegen kämpft «Le livre d’image», als entfesselte Montage im Stil von Godards «Histoire(s) du cinéma».

In Anja Kofmels «Chris the Swiss» werden böse Bilder gebannt. Foto: Dschoint Ventschr
In Anja Kofmels «Chris the Swiss» werden böse Bilder gebannt. Foto: Dschoint Ventschr

Die halbe Filmgeschichte kommt hier in den Sampling-Schredder, verzerrte Klassiker-Clips, abgewürgte IS-Propagandavideos, dazu grummelt Godard, während der Ton über alle Wände und quer zum Bild läuft, um die Darstellungen zu durchkreuzen, sie nicht noch weiter zu unterstützen. Auch deshalb hat die lange Sequenz zur arabischen Welt eine solche Ruhe. Die Brutalität, die an einer Region verübt wird, ist verbunden mit der Ruhe, welche die Bilder von dort ausstrahlen – so fangen die Ausschnitte an, sich selbst zu kritisieren. «Können die Araber sprechen?», fragt Godard in Abwandlung eines berühmten Aufsatzes und lässt für uns das Kino aus dem arabischen Raum laufen.

Ein enorm starker, ein düster beeindruckender Film. Entstanden ist er in Zusammenarbeit mit der klugen Filmwissenschafterin Nicole Brenez, die Godard auf die experimentelleren Filmausschnitte hingewiesen hat. Der Lausanner Fabrice Aragno besorgte Produktion und Tonmischung, ging durch Cannes als grosszügiger Godard-Botschafter, verteilte im Schweizer Pavillon das Buch zum Film und nahm sich Zeit, um vor dem Karussell im Pärklein neben dem Festivalpalast über den Meister zu reden. «Mein Herz klopft, ich muss die Dinge teilen», sagt er und nimmt wieder das iPhone hervor, um das Mail von Jean-Luc Godard zu zeigen, das er vor der Premiere geschickt hat. «Eux tous», «alle zusammen», steht da, darunter ein vom Fernseher abfotografiertes Bild der Filmequipe auf dem roten Teppich.

Mit den Händen denken

Versteht er denn diesen oft als enigmatisch beschriebenen Regisseur? Aragno verschränkt die Arme, um zu sagen: So verstehe ich ihn, nicht über das Hirn, mehr über die Gefühle, indem ich ihn in den Arm nehme. Es erinnerte gleich an das, was sich als Motiv durch «Le livre d’image» zieht: die Forderung von Godard, dass wir lernen müssen, weniger mit dem Kopf und mehr mit den Händen zu denken. Um aus dem Archiv der Bilder das hervorzuholen, was bis jetzt zu wenig sichtbar war, eingedeckt unter Bomben und Terror.

Besser hätte dieses Motto nicht zum Schweizer Cannes-Wochenende passen können: Der animierte Dokfilm «Chris the Swiss» der 1982 geborenen Schweizerin Anja Kofmel feierte gestern Premiere in der Semaine de la critique. Sehr lange hat die Regisseurin und Animatorin an dieser persönlichen Geschichte über ihren Cousin Christian gearbeitet, der ins Gebiet des Jugoslawienkriegs reiste, wo er unter anderem für Radio 24 berichtete und sich irgendwann einer dubiosen Söldnertruppe anschloss. Im Januar 1992 wurde er tot gefunden. Erwürgt. Von wem? Und: Wie kann das überhaupt alles sein, dass sich ein junger Schweizer in so ein tödliches Abenteuer stürzt?

Am Ende beschäftigte Anja Kofmel in Zagreb ein ganzes Team von Animatoren, um die dokumentarischen Aufnahmen von ihrer Recherche im Balkan mit den wunderbaren Schwarzweisszeichnungen zu verbinden, in denen sie sich die Dunkelheit ausmalt, die Chris das Leben gekostet hat.

Das Cannes Filmfestival wurde mit dem Film «Todos lo saben» am 8. Mai 2018 eröffnet. Die Hauptdarsteller Penélope Cruz und Javier Bardem beim Auftritt auf dem Roten Teppich.
Das Cannes Filmfestival wurde mit dem Film «Todos lo saben» am 8. Mai 2018 eröffnet. Die Hauptdarsteller Penélope Cruz und Javier Bardem beim Auftritt auf dem Roten Teppich.
Eric Gaillard, Reuters
Die beiden sind seit 2010 verheiratet und haben zwei Kinder.
Die beiden sind seit 2010 verheiratet und haben zwei Kinder.
Eric Gaillard, Reuters
Georgia May Jagger weiss sich in Szene zu setzen.
Georgia May Jagger weiss sich in Szene zu setzen.
Jean-Paul Pelissier, Reuters
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Da sind schraffierte Kindheitserinnerungen an den Cousin, der gross und cool war mit seiner Zigarette; später wachsen Baumstrünke zu Bösartigkeiten. Es gibt Schwärme aus Schwarz, in denen sich die Gewalt junger Männer in der Gesetzlosigkeit des Kriegs bündelt. Der Schrecken schiebt sich über die Aufnahmen von Chris’ Familie, von seinen ehemaligen Mitkämpfern und befreundeten Kriegsreportern; er fliegt, stiebt, schwirrt wieder davon und lässt eine Leerstelle zurück, einen tiefen Abgrund.

Es brauche den Mut, sich etwas vorzustellen, hatte Jean-Luc Godard über Facetime gesagt. Anja Kofmel zeichnet den Horror wohl auch deswegen, um einen Strich zu machen unter das, was sich sonst noch finsterer in ihr ausbreiten würde. Auch ihr Film ist ein Denken mit den Händen. Der Versuch eines Banns der bösen Bilder. Und ein Staunen darüber, was dabei zum Vorschein kommt.

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