Die seltsame Lust am Blutdurst

Vierzig Jahre nach dem Start der «Halloween»-Reihe kommt eine neue Fortsetzung ins Kino. Es ist die zehnte, und sie lässt die Kassen klingeln.

Schreien hilft nichts, der «Halloween»-Killer wird auch dieses Opfer finden. Fotos: PD

Schreien hilft nichts, der «Halloween»-Killer wird auch dieses Opfer finden. Fotos: PD

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Manche Plagegeister sind einfach nicht totzukriegen. Zum Beispiel Michael Myers, der Bösewicht aus «Halloween», der seit 1978 in unregelmässigen Abständen als Maskenmann im Tankstellen-Overall durch die Strassen des vorstädtischen Haddonfield schleicht. Ja, schleicht, denn ein charakteristischer Zug dieses Killers ist es, dass er nur langsam vorankommt, jedenfalls dann, wenn er im Bild zu sehen ist und seinen meist weiblichen Opfern nachstellt. Dieser statische Aspekt trägt im aktuellen Film zu einer gewissen Gravität bei, was man im Vergleich zur Stakkato-Hektik im Mainstreamkino fast schon beruhigend finden könnte. Aber eben: Bei Michael Myers handelt es sich nicht um einen guten Onkel, sondern um das personifizierte Böse.

Augenfällig am aktuellen «Halloween»-Film von David Gordon Green ist zunächst, dass er ausschliesslich das John-Carpenter-Original von 1978 als Referenz nimmt und alle folgenden Sequels und Remakes ignoriert. Konkret bedeutet das, dass Michael Myers und sein potenzielles Hauptopfer, die ehemalige Nanny Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), nicht mehr Geschwister sind, wie in «Halloween II» (1981) behauptet wurde, sondern Jäger und Opfer, die nicht ohneeinander existieren können.

Blutdurst, Trailer
Quelle: Youtube

Guter Trick. In der Vermarktungssprache heisst das «Neukalibrierung» und soll wohl auch darüber hinwegtäuschen, dass man es mit Plausibilitäten in dieser inkonsistenten Filmreihe nie sonderlich genau nahm, insbesondere nicht mit der Vita des Bösewichts, der am Ende des Originalfilms spurlos verschwand und nun – vier Dekaden später – überraschend als langjähriger Insasse einer psychiatrischen Anstalt wieder auftaucht.

Vierzig Jahre sind im Kinobetrieb eine lange Zeit. Umso bemerkenswerter, dass «Halloween»-Regisseur Green die Vergangenheit als munteren Zitatenfundus interpretiert, die klassischen Horrorbilder von 1978 aber nicht einfach plündert, sondern reizvolle Varianten einstreut, sofern man im Horrorgenre von reizvoll reden mag. Als deutlichste Verweise auf das Original sehen wir einen missglückten Gefangenentransport, einen Kleiderschrank als mögliches Versteck oder einen Sturz vom Balkon, worauf die verletzte Figur spurlos verschwindet. Und nein, diesmal ist es nicht Michael Myers, der sich scheinbar in Luft auflöst.

Reizvolle Referenzen aufs Original von 1978

Ganz und gar neu ist «Halloween», wenn zwei Journalisten den Killer in der Psychiatrie aufsuchen und diese Begegnung im Innenhof einer schwer bewachten Anstalt stattfindet, auf einem schachbrettartigen Terrain aus roten und weissen Quadraten. Die Journalisten wollen den angeketteten Myers aus der Reserve locken, aber das Einzige, was sie erreichen, ist panische Angst unter den Mitinsassen.

Diese ungebrochene Faszination für das Böse ist die Existenzgrundlage dieser Filmreihe – und zugleich ihr grösstes Problem. Denn verstehen lässt sich einer wie Michael Myers nicht. Der Mann schweigt und tötet. Sonst nichts. Entsprechend wird er manchmal «das Ding» genannt, das man jagen müsse. Für einen solch eindimensionalen Charakter bekommt er überproportional viel Aufmerksamkeit. Die Opfer – sind sie erst mal erstochen, gepfählt, erdrosselt oder zertrampelt – werden hingegen nie mehr erwähnt. So weit, so genretypisch.

Wie aber lässt sich vor diesem Hintergrund erklären, dass der Film von David Gordon Green in den USA mit 78 Millionen Dollar gerade das mit Abstand beste Startergebnis in vierzig Jahren «Halloween» erreicht hat? Dafür sprechen mehrere Gründe. Der Offensichtlichste: Im aktuellen Film schlagen gleich drei Generationen von unterschiedlich traumatisierten Frauen zurück, sie befreien sich vom Stigma Freiwild und machen dem bösen Mann am Ende mit einem regelrechten #MeToo-Furioso den Garaus.

Michael Myers schleicht wieder durch die Vorstadt.

Ob das vor einem weiteren Sequel schützt, bleibt fraglich, denn Michael Myers kam noch jedes Mal zurück, sogar als ihm in «Halloween H20» (1998) der Kopf abgeschlagen wurde. Aber letztlich entscheidet in dieser Reihe nicht die Logik, sondern das Kassenergebnis. Und da ist die amerikanische Produktionsfirma Blumhouse das Mass der Dinge – für den gesamten Horrorfilm-Boom der letzten Jahre.

Das Konzept des amerikanischen Produzenten Jason Blum besteht darin, dass er (wie einst John Carpenter) so billig wie möglich produziert, den Regisseuren ihre Freiheit belässt und das fertige Produkt an grosse Hollywoodstudios verkauft, welche die Filme mit massivem Marketing in die Kinos bringen. «Paranormal Activity» (2007), einer der ersten Filme von Blumhouse, kostete bloss 15'000 Dollar und spielte weltweit 108 Millionen ein. Es folgten so unterschiedliche Schocker wie «The Purge», «Ouija» oder «Split», wobei jeder dieser Filme (und deren Fortsetzungen) das Zehnfache der Produktionskosten wieder reinholte. Oder mehr.

Die US-Firma Blumhouse hat den Horrorfilm aus der Nische geholt und salonfähig gemacht.

Inzwischen ist Blum einen Schritt weiter. «Get Out», der Film über einen jungen Schwarzen, der bei den Eltern seiner weissen Freundin eingeladen ist und dort durch die Hölle geht, wurde bei den letzten Academy Awards für vier Oscars nominiert, Regisseur Jordan Peele gewann die Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch. Blumhouse hat damit den Horrorfilm aus der Genrenische geholt und salonfähig gemacht.

So kann es sich die Firma auch leisten, etwas grössere Budgets aufzuwerfen und dafür noch lebende Horrorkoryphäen zu gewinnen. Beim aktuellen «Halloween»-Film, der 10 Millionen Dollar kostete, ist der Originalregisseur wieder mit dabei: Zusammen mit Sohn Cody hat John Carpenter seinen selbst komponierten Soundtrack von 1978 aufgefrischt und mit melancholischen Zwischentönen versehen.

Laurie Strode lebt im Hochsicherheitstrakt

Auch Jamie Lee Curtis, die Scream-Queen von 1978, kehrt hier als Laurie Strode zurück. Die Seniorin hat sich nach zwei gescheiterten Ehen samt Entfremdung von ihrer Tochter (Judy Greer) und ihrer Enkelin (Andi Matichak) in einen Hochsicherheitstrakt auf dem Land zurückgezogen, wo sie einzig und allein darauf wartet, mit Michael Myers abzurechnen.

Das Comeback von Carpenter und Curtis hat diese «Halloween-Neukalibrierung» zweifellos befeuert, wobei sich das Horrorgenre allgemein eines enormen Fankults erfreut. Am besten war das im Film «Scream» (1996) von Wes Craven zu sehen. Da massakrieren sich Jugendliche gegenseitig, während im Hintergrund Ausschnitte aus «Halloween» laufen und ein junger Videoladenmitarbeiter die Genregesetze erklärt, während er von einem ebenso genreaffinen Killer bedroht wird.

Erstaunlicherweise kam diese Hommage ausgerechnet zu einer Zeit, als die «Halloween»-Reihe an einem Nullpunkt angelangt war. Schuld war ein miserables Fortsetzungskonzept ohne Jamie Lee Curtis und John Carpenter und einmal sogar ohne Michael Myers (am schlechtesten lief der vom Westschweizer Dominique Othenin-Girard inszenierte «Halloween 5», 1989). Der Erfolg von «Scream» ermöglichte «Halloween» das Überleben, der zwei Jahre später erschienene Film «H20» brachte die Reihe wieder auf Kurs. Bloss wurden die alten Fehler dann aufs Neue begangen.

In «Halloween» 2018 ist davon nichts mehr zu spüren. Die Filmemacher machen nun offenbar alles richtig, was es für einen neuerlichen Kultschub braucht. Die drei Erfolgsgaranten Curtis, Carpenter und Myers sind dank Blumhouse wieder an Bord. Und man darf angesichts des überragenden Erfolgs jetzt schon Wetten abschliessen, wie Michael Myers aus seinem Kellergefängnis, wo er am Ende des aktuellen Films angeblich verbrennt, entkommen wird.


Ab Donnerstag im Kino

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