Die spassige Rassistenjagd

Mit «BlacKkKlansman» kehrt Spike Lee endlich zur grossen Unterhaltung zurück. Seine Undercover-Satire gegen den Ku-Klux-Klan schwächelt jedoch bei zu vielen Details.

Black Power reloaded: John David Washington und Laura Harrier im Film «BlacKkKlansman». Foto: Universal

Black Power reloaded: John David Washington und Laura Harrier im Film «BlacKkKlansman». Foto: Universal

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Es geschah in den Siebzigerjahren: Ron Stallworth (John David Washington) bewirbt sich als erster afroamerikanischer Polizist in Colorado Springs. Beim Vorstellungsgespräch heisst es, er werde auf dem Revier einiges an Unbill über sich ergehen lassen müssen. Der Mann, der das sagt, ist ebenfalls schwarz. Doch Stallworth ist ambitioniert und willig.

Trailer zum Film «BlacKkKlansman». Video: Youtube/KinoCheck

Es ist nicht das einzige Mal, dass man in «BlacKkKlansman» kurz innehält und sich fragt, wie stimmig das ist – oder vielmehr dies täte, wenn Zeit dazu wäre. Aber Zeit hat man keine in diesem rasenden Zwei-Stunden-und-vierzehn-Minuten-Film, der so temporeich vorüberschäumt, dass man am Ende glaubt, einem etwas zu üppig geratenen Trailer beigewohnt zu haben. Einem Trailer freilich, der einen ge­wagten Mix aus polizeilicher Undercover-Action und ku-klux-klanscher Schwarzenverachtung bietet und dabei ausgesprochen unterhaltsam daherkommt.

Knallig und kompromisslos

Diskriminierung von Afroamerikanern: Es ist und bleibt das Kernthema des inzwischen 61-jährigen Spike Lee, eines der Wegbereiter des New Black Cinema. Der Amerikaner schaffte einst mit unabhängig produzierten Filmen über sexuelle weibliche Selbstbestimmung («She’s Gotta Have It», 1986) und eskalierende Rassenkonflikte («Do the Right Thing», 1989) den Durchbruch. Dabei zeigte sich von Anfang an, wie knallig, kompromisslos und rhythmisch Lees Handschrift ist. Und wie er afroamerikanische Talente zu fördern verstand. Heutige Stars wie Denzel Washington, Halle Berry, Samuel L. Jackson und Laurence Fishburne verdanken ihre Karrierestarts Spike Lee.

Man lacht hier über doofe Rassisten und merkt erst später, dass dies ein billiger Trick ist.

An dessen Arbeitsweise und politischer Haltung hat sich über die Jahre wenig verändert – allerdings war der Regisseur ausserhalb der USA in den letzten Jahren kaum noch ­präsent. Auf Schweizer Leinwänden waren weder seine Dokumentarfilme über Michael Jackson noch der Kriegsfilm «Buf­falo Soldiers ’44» noch das Rachefilm-Remake «Oldboy» zu sehen. Sein letztes Werk, das es hierzulande ins Kino schaffte, war der Bankraub-Thriller «Inside Man» von 2006.

Anruf beim Ku-Klux-Klan

Aber jetzt ist Spike Lee wieder da, in alter Frische und mit frischen Gesichtern: John David Washington, der Sohn von Denzel Washington, spielt die Hauptrolle in «BlacKkKlansman». Und wie sich dieser Schauspieler in die Aufgabe wirft, die sich seine Figur im Film eingebrockt hat, ist von geradezu hypnotischer Beschwingtheit. Zunächst soll dieser Ron Stallworth, auf dessen Biografie der Film beruht, die Black-Power-Bewegung bespitzeln, aber dann ruft er auf eine Zeitungsanzeige hin einfach mal beim Ku Klux Klan an – und wird prompt zum Aufnahmegespräch eingeladen.

Topher Grace (als Ku-Klux-Klan-Grand-Wizard David Duke) und Regisseur Spike Lee. Foto: Universal

Für diese Mission braucht der schwarze Polizist, der sich (wie ihm prophezeit wurde) auf dem Revier gegen einen rassistischen Sprücheklopfer wehren muss, einen weissen Stellvertreter. Er findet ihn ohne Probleme in der Person des jüdischen Polizisten Flip Zimmerman (Adam Driver), der künftig als Stallworth-Doppelgänger agiert und sich beim Ku-Klux-Klan auf Herz und Nieren prüfen lassen muss.

Messerscharf getroffen

Das alles ist von Spike Lee mit Wucht und Witz inszeniert, die wichtigen Charaktere – insbesondere jener des Ku-Klux-Klan-Grand-Wizards David Duke (Topher Grace) – sind messerscharf getroffen und glänzend gespielt. Als bildungsbürgerliches Bei­gemüse werden zudem so viele Filmzitate aufgefahren, dass man, wären sie denn flüssig, problem­los darin baden könnte. «BlacKkKlansman» beginnt mit einer Szene aus dem Südstaatenklassiker «Gone With the Wind». Als Stallworth mit der zuvor von ihm bespitzelten Studentenführerin (Laura Harrier) anbändelt, sinniert man gemeinsam über die Bedeutung des Siebziger-jahre-Blaxploita­tion-Helden Superfly für die schwarze Bewegung. Und bei einem Treffen des Ku-Klux-Klan grölt das Publikum zu Szenen aus dem rassistischen Stummfilmepos «The Birth of a Nation».

Diese fast wahnwitzige Zitierwut, die comicartige Überzeichnung und der Umstand, dass sich alle KKK-Mitglieder im Laufe des Films um Kopf und Kragen reden, sorgen im Kinosaal für beste Unterhaltung – auch und gerade wenn einem mulmig zumute wird. Doch gerade in diesem Punkt muss man Fragezeichen setzen. Ist es nötig, mit Aussprüchen wie «America First», die David Duke in den Mund gelegt werden, einen derart plumpen Bogen zur Aktualität zu schlagen? Die Schlussszene mit Dokumentaraufnahmen der rechtsextremen Demonstrationen und Gegendemonstrationen in Charlottesville 2017 hätte als Brücke in die Gegenwart gereicht.

Zu viele Knallchargen

Es sind aber vor allem die Nachlässigkeiten im Drehbuch (Spike Lee schrieb es zusammen mit Charlie Wachtel, David Rabinowitz und Kevin Willmott), die in der Summe negativ ins Gewicht fallen: Dass die Person des Ron Stallworth etwas ummodelliert und die Geschichte um einige Jahre zurückversetzt wurde – geschenkt. Das Problem ist, dass zu viele Nebenfiguren auf der Polizeistation und im Ku-Klux-Klan bloss Knallchargen sind. Man lacht über die Doofheit dieser Rassisten und merkt erst später, dass dies in dramaturgischer Hinsicht ein billiger Taschenspielertrick ist. Diese Figuren haben keine Chance, ebenbürtige Bösewichte zu werden.

Von den Fakten entfernt

Am dümmsten steht zum Ende ausgerechnet David Duke da, wenn er am Telefon erfährt, wie er von Stallworth die ganze Zeit vorgeführt wurde. Doch gerade hier entfernt sich «BlacKkKlansman» von seiner historischen Grundlage, denn dieses Gespräch hat so nie stattgefunden. Duke erfuhr erst knapp 30 Jahre später, dass Stallworth ein Afroamerikaner ist. Spike Lee bringt nun diesen Joke als Massenbefriedigung für ein Publikum, das über offensichtliche Schwachköpfe lachen soll. Das ist erstens brandgefährlich (man sollte Rassisten nie unterschätzen), und zweitens hätte das ein Filmemacher vom Kaliber eines Spike Lee nicht ­nötig gehabt.

Ab 23. August im Kino. Diverse Vorpremieren.

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