Ein Berner auf Partnersuche in Cannes

Der Berner Filmproduzent Ivan Madeo («Heimatland») weilt als «Producer on the Move» am Filmfestival in Cannes. Für zwei französischsprachige Spielfilmprojekte sucht er internationale Co-Produzenten. Wir trafen den Berner vor Ort.

«Pitchen, pitchen, pitchen»: Der Berner Filmproduzent Ivan Madeo (40).

«Pitchen, pitchen, pitchen»: Der Berner Filmproduzent Ivan Madeo (40).

(Bild: Silje Paul)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Diese Abendroben! Diese Smokingparade!» Ivan Madeo kommt aus dem Staunen nicht heraus, als er erstmals über die Croisette in Cannes flaniert. Ich treffe mich mit dem Berner Produzenten italienischer Abstammung in einem libanesischen Restaurant. Ein Dutzend kleiner Mezze-Teller steht vor uns, und der 40-Jährige schüttelt energisch den Kopf – nicht übers Essen, sondern über den Film «Barbara» von Mathieu Amalric, den er gerade gesehen hat.

«Barbara» wird eines der wenigen Werke bleiben,die Madeo in Cannes sieht, denn der Berner ist nicht zum Filmeschauen an die Côte d’Azur gereist. Sondern um eigene Filme aufzugleisen. Als einer von zwanzig europäischen «Producers on the Move» hat er hier die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Projekte zu entwickeln. Was das heisst? Madeo holt aus.

Er sei auf Einladung der Promotionsagentur Swiss Filmsbei der European Film Promotion empfohlen worden. Dort habe er – ähnlich wie beim Eurovision Song Contest – gegen Produzenten anderer Länder antreten müssen. Punkte habe es zum Beispiel für den Gewinn des Schweizer Filmpreises («Der Kreis») oder für die Aufnahme in den Wettbewerb eines A-Festivals («Heimatland», Locarno) gegeben.

Im Gegensatz zu Timebelle am ESC hat es Madeo geschafft, in den «Producers on the Move»-Final vorzustossen. Der Kellner vergisst das Wasser. Wir bestellen libanesischen Wein. Trocken.

Wie muss man sich dieses Produzentenfinalein Cannes vorstellen? «Pitchen, pitchen, pitchen», sagt Madeo. Es geht darum, andere Menschen zu überzeugen, ins eigene Filmprojekt einzusteigen. Pitchbare Zielpersonen sind vor allem ausländische Produzenten, internationale Verkäufer und Verleiher.

Madeo hat von seiner Produktionsfirma Contrast Film zwei französischsprachige Spielfilme mitgebracht, für die er in Cannes die Werbetrommel rührt: «Jeux de mains» erzählt von einer fünfzigjährigen Frau aus einer Bieler Uhrendynastie, die mit ihrem geistig behinderten Neffen eine Affäre beginnt und dabei ihr geordnetes Leben auf den Kopf stellt.

Regie führt Mauro Mueller, der mit dem Kurzfilm «Un mundo para Raúl» (produziert von Madeo) 2013 den Studenten-Oscar gewann. Das zweite Projekt heisst «Terre promise» (Regie: Léa Pool) und handelt von der Albtraumheirat zwischen einer Schweizer Karrierefrau und einem ultraorthodoxen Israeli – und deren Kampf um den gemeinsamen Sohn.

Diese Projekte versprechen happige Kost,Tabubrüche inklusive. Ob sich für schwere Kost leichter Co-Produzenten finden lassen als mit klassischen Themen? «Es geht nicht um die Schwere, sondern um die Relevanz der Stoffe», sagt Madeo. «Ausserdem stechen happige Filme aus der Masse heraus.»

Der Kellner bringt Wasser und Grillfleisch. Wir schweifen ab. Zunächst zur Berner Schauspielerin Sabine Timoteo, deren Film «Sicilian Ghost Story» zur Eröffnung der Semaine de la Critique in Cannes läuft (siehe Box unten). Dann zur Schweizer Filmpolitik, die Madeo in meh­rerer Hinsicht beschäftigt. Er ist am Cannes-Empfang des Filmfestivals Locarno Filmchef Ivo Kummer vom Bundesamt für Kultur begegnet.

Es soll zu ­Händeschütteln (beide) und Schulterklopfen (von Kummer) gekommen sein. Grund für ­Letzteres: Madeo will die seit Jahrzehnten zersplitterten Filmproduzentenverbände in der Schweiz einen, um für die digi­talen Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein.

Der Kellner räumt ab.Zeit für einen Espresso und eine letzte Frage: Was macht der Berner Filmproduzent, wenn er im Rahmen der «Producers on the Move» keine Partner findet? «Es sieht momentan gut aus. Sollte trotzdem keine Koproduktion zustande kommen, habe ich einen Plan B», sagt Madeo schmunzelnd.

«Jeux de mains» sei soeben für das Paris Coproduction Village im Juni ausgewählt worden. Das ist eine Plattform für zwölf handverlesene Filmprojekte aus aller Welt, die noch auf Partnersuche sind. Da hat es noch keine Schweizer Produktion ins Finale geschafft. Bis jetzt. Was Madeo dort tun wird? «Pitchen, pitchen, pitchen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt