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Eine filmreife Entdeckung

Der einfühlsame ­Spielfilm «Pio» erzählt vom rauen Leben eines Roma-Jugendlichen in Süditalien. Der grossartige Hauptdar­steller Pio Amato spielt dabei im Grunde sich selbst.

Authentisch: Schauspieler Pio Amato im Film «Pio».
Authentisch: Schauspieler Pio Amato im Film «Pio».
zvg

Als Jonas Carpignano vor sechs Jahren zum ersten Mal nach Kalabrien fuhr, um einen Film zu drehen, wurde ihm prompt das Auto geklaut. Zu allem Übel befand sich in dem Fiat Panda seine komplette Filmausrüstung.

Carpignano aber wusste, an wen man sich in solchen Fällen in Gioia Tauro wenden kann. Nach mehrtägigen Verhandlungen mit dem dort ansässigen Roma-Clan Amato bekam er seinen Wagen zurück.

Auf diese Weise lernte der italoamerikanische Regisseur den achtjährigen Pio Amato kennen, der seitdem in jedem seiner Filme mitspielt. Stets verkörpert Amato eine nur leicht veränderte, aber dennoch fiktive Version seiner selbst. In «Pio» übernimmt er die Titelrolle und trägt mit seinem lebhaften, authentischen Spiel entscheidend zum Gelingen bei.

Der Film erzählt eine Geschichte, wie sie Pio, der Schauspieler, vielleicht selbst hätte erleben können, wäre er seinerzeit nicht auf so filmreife Weise von Carpignano entdeckt worden.

Pio, die Filmfigur, ist ein vierzehnjähriger Rom aus Kala­brien, der schon raucht und klaut, seit er denken kann. Sein grosser Bruder Cosimo (Damiano Amato) ist zugleich sein grosses Vorbild. Als Cosimo aber genau wie der Vater im Gefängnis landet, muss Pio Geld für die Grossfamilie heranschaffen.

Eine hermetische Welt

Auf legalen Wegen versucht er es erst gar nicht. Stattdessen tut er sich mit Ayiva (Koudous Seihon) zusammen, einem Flüchtling aus Burkina Faso, der für Pio bald in die Rolle des Ersatzbruders schlüpft. Gemeinsam klauen sie, was ihnen zwischen die Finger kommt.

Dass Pio sich mit Ayiva anfreundet, passt eigentlich nicht in die vorurteilsbehaftete, hermetische Welt der Roma, die von Schwarzafrikanern ungefähr so viel halten wie von der örtlichen Polizei. Vielleicht, so scheint es, könnte Pio doch noch einen anderen Weg gehen als sein Bruder und sein Vater vor ihm.

Mit poetischem Flair

Regisseur Carpignano fängt den lärmenden, ruhelosen Alltag in der heruntergekommenen Roma-Siedlung mit pseudodokumentarischer Handkamera ein und verpasst dem trostlosen Viertel mit polternden Popsongs ein poetisches Flair.

Dabei geht ein wenig unter, dass die geschundenen, getriebenen Protagonisten nicht nur Opfer von Rassismus und sozialer Ungleichheit, sondern auch Täter sind. Recht klischeehaft steuert die Dramaturgie auf einen für Pios Zukunft richtungsweisenden Moment zu.

Letztlich fallen derlei Schwächen jedoch nicht entscheidend ins Gewicht. Zu glaubwürdig, zu aufwühlend, zu mitreissend geraten Carpignanos Einblicke in eine raue, triste und zugleich zutiefst menschliche Parallelgesellschaft, um welche die meisten ausserhalb des Kinos lieber einen grossen Bogen machen.

«Pio»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

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