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Endlich, Kinder!

Terry Gilliam zeigt in Cannes seinen nach vielen Pannen vollendeten Spielfilm «The Man Who Killed Don Quixote».

Über zwanzig Jahre Arbeit, eine Klage, ein angeblicher Schlaganfall – Regisseur Terry Gilliam hats trotzdem geschafft, seinen Film fertigzustellen. Bild: Keystone
Über zwanzig Jahre Arbeit, eine Klage, ein angeblicher Schlaganfall – Regisseur Terry Gilliam hats trotzdem geschafft, seinen Film fertigzustellen. Bild: Keystone

Was wird wohl am Samstag passieren, wenn Regisseur Terry Gilliam nach über zwanzigjähriger Produktionsgeschichte seinen endlich fertiggestellten Film «The Man Who Killed Don Quixote» als Abschluss in Cannes zeigt? Feuer im Saal, Vorführer fällt tot um?

Letzte Woche hatte das Festival vor Gericht gegen den Produzenten Paulo Branco gewonnen, der die Projektion wegen eines Rechtsstreits in letzter Minute verhindern wollte. Als diese Schlacht geschlagen war, erlitt Terry Gilliam angeblich einen Schlaganfall, wobei das inzwischen wieder dementiert wurde. Umso besser, aber erfinden kann man das alles ja eigentlich nicht. Es würde nämlich kein Mensch glauben, was 2002 «Lost in la Mancha» erzählte: Gedacht als Making-of zu Gilliams Herzensprojekt, das er damals endlich finanzieren konnte, wurde aus den Aufnahmen die Chronik eines Untergangs: Fluglärm einer nahen Nato-Basis störte die Dreharbeiten in Spanien, die Ausrüstung versoff in der Sturzflut, Quichotte-Darsteller Jean Rochefort fiel wegen eines Bandscheibenvorfalls aus, die Versicherung zog erst mal die Rechte am Drehbuch ein.

Es kann aber natürlich nur im Sinn von Miguel de Cervantes sein, dass der traurige Kämpfer Gilliam noch dann an seinen Ritter glaubt, während ringsum alle längst von den Einbildungen abgeraten haben. Jetzt hat Terry Gilliam seine Vision endlich auf Film gebannt. Der Presse wurde «The Man Who Killed Don Quixote» vorgängig gezeigt, weshalb wir offiziell bezeugen können: Es gibt den Film, er läuft und lärmt, nur besonders gut ist er leider nicht geworden.

Klamaukiges Spiel

Die Geschichte beginnt mit dem arroganten Filmregisseur Toby (der inzwischen allgegenwärtige Adam Driver), ein angebliches Genie im weissen Leinenanzug, das in der spanischen Pampa das Geld seiner nervösen Produzenten für einen offenkundig sehr schlechten Quichotte-Film verbrennt. Ganz in der Nähe hat dieser Regisseur vor einigen Jahren einen Studentenfilm mit authentischen Dorfbewohnern gedreht und dafür einen Schuhmacher (Jonathan Pryce) als Ritter von der traurigen Gestalt besetzt. Als Toby ihn wieder aufspürt, trifft er einen alten Mann, der nun tatsächlich glaubt, er sei Don Quichotte. In Toby meint er seinen Sancho Panza zu erkennen, und nun nehmen viele klamaukige Abenteuer ihren Lauf, in denen das tugendhafte Duo ein schönes Fräulein aus den Fängen eines russischen Wodkakönigs retten muss (oder eines richtigen Königs, der Wechsel ist hier der Witz). Ausserdem fallen einige Anspielungen auf Donald Trump, illegale Einwanderer und die Angst vor Muslimen mit Bärten.

Es ist ein überdrehtes Spiel um die Überzeugungskraft der Illusion, da gehts selbstverständlich ums Kino als Wunschmaschine und ums ironische Selbstbildnis des Fabulierers Terry Gilliam, der sich immer wieder lustig macht über seine vielen Quichotte-Debakel. Dass sein Film alles in allem ziemlich nervtötend herausgekommen ist, mag aber gar nicht das Wichtigste an «The Man Who Killed Don Quixote» sein. Viel wichtiger ist, dass der Traum weiterleben kann, von dem nicht nur dieser Film handelt: Dass wir romantischen Ritter in allen Windmühlen Riesen erkennen, weil man die Welt lesen muss, als sei sie ein Abenteuerroman. Kann sein, dass Cervantes damals schon einige Reflexionsstufen mehr erreicht hat als Terry Gilliam, das ewige Kind. Aber seien wir einfach mal froh, dass es diesen Film jetzt endlich gibt.

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