Es ist heiss im Paradies

Die Bernerin Fiona Ziegler studierte an der renommierten Filmschule Famu in Prag. Derzeit dreht sie in Muri für ihren ersten Langfilm – mit äusserst illustrem Cast.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Fiona Ziegler hält die halbe Berner Schauspielprominenz dazu an, sich doch trotz der Hitze etwas zu konzentrieren. Derweil schmachtet Heidi Maria Glössner tapfer, muss sich aber immer wieder in die kühlen Innen­räume der Villa zurückziehen. Dominique Jann kauert in jeder Pause in einem Flecken Schatten und schaut mit nasser Stirn gedankenverloren in Richtung Gurten.

Peter Jecklin lässt sich von einer Assistentin den Rücken mit einem Papiertaschentuch abtupfen, während Nina Bühlmann sich mit einer Schreibunterlage Luft zufächert. Ja, die Sonne brennt an diesem Vorabend erbarmungslos auf die adrett gekleidete Gesellschaft nieder – wie sie das nur selten tut in diesem Land. Sonnen- und Regenschirme sind aufgespannt, zahllose Papiertaschentücher leuchten weiss. Die Gesichter wirken ein bisschen ernster, als sie sollten.

«Lost in Paradise». So heisst der Film, der hier am Sonnenhang von Muri gerade gedreht wird. Er ist Fiona Zieglers Masterarbeit an der renommierten tschechischen Filmakademie Famu in Prag, wo sie studierte, nachdem sie bereits ein Studium der Geschichte und der inter­nationalen Politik in Genf abgeschlossen hat. Das Filmgeschäft hatte es der heute 36-Jährigen immer schon angetan. Sie war auch schon Regie­assistentin am Theater, arbeitete an Filmsets. Wahrgenommen wurde sie bereits durch einige Kurzfilme, wie etwa «Iron Cinderella» oder «God Particle», die an verschiedenen internationalen Festivals gezeigt wurden und stets gute Kritiken erhalten haben.

Zurück in die Vergangenheit

Die Dreharbeiten zu dieser schweizerisch-tschechischen Koproduktion haben bereits Anfang Juli in Prag begonnen. Seit etwas mehr als einer Woche ist die Crew nun in Bern und dreht etwa in der Soon-Galerie in der Altstadt, in der Heiteren Fahne in Wabern und eben in Muri. Fiona Zieglers Elternhaus – ein schmuckes Chalet etwas oberhalb des Muribads – ist kurzerhand zum Dreh- und Angelpunkt des Filmsets geworden. Gedreht aber wird im Nachbarhaus – einer Villa mit riesigem Garten inklusive Pool.

Es ist jetzt halb sechs Uhr abends, von der Stellprobe geht es zu «Kamera läuft» über, das heisst: Die Schatten spendenden Schirme müssen weg. Die Flucht der Schauspielerinnen und Schauspieler dazu, zwischendurch ein Flecken Schatten zu erwischen, entbehrt nicht einer gewissen Komik und scheint wunderbar zum Inhalt des Films zu passen. Nur so viel: Der Protagonist Eugen, gespielt von Dominique Jann, ist der Sohn eines tschechischen Emigranten und ist in Bern aufgewachsen, lebt nun aber in Prag ein un­stetes Leben – was so gar nicht im Sinn seines Vaters ist, der ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Heimatland hat. Eugen braucht dringend Geld, kehrt deshalb zurück nach Bern und somit in die Vergangenheit und in die Konfrontation mit seinem Vater.

Der Film scheint mit den beiden Lebenswelten zu spielen: hier die Prager-Bohème, da die Berner Bourgeoisie. Fiona Ziegler lässt sie aufeinanderprallen und geht der Frage nach, wer jetzt eigentlich wirklich auf der sonnigeren Seite des Lebens steht. Gleich­zeitig behandelt die Komödie aber auch die Emigrationsbe­wegungen nach dem brüsken Ende des Prager Frühlings, als rund 100000 Tschechoslowaken in den Westen und eben auch in die Schweiz flohen.

Berner Stars

Die Szene, die in Muri jetzt gerade gedreht wird, handelt davon, wie der Vater des Protagonisten (Ivan Poklorny) seine Zahnarztpraxis offiziell an seinen Zweitgeborenen (Andri Schenardi) übergibt. Die illustre Gesellschaft ist zum Apéro erschienen. Allzu weit entfernt von Fiona Zieglers Leben in der Schweiz scheint die Szene nicht zu sein. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, gehören neben Glössner und Jecklin etwa auch Michael Fehr, Uwe Schönbeck und Silvia Jung zum Cast, und die ehemalige National- und Regierungsrätin Elisabeth Zölch gibt eine Statistin. Fiona Ziegler erklärt diesen Umstand mit «einem guten persönlichen Netzwerk».

«Ich habe alle Filme der Tschecho­slowakischen Neuen Welle gesehen. Ich warso ein Fan. Zum Teil bekam ich Schreikrämpfe vor Lachen.»Heidi Maria GlössnerSchauspielerin

Von Heidi Maria Glössner ist zu erfahren, dass sie die Familie gut kenne, aber auch das Drehbuch sehr möge. Was auch mit ihrer Liebe zur Tschechoslowakischen Neuen Welle, den Filmen aus der Zeit der 1968er und dem Prager Frühling, zu tun hat. Schon nur der Trailer des Films erinnere sie an Filme wie «Die Liebe einer Blondine» oder «Der Feuerwehrball» von Miloš Forman oder «Ein launischer Sommer» von Ji?í Menzel aus den 1960er-Jahren, sagt Glössner. «Für mich und meine Kollegen sind 1968 vor allem die Niederschlagung des Prager Frühlings und dann eben diese genialen Filme. Ich habe sie alle gesehen. Ich war so ein Fan. Zum Teil bekam ich Schreikrämpfe vor Lachen.»

«Die symbolische und stark meta­phorische Filmsprache passtzu mir. Wenn sie dir zusagt, kom­muniziert dieser Stil mit dir undverzaubert dich.»Fiona ZieglerRegisseurin

Dass «Lost in Paradise» an diese hohe Zeit des tschechischen Films erinnert, kommt nicht von ungefähr. Die Tschechoslowakische Neue Welle war unter anderem der Grund, warum Fiona Ziegler unbedingt an die Prager Filmschule wollte, wo eben auch etwa ein Miloš Forman einst studiert hatte. Sie schwärmt vom nonchalanten Charme dieser Filme, von der Lässigkeit und Schlüpfrigkeit, die aber nie platt daherkomme. Über die Figuren, die oft liebenswerte Verlierer seien, Antihelden mit Schalk, Narren. Der Humor sei oft absurd und ironisch. «Die symbolische und stark metaphorische Filmsprache passt zu mir. Wenn sie dir zusagt, kommuniziert dieser Stil mit dir und verzaubert dich.»

Studium auf Tschechisch

Er hat sie verzaubert, und deshalb gab es für sie auch nur eine Schule, wo sie das Filmemachen lernen wollte. Von über 120 Bewerbern sind nur sechs ausgewählt worden, wie Fiona Ziegler erzählt. Sie sei die Einzige aus Westeuropa, die dort in tschechischer Sprache studiere. «Das ist ein riesiges Privileg und eine Chance für mich.» Sie hatte nach der Aufnahmeprüfung nur rund acht Monate Zeit, um in der Sprache auf das nötige B2-Level zu kommen.

Aber erst nach rund zwei Jahren konnte sie «lustig» sein in Tschechisch, wie sie das nennt. In­zwischen lebt sie seit sieben Jahren in Prag – hat aber die Heimat nicht vollständig abgelegt. Der Film erzählt deshalb auch ein bisschen ihre Geschichte. «Zu Hause bin ich, wo ich Bergluft rieche. Aber das Bohèmehafte in Prag sagt mir eben auch sehr zu.»

Noch bis Mitternacht wird an diesem Tag in Muri weitergedreht. Dieselben Szenen immer und immer wieder. Bald wird es ein bisschen kühler.

Berner Zeitung

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