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Es war einmal... ein Mensch

In «Zaunkönig – Tagebuch einer Freundschaft» erinnert der Bündner Re­gisseur Ivo Zen an das haltlose Leben eines verstorbenen Freundes. Ein persönlicher und wunderbar unaufdringlicher Dokumentarfilm.

Fast ein Jahr lang hatte Filmemacher Ivo Zen nichts mehr von seinem alten Freund Martin gehört, als er einen Brief von ihm erhielt. Er hat ihn nie beantwortet. Das Nächste, was er von Martin hörte, war, dass er gestorben war. Drogen.

Viel mehr erfährt man in Zens Film «Zaunkönig – Tagebuch einer Freundschaft» nicht über die Umstände von Martins Tod. Und die Ursachen? «Warum?» Und: «Hätten wir es verhindern können?» Im Dialog mit Freunden und Martins Mutter wirft Zens Dokumentarfilm derlei Fragen zwar auf. Aber vor allem Martins Mutter will sich nicht darauf einlassen. Und Zen insistiert nicht.

Der Bündner Filmemacher versucht nicht, den komplex­behafteten Aussenseiter, der sich für ein verkanntes Genie, einen «Zaunkönig», hielt, zum Ver­treter einer Generation Soundso hochzujazzen. Für die von Trixa Arnold und Ilja Komarov kom­ponierte Filmmusik hat «Zaunkönig» den Max-Ophüls-Preis gewonnen, weil, so die Jury, die «punkige, dreckige Gitarrenmusik (...) die Stimmung der 1990er-Jahre (...) unglaublich präsent» mache.

Dennoch handelt «Zaunkönig» nicht vom Lebensgefühl einer Dekade. Aussergewöhnlich persönlich nähert sich Zen seinem Freund an. Über Erinnerungen, Gespräche, Film- und Fotoaufnahmen, die im Bündnerland entstanden sind. Darunter ein surrealistischer Experimentalfilm, in dem Martin einen traurigen Clown spielt. Zentral sind ausserdem die lakonisch-poetischen Tagebuchaufzeichnungen des Verstorbenen, die dessen Mutter 2013, acht Jahre nach seinem Tod, veröffentlichte. Erst danach entstand Zens Film.

Der grosse zeitliche Abstand entzieht dem Werk eine emotionale Dringlichkeit, wie sie etwa Jan Gassmanns «Chrigu» auszeichnete. Stattdessen herrscht eine melancholische, keineswegs deprimierende Grundstimmung vor. Als Martin in die Drogensucht abrutscht, mahnt ihn sein Chef: «Heb di!» Martin schafft das nicht. Befriedigende Antworten auf das Warum liefert «Zaunkönig» nicht. Vieles bleibt in der Schwebe.

Dafür aber, dass gerade im ganz Persönlichen viel Allgemeines steckt, findet Zen dann doch ein wunderbar zeitloses Bild. Mit einem Freund aus den wilden Tagen reist er zur Wasserscheide, zu jenem «besonderen» Ort, an dem das Wasser auf der einen Seite in Richtung Nordsee und auf der anderen zum Mittelmeer fliesst. Je nach Wind und Wetter nimmt es mal den einen, mal den anderen Weg.

«Zaunkönig»: ab 16.2.2017 im Kino. Vorstellung mit Regisseur Ivo Zen und Produzent Hercli Bundi: Donnerstag, 16.2., 20.30 Uhr, Kino Rex, Bern. Moderation: Hans Jürg Zinsli, Filmredaktor der Berner Zeitung.

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