Fertignudeln im Orchestergraben

Sex, Drugs & Classical Music: Das harte Leben junger Musiker ist Stoff der US-Fernsehserie «Mozart in the Jungle». Sie wird von Amazon finanziert, Regie führt Paul Weitz («American Pie»).

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Pascal Blum@pascabl

Auf dem Boden dreht die leere Flasche, sie dreht und dreht. Jetzt steht sie still, was zeigt sie an? Barock. «Barock!», ruft der Mitbewohner, und Hailey spielt eine Phrase auf ihrer Oboe. Wo sind wir denn? An einer WG-Party in New York, wo junge klassische Musiker einander überbieten. Gerade läuft der Wettbewerb der Bläser, die Flasche gibt den Stil vor. Hailey würde gewinnen, brächte sie nicht der hübsche Tänzer aus dem Takt, der eben hereingekommen ist und von dem es heisst, er sei «the hottest thing at Juilliard», dem berühmten New Yorker Konservatorium.

Sie küssen sich dann, Hailey und der Tänzer. Aber später, nicht beim Flaschendrehen, da geht es um mehr: um den verspielten Wettstreit der Könner. Denn die Klassik ist ein bunter, harter Markt in der amerikanischen TV-Serie «Mozart in the Jungle», finanziert vom Allesanbieter Amazon. Die Oboistin ­Hailey verpatzt ihren Einstand in der Philharmonie, die Cellistin Cynthia schlägt sich als Mc-Jobberin durch und hetzt nach der Orchesterprobe ins Off-Broadway-Musical, wo die Kollegen schon im Graben sitzen und zwischen den Einsätzen Fertignudeln schaufeln. Und mittendrin steht Gael García Bernal als verrückter Jungdirigent Rodrigo, der als Erstes vorschlägt, das Orchester solle künftig im Dunkeln spielen.

Vorlage für die Serie waren die Memoiren der Oboistin Blair Tindall, die von sich sagt, die meisten ihrer Engagements habe sie im Bett bekommen. «Sex, Drugs, and Classical Music», der Untertitel des Buchs, ist denn auch Programm einer Serie, die unter anderem der Schauspieler Jason Schwartzman an Amazon herangetragen hat. Regie führt Paul Weitz, bekannt für die Komödie «American Pie», und ist das nicht ein schönes Gemisch?

Das Orchester im Hinterhof

Es wird da mal wieder die grosse Vereinnahmungsmaschine gefüttert, mit Kapital und Hipsterschlauheit. Und vor allem steckt in der TV-Serie die Idee des Genre­bastards Indie-Classical. Sprich: der unbekümmerten Vermählung von Independent-Kultur und Klassik. Kammer­ensembles? Schon, aber mit dem Druck und der Sensibilität einer Band. Komposition? Ja, aber als lebendiges Dokument unserer Zeit. Konzerte? Sicher, aber als Überwältigung, nicht als Ritual.

In «Mozart in the Jungle» bestellt der Dirigent sein Orchester fürs Konzert einmal in einen Hinterhof, um es durchzulüften. So soll die Klassik aus den heiligen Hallen hinauskommen und den Ruf des Bedächtigen abschütteln. Das ist auch das Selbstverständnis der Indie-Classical-Ensembles, von denen einige aus New York stammen. Sie holen die Klassik in den Alltag, verstehen sie als Lebensgroove, wie die Figuren in «Mozart in the Jungle». Sie treten an gegen die abgeblätterte Vitalität der Konzerthallen und die disziplinierte Laubsägerei der neuen Musik, der sie die rhythmische Kraft des Pop entgegenstellen.

Da treffen klassische Musiker auf Popbands wie The National oder komponiert die Sängerin Annie Clark alias St. Vincent für das New Yorker Sextett Ymusic. Im Hintergrund dieser Entwicklung stehen die Institutionen der Klassik, die jene belohnen, die bereits ­berühmt sind. Die meisten Musiker schlagen sich geradeso durch, nur wenige schaffen es nach oben. Mit dem Pop steht ihnen ein anderer, grellerer Karriereweg offen.

Eine neue Kumulusmusik

Nico Muhly etwa, Juilliard-Abgänger und Arrangeur für Björk oder Grizzly Bear, wurde zum Posterboy von Indie Classical und hätte als Figur auch gut in «Mozart in the Jungle» gepasst. Seine Komposition «Balance Problems», eingespielt vom Ensemble Ymusic, kann stellvertretend für den Klang von Indie-Classical stehen. Es sind freundlich wuselnde Töne, die sich zu einer durchleuchteten Kumulusmusik fügen. Benutzerfreundliche Klassik quasi, jenseits von Dissonanz und näher am durchhörbaren Minimalismus eines Philip Glass.

Kurz: Musik light, wie es der Komponist John Adams abschätzig ausdrückt. Oder: in Watte verpackte Klänge, ein federleichter Trost im Kapitalismus. Richtig schrecklich wird Indie-Classical aber, wenn das Schlimmste aus beiden Welten zusammenkommt. Wenn die strammen Drums des Indie-Rock in die aufgeklappten Hallräume der Minimal Music hineinplatzen wie beim New Yorker Songwriter Son Lux, der die Klassik nur noch als Fundus für Stimmung versteht.

Da ist «Indie» abermals nichts anderes als eine Konsumhilfe für eine konturlose Zielgruppe. Und «Classical» eine laute Behauptung und weniger eine Ausdruckskraft, wie sie etwa das Ensemble Wild Up aus Los Angeles besitzt. Auf seinem Livealbum «Feather & Stone» hört man gebündelten Lärm, schnaufendes Experiment, taumelnde Linien. Selbst Olivier Messiaens «Oiseaux exotiques» wird da zum Edelpunk.

Permanenter Wettbewerb

Möglich, dass solcher Populismus der Klassik nur eine neue Marktnische schafft. Dass Indie-Classical bereits wieder verdorrt ist zur Genrebezeichnung in iTunes. Aber vielleicht ist die ungezwungene Annäherung an Klassik auch eine Notwendigkeit. Und wirken die jungen Mitglieder von Wild Up und Ymusic und die Figuren aus «Mozart in the Jungle» nur deshalb so beschwingt, weil sie im Markt überleben müssen, wo die Stars alles kriegen, während der Rest sich bemerkbar machen muss. Und die Musik, die Teil des Lebens ist, macht das Leben zum permanenten Wettbewerb. Ein fröhliches Spiel, ein grausames Spiel. Die Flasche dreht und dreht – und hält immer bei den anderen.

«Mozart in the Jungle», Amazon Instant (in der Schweiz noch nicht verfügbar).

Tages-Anzeiger

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