Mitten im Minenfeld

Mit «The Hurt Locker» gelingt der US-Action-Spezialistin Kathryn Bigelow ein Hochspannungsdrama um einen tollkühnen Bombenentschärfer im Irak.

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Hans Jürg Zinsli@zasbros

Noch ein Kriegsfilm – aber was für einer: «The Hurt Locker» von Kathryn Bigelow bringt den Alltag eines amerikanischen Bombenentschärfungsteams mit solcher Heftigkeit auf die Leinwand, dass man sich mitten in der Gefechtszone wähnt. «Ich suchte bewusst nach einem Stil, der jede Distanz aufhebt», sagt die amerikanische Action-Spezialistin («Blue Steel», «Strange Days»). «Das ist das Grossartige am Medium Film. Es entführt einen an Orte, wo man nie einen Fuss hinsetzen würde.» Tatsächlich möchte man mit Sergeant Will James (Jeremy Renner) nicht tauschen. Die Bomben sind überall – unter Schutt, in Kofferräumen, manchmal sogar an Zivilisten, die um ihr Leben flehen.Für die Authentizität des Stoffes bürgt Drehbuchautor Mark Boal («In the Valley of Elah»), der 2004 als «embedded journalist» ein Entschärfungsteam durch Bagdad begleitete. Da sah er Schrecken, Leid und Tod, aber auch jene erregende Faszination, die Soldaten zu Höchstleistungen anspornt. «Krieg ist eine Droge», heisst das dem Film vorangestellte Zitat von Pulitzer-Preisträger Chris Hedges. «Wenn man sich als Soldat zehn- bis zwölfmal pro Tag in lebensgefährliche Situationen begibt», so Bigelow, «verändert das die Psyche.» Ein Heisssporn und Rebell wie Will James blüht richtig auf in dieser Hochrisikozone. Er pfeift auf Sicherheitsvorschriften, stellt einmal sogar das Walkie-Talkie ab, weil es ihn bei der «Arbeit» stört. Zu Hause bei seiner Familie ist er indes nicht einmal im Stande, Frühstücksflocken im Supermarkt einzukaufen. «Es ist, als ob der Krieg einen Teil seiner Persönlichkeit weggeschnitten hätte», sagt die Regisseurin.Kriegsverherrlichend?«The Hurt Locker» sei kriegsverherrlichend, monierten Kritiker. Dabei bilden Bigelow und Boal die Kriegsmechanik bloss so präzise ab, dass man sich fast des eigenen Adrenalinrausches im Kino schämt. «Filme, die Menschen vom Krieg abhalten, gibt es nicht», sagt Boal. Selbst Antikriegsfilme wie «Apocalypse Now» hätten Soldaten dazu benutzt, um sich für den Kampf aufzuputschen. Den Vorwurf des Patriotismus lassen die beiden ebenfalls nicht gelten: «Unser Film zeigt die Unfähigkeit der Amerikaner, auch nur ein Menschenleben zu retten.» Zudem weist Bigelow darauf hin, dass die meisten US-Filme über den Mittleren Osten in Nordafrika gedreht worden sind. «Das ist eine Beleidigung gegenüber der ansässigen Bevölkerung. Wir drehten in Jordanien, so nahe wie möglich am Irak», sagt Bigelow. Die Hitzewellen, die man im Film sieht, sind denn auch keine «special effects», sondern die Folge von anstrengenden Dreharbeiten bei 50 Grad Celsius. Keine Sicherheiten mehrBleibt die Frage, weshalb bekannte Schauspieler wie Ralph Fiennes («The Reader») oder Guy Pearce («Memento») in «The Hurt Locker» nur kurz zu sehen sind. «Um dem Zuschauer den Boden unter den Füssen wegzuziehen», sagt Bigelow. Tatsächlich stirbt der von Pearce gespielte Sergeant trotz Sicherheitsanzug bereits in der Eingangssequenz. «Ab da gibt es keine Sicherheiten mehr. Die Hauptrollen besetzte ich mit unbekannten Schauspielern, damit der Zuschauer nicht ahnt, wer überleben wird.» Wirklich wie im Krieg.

Berner Zeitung

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