Russische Hiobsbotschaft

Bildgewaltig und traurig: Das Drama «Leviathan» ist eine Art moderne Hiobsgeschichte – grossartig, sagen die einen; antirussische Propaganda, sagen die anderen.

Antirussischer Propagandastreifen oder allgemeingültige Geschichte? Über «Leviathan» streiten sich die Geister.

Antirussischer Propagandastreifen oder allgemeingültige Geschichte? Über «Leviathan» streiten sich die Geister.

(Bild: anna matveeva/tvg)

Beinahe wäre «Leviathan» doch noch ein «richtiger» russischer Film geworden. Dafür aber hätte Andrey Zvyagintsevs Drama wohl den Oscar für den «besten fremdsprachigen Film» gewinnen müssen. Das hätte, so glaubt der renommierte russische Filmkritiker Daniel Dondurei, in die aufgeheizte Debatte in Russland eine Wende bringen können. Immerhin zählt Zvyagintsev («Die Rückkehr», «Elena») zu den bedeutendsten Gegenwartsregisseuren Russlands. Für «Leviathan», der mit staatlicher Förderung finanziert wurde, erhielt er in Cannes gemeinsam mit Oleg Negin den Preis für das «beste Drehbuch».

Er hat alles, er verliert alles

Der Film erzählt die tragische Geschichte des Automechanikers Kolya (Aleksey Serebryakov), der alles hat, was man zum Glück braucht – und alles verliert. Kolya lebt mit seinem Sohn und seiner zweiten Frau Lilya (Elena Lyadova) in der Nähe von Murmansk in einem Häuschen mit Blick auf die Barentssee. Der korrupte Bürgermeister aber hat es auf sein Grundstück abgesehen. Kolya wird enteignet. Seine Klagen werden vor Gericht mit monoton heruntergeleierten Fliessbandurteilen abgebügelt. Dimitri (Vladimir Vdovichenkov), ein aufstrebender Moskauer Anwalt und ehemaliger Armeekumpel Kolyas, rät daraufhin zu «Plan B». Er will den Bürgermeister mit dessen illegalen Machenschaften erpressen. Aber nicht nur das geht schrecklich schief.

«Leviathan» ist die erste russische Produktion seit 1969, die den Golden Globe für den «besten fremdsprachigen Film» erhielt. Wäre jetzt noch der Oscar dazugekommen, dann, glaubt Dondurei, hätten die Politiker in Moskau versucht, den Streifen für sich zu vereinnahmen. So aber wettert der russische Kulturminister Wladimir Medinski, Zvyagintsev sei offenbar eher an «Ruhm, roten Teppichen und Statuetten» interessiert als an Russland. Damit liegt er auf einer Linie mit den Nationalisten, die «Leviathan» für einen antirussischen Propagandastreifen halten.

Negativer Bezugspunkt

Zvyagintsev reagiert auf solche Vorwürfe, indem er auf der Allgemeingültigkeit seiner ungeheuer kraftvoll inszenierten «modernen Hiobsgeschichte» beharrt. Doch so universell der Stoff auch sein mag, so bildgewaltig die melancholisch-spröden Aufnahmen von der brausenden See, den Klippen und dem Walgerippe am Strand auch sind, die russische Gesellschaft bleibt als (negativer) Bezugspunkt stets gegenwärtig. Und sei es beim Zielschiessen auf die Porträts ehemaliger Staatschefs. Für die derzeitigen, scherzen die Schützen, fehle es noch an «historischem Abstand».

«Leviathan»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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