Schreiben als Hochleistungssport

«Zwingli», «Der Bestatter» und noch viel mehr: Drehbuchautorin Simone Schmid hat einen Lauf. Aus ihrer Zeit als Journalistin hat sie gelernt, mit Druck zu leben.

Drehbuchautorin Simone Schmid im Gemeinschaftsatelier in Zürich-Wiedikon. Foto: Fabienne Andreoli

Drehbuchautorin Simone Schmid im Gemeinschaftsatelier in Zürich-Wiedikon. Foto: Fabienne Andreoli

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Hinter dem Schreibtisch hängen Aufnahmen der beiden Männer, die für sie eine zentrale Rolle spielen: Huldrych Zwingli und Mike Müller. Für den aktuellen Kinohit «Zwingli» schrieb Simone Schmid das Drehbuch, bei der SRF-Serie «Der Bestatter» sass sie im Writers’ Room und zeichnete für vier Folgen verantwortlich. Die 39-Jährige hat gerade einen Lauf.

Im Gemeinschaftsatelier in Zürich-Wiedikon ist es still, die Künstler und Filmschaffenden sind ausgeflogen – alle bis auf Simone Schmid. «Wenn mehrere Leute im Atelier diskutieren oder telefonieren, höre ich über Kopfhörer eine Regen-Playlist von Spotify», sagt sie. «Um zu schreiben, muss ich in einen Tunnel kommen, muss einen Zustand zwischen Entspannung und Konzentration erreichen. Manchmal fühlt sich Drehbuchschreiben für mich an wie Hochleistungssport.»

«Es braucht auch Fehlläufe in diesem Beruf. Davon kann man lernen.»Simone Schmid, Drehbuchautorin

Simone Schmid, aufgewachsen in der Region Basel, studierte in Bern Geografie und war Journalistin beim «Tages-Anzeiger» und bei der «NZZ am Sonntag», bevor sie sich 2015 als Autorin selbstständig machte. Der Journalismus hat sie geprägt: «Ich bin es gewohnt, unter Druck zu arbeiten.»

Druck gab es bei «Zwingli» reichlich. Bei der für Schweizer Verhältnisse relativ teuren Produktion (Budget: 6 Millionen Franken) waren unter anderen die reformierte Kirche und Privatsponsoren beteiligt. Bei den grossen Förderstellen (Bundesamt für Kultur, SRG, Zürcher Filmstiftung) blitzte das Projekt jedoch zunächst ab. Zu historisch, zu wenig filmisch, hiess es. Schmid nahm diesen Schuss vor den Bug als Ansporn, schrieb in drei Monaten alles um, am Ende waren zusammen mit Co-Autor und Regisseur Stefan Haupt 15 Fassungen nötig. «Wollen Sie die Drehbücher sehen? Sie liegen alle hier im Regal», sagt sie lachend.

Vier Jahre für «Zwingli»

Die Erleichterung über den Erfolg ist der Autorin anzumerken. Auf den Einwand des Historikers Valentin Groebner, dass die derbe Sprache von damals im Film zensuriert worden sei, entgegnet sie: «Schade, dass ich nicht früher mit ihm sprechen konnte. Wir wollten nichts beschönigen, ich fand Gefallen an den Derbheiten und habe viele Fluchworte im Film untergebracht. Die Vorgabe war, ein grosses Publikum zu erreichen, aber ich habe von den Produzenten nie gehört, dass man dies oder jenes den Zuschauern nicht zumuten dürfe. Wenn man mir Vorschriften macht, steige ich sowieso aus.»

Während der vierjährigen Ent­stehungszeit von «Zwingli» war Schmid auch an Projekten beteiligt, wo es zügiger und «indus­trieller» zuging, namentlich beim «Bestatter». Die Autorin erklärt: «Im Writers’ Room legt man die groben Züge fest, tauscht sich beim Ideen-Pingpong aus, ein Drehbuch muss innert drei Monaten stehen.» Schmid schrieb schon bei der 4. und 5. Staffel der SRF-Serie mit. Als sie nun für die letzte Staffel nochmals angefragt wurde, habe sie selbst gestaunt, wie schnell sie die Figuren rund um Luc Conrad wieder aus ihrem gedanklichen Regal ziehen konnte. Es sei von Vorteil, wenn man mit Schauspielern vor Augen schreiben könne.

Der Writers’ Room gilt inzwischen weltweit als Erfolgsrezept für Serien. Anders als in der Schweiz kennt man in den USA die Funktion eines Showrunners, dem alle anderen Autoren zuarbeiten. So entstand etwa «Breaking Bad». Schmid: «Die Autoren haben meinen Lieblings-Drogenboss erfunden: Gus Fring, einen distinguierten, feinsinnigen Mann, der zur Tarnung eine Poulet-Fast-Food-Kette führt. Ich liebe es, wenn Klischees so gebrochen werden.» Solche Überraschungsmomente machen ein gutes Drehbuch aus: «Was zählt, sind eigenwillige Figuren, eine elegante Konstruktion und das, was nonverbal transportiert wird. Ein Drehbuch ist viel mehr als nur Dialog.»

Die «Bestatter»-Nachfolge

Gibt es denn etwas, das die produktive Autorin nicht schreiben würde? Sie überlegt. «Einen Vampir- oder Horrorfilm würde ich vermutlich nicht machen, da ich die Genres als Zuschauerin nicht mag.» Ansonsten ist Schmids Terminkalender aber bereits wieder prall gefüllt. Zusammen mit der Regisseurin Sabine Boss sind zwei Spielfilmprojekte in Arbeit: «Manager», basierend auf dem Suizidfall des Kadermanns Pierre Vau­thier (Zurich Versicherung), ist bereits abgedreht und wird im Verlauf des Jahres in die Kinos kommen. Schmid war auf dieses Projekt aufgesprungen, als die ursprünglichen Autoren nicht mehr weiterkamen. «Es braucht auch Fehlläufe in diesem Beruf», sagt Simone Schmid, «davon kann man lernen.» 

Das zweite Projekt ist «Di schöni Fanny» nach dem Roman von Pedro Lenz. Da hat Simone Schmid eine erste Fassung geschrieben, das fertige Drehbuch soll Ende Jahr vorliegen.

Und punkto Serien? Auch da hat Simone Schmid mehrere Eisen im Feuer. Eines davon soll eine Politkomödie über eine dysfunktionale Patchworkfamilie im Wahlkampf werden. Es ist ein Projekt, das sie gemeinsam mit ihrem Partner Francesco Rizzi («Cronofobia») entwickelt. Und auch beim Wettbewerb für die «Bestatter»-Nachfolge ist sie dabei. Bis das Schweizer Fernsehen Entscheidungen fällt, wird es noch dauern, die Bewerberliste ist gross. Das nächste Projekt von Schmid wird allerdings nicht filmischer, sondern familiärer Natur sein. Im April erwartet sie mit ihrem Partner ihr erstes Kind.

«Zwingli» läuft. Woran liegt's?

Er läuft und läuft und läuft. «Zwingli» haben in der Deutschschweiz bereits über 160'000 Zuschauer gesehen. Ende März wird der Film auch in der Romandie starten. Doch warum funktioniert das Reformationsdrama so gut?

Um einen Kassenhit zu landen, müssen mehrere Faktoren zusammenspielen. «Zwingli» konnte beim Filmstart auf flächendeckende Werbung zählen, das Filmteam zeigte sich landauf, landab bei Spezialvorstellungen. Das begünstigte eine gute Mundpropaganda.

Dass der Film nicht wie andere Werke nach der Startwoche einbricht, hat aber noch andere Gründe. «Den Begriff ‹Reformation› lebendig vorgeführt zu bekommen, ist ein Versprechen, das offenbar zieht», sagt Frank Braun, Kinobetreiber in Zürich und Luzern. «Die ausgesprochen hohen Besucherfrequenzen tagsüber lassen darauf schliessen, dass der Film insbesondere Senioren anspricht.»

Starke weibliche Stimme

Edna Epelbaum, die in Bern und Biel Kinos betreibt, vermutet: «Der Film ist ein klassisches Historiendrama, aber aus heutiger Perspektive erzählt, was sich zum Beispiel an der Figur der Anna Zwingli zeigt.» Tatsächlich dürfte der Erfolg des Films nicht zuletzt darauf beruhen, dass er nicht bloss männlichen Helden huldigt, sondern auch eine starke weibliche Stimme hat.

Und was sagt der Regisseur? «Zwingli bietet eine Form der Identitätsstiftung, macht Lust auf die Geschichte unseres Landes und zeigt, wie viel von damals heute noch aktuell ist, nicht zuletzt in Bezug auf gesellschaftliche Hierarchien», meint Stefan Haupt. «Man muss nicht gläubig sein, um diesen Film zu schauen. Aber Kirche und Religion sind heute unterschwellig immer noch weit präsenter, als wir annehmen.»

Ausserdem stösst «Zwingli» über Zürich hinaus in der ganzen Deutschschweiz auf Anklang. Und zwar nicht nur in reformatorischen Stammlanden, sondern auch in katholischen Orten wie Luzern oder Einsiedeln. Das muss man erst mal schaffen. (zas)

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