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So nah war man Taylor Swift noch nie

Selbstkritisch und politisch: In der Netflix-Doku «Miss Americana» bricht die amerikanische Sängerin ihr Schweigen – und teilt aus.

Hans Jürg Zinsli
Schluss mit Schweigen: Taylor Swift im Film «Miss Americana». Foto: Netflix
Schluss mit Schweigen: Taylor Swift im Film «Miss Americana». Foto: Netflix

Sitzung mit dem Superstar. Man sieht eine Armada von aufgeklappten Laptops im Büro der Managementfirma. Ein Mann schiebt Fertigfood in sich rein, die Nervosität ist mit Händen zu greifen. Dann setzt sich Taylor Swift dazu, während sie selbst aus dem Off kommentiert: «Mit neuer Musik ist so viel Druck verbunden. Wenn es nicht besser ist als meine bisherige Arbeit, gilt es gleich als kolossaler Fehlschlag.»

Kolossal. So möchte man die Karriere einer Künstlerin umschreiben, die seit ihrem 16. Altersjahr Hit um Hit schreibt und die bis heute über 170 Millionen Tonträger verkauft hat. Zu dieser Karriere gehörte bislang auch, dass es kaum Blicke hinter die Kulissen gab und sich Swift auch nie politisch äusserte – selbst dann nicht, als sie von der amerikanischen Alt-Right als «arische Göttin» vereinnahmt wurde.

«Wenn du für die Anerkennung von Fremden lebst und das deine einzige Quelle für Freude und Zufriedenheit ist, kann eine einzelne schlechte Erfahrung alles zum Einsturz bringen.»

Taylor Swift

Ihr Schweigen bricht Swift nun in der Netflix-Doku «Miss Americana» von Lana Wilson, und sie fängt gleich bei sich selber an: «Ich wurde darauf trainiert, glücklich zu sein, wenn ich gelobt wurde», sagt sie. «Wenn du jedoch für die Anerkennung von Fremden lebst und das deine einzige Quelle für Freude und Zufriedenheit ist, kann eine einzelne schlechte Erfahrung alles zum Einsturz bringen.» Eine Anspielung auf jenen Moment von 2009, als sie bei ihrer Dankesrede an den MTV Video Music Awards von Kanye West unterbrochen und beleidigt worden war (Kanye erkärte dem verdutzten Publikum, dass Beyoncé den Preis verdient hätte).

Swift erzählt in der Folge von ihrer Magersucht und der zugehörigen Verdrängungsstrategie. Und auch, wie sie von einem Radio-DJ begrapscht wurde und vom entwürdigenden Gerichtsprozess (der DJ hatte nach seiner Entlassung gegen Swift geklagt und verlor). Das Fazit der Sängerin: «Man muss irgendwie ständig Strategien ausbrüten, wie man es vermeidet, wegen irgendwas bloss gestellt zu werden.» Dabei zeigt sich Swift, oft den Tränen nah, erstaunlich selbstkritisch: «Während meiner ganzen Karriere haben sie mir immer gesagt: ‹Ein nettes Mädchen behält seine Meinung für sich, lacht, winkt und sagt danke.› Ich wurde zu der Person, die sie haben wollten.»

Der Kampf gegen die Hardcore-Republikanerin

Aber jetzt ist Schluss damit, auch und gerade in politischer Hinsicht. Als Grund nennt Swift im Film die Mid-Term-Wahlen von 2018, als die Hardcore-Republikanerin Marsha Blackburn («ein Trump mit Perücke») aus ihrem Heimatstaat Tennessee für den Senat kandidierte: «Was mich am meisten empörte, ist, dass Blackburn gegen jedes Gesetz ist, das Frauen und LGBT vor Gewalt schützt. Und sie denkt, dass es richtig sei, dass schwule Pärchen aus einem Restaurant geworfen werden dürfen.» Da habe sie nicht länger schweigen können, obwohl ihr die eigene Plattenfirma genau das immer wieder eingetrichtert habe – mit Verweis auf die Dixie Chicks, die nach ihren kritischen Worten gegen Präsident Bush als Verräterinnen geächtet wurden.

Anders bei Swift: Sie konnte 2018 zahlreiche Erstwähler mobilisieren, jedoch nicht genug, um die Wahl von Blackburn noch zu verhindern. Handkehrum ist es gerade einer der ergreifendsten Momente, wenn Swift ihre Niederlage zunächst fassungslos realisiert, sich dann aber aufrafft und einen daran teilhaben lässt, wie sie ihren ersten politischen Song («Only the Young») schreibt. So nah war man dieser Sängerin tatsächlich noch nie.

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