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Trainspotting 2: Touristen in der eigenen Jugend

Regisseur Danny Boyle hats vollbracht: 20 Jahre nach «Trainspotting» ist die ganze schottische Kulttruppe in «T2» ­wieder vereint. Doch der Schatten des Originals ist zu lang.

Manchmal reicht eine Sekunde, und alles ist klar. Mark Renton kehrt nach 20 Jahren in seine Heimat Edinburgh zurück, weil seine Mutter verstorben ist. Das Zimmer im Elternhaus sieht aus wie damals, als er im Heroin­entzug Schüttelfrost, Halluzi­nationen und schlimme Schmerzen durchmachte.

Vorsichtigen Schrittes bewegt er sich nun durch diesen Raum mit den Eisenbahntapeten, als «Tourist in seiner eigenen Jugend», wie er später im Film bezeichnet wird. Er legt eine Platte auf, der Song beginnt, eine Sekunde, drei oder vier Schlagzeugschläge – und Mark stoppt. Er ist nicht bereit für diesen Song, diese Welt, die sich da auftut, es ist ja einiges aus dem Ruder gelaufen damals.

Wer «Trainspotting» gesehen hat, was dringend zu empfehlen ist, bevor man sich «Trainspotting T2» anschaut, erkennt sofort: «Lust for Life», Iggy Pop. Ein Stück, das mehr ist als der Soundtrack von Teil 1, es ist zu seiner Hymne geworden, 3 Minuten und 12 Sekunden lang. Eine Sekunde genügt, und es ist wieder wie vor 20 Jahren, für Mark genauso wie für den Zuschauer.

Filmischer Geniestreich

Ein filmischer Geniestreich von Regisseur Danny Boyle. Doch die Szene offenbart auch, was das Problem von «T2» ist: Einem Film, der in erster Linie eine Hommage an einen anderen ist, dem fehlt der Glaube an sich selbst. Boyle hat es geschafft, die Kultcharaktere Renton (Ewan McGregor), Spud (Ewen Bremner), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) in Originalbesetzung wieder zusammenzubringen. Er hat es nicht annähernd geschafft, mit Teil 2 aus dem Schatten des Vorgängers zu treten. «T3» ist unvorstellbar, Boyles «Trainspotting»-Mission beendet.

20 Jahre also liegen zwischen den Filmen, und doch beginnt «T2» (welch charmefreier Name) dort, wo «Trainspotting» aufgehört hat. 16'000 Pfund hatte die Truppe damals bei einem Drogendeal kassiert, doch Renton wählte am Ende den Alleingang. Er nahm das Geld und verschwand. Nun wissen wir, wohin: nach Amsterdam. Dort, genauer in einem Fitnessstudio, setzt der zweite Teil an: Ex-Heroinjunkie Mark Renton auf dem Laufband. Klischee klappt, wir haben verstanden, aus 1996 ist 2016 geworden.

Cool, aber belanglos

In Edinburgh trifft Mark, nun verheiratet und beruflich mit Lagerverwaltungssoftware beschäftigt, die alten Gefährten wieder. Sick Boy ist jetzt Simon, er betreibt ein lumpiges Pub, macht Geld mit Drogen und Prostituierten und kokst, so oft es geht. Auch Spud hängt weiter an den Drogen, und Begbie ist seit 20 Jahren im Knast. Pünktlich zu Marks Rückkehr gelingt ihm der Ausbruch, was zur Basis der Handlung wird: Begbie, der ein noch zornigeres Arschloch ist als im ersten Teil, will Rache nehmen an Mark.

Ihre erste zufällige Begegnung auf der Männertoilette eines Clubs ist köstlich. Doch während «Trainspotting» dem Zeitgeist von Cool Britannia der 90er-Jahre ein Denkmal setzte, ist in «T2» vieles bloss «Blabla fucking bla», wie Simon einmal sagt. Einigermassen cool, aber auch ziemlich belanglos.

Ob das nur am Film liegt oder auch an der Gegenwart? Boyles penetranter Einsatz von Stil­mitteln wie sogenannten Dutch Angles (schrägen Kameraperspektiven), Texteinblenden oder mitten in der Action kurz eingefrorenen Bildern macht das Ganze jedenfalls nicht besser. Im Original war das noch originell.

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