Vom Kind in uns (und in Netflix)

Beim Filmfestival in Cannes ist der Film «Okja» das grosse Thema. Nicht wegen der computeranimierten Megasau: Seine Produktionsfirma Netflix zieht die Buhrufe auf sich.

Unter Beobachtung: «Okja»-Regisseur Bong Joon-ho mit Tilda Swinton und Ahn Seo-hyun (Filmstill rechts).

Unter Beobachtung: «Okja»-Regisseur Bong Joon-ho mit Tilda Swinton und Ahn Seo-hyun (Filmstill rechts). Bild: Keystone

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Kann ein südkoreanisches Kind glücklicher aufwachsen? Okay, die Eltern von Mija (Ahn Seo-hyun) sind zwar tot. Aber ein tierisches Monstrum beschützt und wärmt und erfreut das Mädchen über alle Massen. Diese computeranimierte Megasau heisst Okja und soll nach zehn Jahren unbeschwerten Weidens zurück an den US-Genfood-Mutterkonzern. Da hat nicht nur Mija was dagegen, sondern auch die radikale Tierbefreiungsfront ALF.

Ausgebuhtes Logo

«Okja» von Bong Joon-ho ist das grosse Gesprächsthema in Cannes. Das hat weniger mit seiner karnevalesk-konfusen Ins­zenierung oder technischen Problemen bei der Erstvorführung zu tun, sondern mit der Produktionsfirma Netflix, deren Logo im Saal ausgebuht wurde. Wir erinnern uns: Netflix will «Okja» nur in wenigen Ländern in die Kinos bringen und den Film hauptsächlich auf seiner Streamingplattform auswerten.

Das brachte nicht nur die französischen Kinobetreiber, sondern auch Cannes’ diesjährigen Jurypräsidenten Pedro Almodóvar – nun ja – auf die Palme. «Es ist ein Paradox, wenn ein Film die Goldene Palme gewinnen sollte, der nicht in den Kinos gezeigt wird», mahnte Almodóvar – womit er sich selbst in eine heikle Position manövrierte. Ein Jurypräsident, der zu Beginn des Festivals einen Wettbewerbsbeitrag disst? Das hat man in Cannes noch nicht gesehen.

Tilda Swinton, die in «Okja» eine affektierte Konzernchefin spielt und den Film mitproduzierte, reagierte darauf ziemlich gelassen: «Wir sind nicht nach Cannes gekommen, um einen Preis zu gewinnen, sondern um unseren Film zu präsentieren.» Regisseur Bong Joon-ho nutzte die Gelegenheit, um Netflix als neues Eldorado für Autorenfilmer zu preisen: «Ich hatte keinen Druck, musste kein bestimmtes Genre bedienen, das Budget war beträchtlich (50 Millionen Dollar), und Netflix gewährte mir völlige künstlerische Freiheit.»

Klingt fantastisch. Bloss führt diese Freiheit in «Okja» nicht immer zum Guten: Figuren halten ellenlange Monologe über ihre Absichten, und Jake Gyllenhaal stellt als fiepsstimmiger TV-Zoologe sein nicht vorhandenes Komödientalent zur Schau.

Noch mehr Kindeswohl

Aber halt, es ginge ja eigentlich ums Kindeswohl, und da ist «Okja» nicht der einzige Wettbewerbsfilm zum Thema. In «Nel­yubov» von Andrei Zvyagintsew giftelt sich ein in Scheidung stehendes Ehepaar so lange an, bis ihr 12-jähriger Sohn spurlos verschwindet. Darauf entspinnt sich ein Drama, das sich als erschütterndes Gesellschaftsbild entpuppt: Egoismus ist die neue Mitmenschlichkeit. Während die Mutter permanent auf ihrem Smartphone rumtippt, ist des Vaters grösste Furcht, dass ihn sein frömmlerischer Chef wegen der anstehenden Scheidung entlassen könnte. Und die Polizei? Die tritt ihre Aufgabe, den Knaben zu suchen, schlicht an eine freiwillige Hilfsgruppe ab.

Das ist Kino von einer derart deprimierenden Grandezza, dass man sich nach «Nelyubov» an «Wonderstruck» von Todd Haynes wieder aufbauen muss: Hier fehlen nicht die Kinder, sondern die Eltern, worauf wir mit zwei tauben 12-jährigen Ausreissern auf Spurensuche nach New York fahren. «Wonderstruck» spielt einmal in den Siebziger- und einmal in den Zwanzigerjahren, und jede Episode hat für sich genommen ihren Zauber . Nur: Die Montage der beiden Zeitebenen wirkt gar überkonstruiert.

Man könnte auch sagen: In Cannes bleibt Luft nach oben in einem Wettbewerb, der sich bislang hauptsächlich auf die Leerstellen in Familien (und auf das Feindbild Netflix) konzentriert hat. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 17:05 Uhr

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