Was Hilary Swank Clint Eastwood verdankt

Die amerikanische Schauspielerin wurde am Locarno Festival ausgezeichnet. Sie gewährte im Gegenzug Einblicke in ihre Karriere.

Hilary Swank erhält am Locarno Festival den Leopard Club Award. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Hilary Swank erhält am Locarno Festival den Leopard Club Award. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Sie ist höflich, schlagfertig, zuvorkommend und ja, unterhaltsam. «Früher war ich der Klassenclown», sagt Hilary Swank. Das hätte man von dieser vor allem dramenbewanderten Schauspielerin nicht unbedingt erwartet. Nur einmal, da stutzt die 45-jährige US-Amerikanerin, als es um ihre Auszeichnung am Filmfestival Locarno geht. «Ich stehe ja noch mitten in meiner Karriere und denke, ein paar sehenswerte Filme habe ich schon noch auf Lager.»

Aber streng genommen ist dieser Leopard Club Award, den sie auf der Piazza Grande in Empfang nimmt, auch keine Auszeichnung fürs Lebenswerk, sondern für Filme, die in kollektiver Erinnerung geblieben sind – und Letzteres kann man im Fall von Hilary Swank zweifellos behaupten. Auch wenn zu Beginn ihrer Karriere wenig darauf hindeutete.

Der Anfang: Serien

Swanks Eltern trennten sich, als sie 15 war, worauf die Tochter mit der Grossmutter nach Los Angeles zog. Die dortige Highschool brach sie jedoch bald ab. Sie wollte Schauspielerin werden – und das glückte ihr mit Nebenrollen in TV-Serien und Hollywood-Unterhaltungsware wie «Buffy the Vampire Slayer» (1992). Die erste Hauptrolle kam mit «Karate Kid IV» (1994), doch der vom vollmundigen Produzenten versprochene Durchbruch stellte sich (noch) nicht ein.

Sie habe keine Schauspielschule besucht, sagt Swank, aber viel von Castings gelernt und ihre Auftritte in den Serien, in denen sie mitspielte, genau analysiert. Dieses Wissen kam ihr insofern zugute, als sie nach einem kurzen Gastspiel in «Beverly Hills, 90210» zwar gefeuert wurde – «ich war am Boden zerstört» –, aber nur zwei Monate später für jenen Film verpflichtet wurde, der ihr Leben verändern sollte: «Boys Don’t Cry» (1999), das biografische Drama um den Transmann Brandon Teena.

Der erste Oscar für Hilary Swank: «Boys Don’t Cry» von Kimberly Peirce. Quelle: Bing Wall

«Zum Glück erkannte ich damals nicht, wie wichtig dieser Stoff ist und wie wichtig der Film für meine Karriere wird, sonst hätte ich ihn womöglich nicht gemacht», sagt Swank. Sie war 26, als sie den Oscar für die beste Schauspielerin erhielt, und an jenes Gefühl erinnert sie sich noch heute: «Es war, als ob man mich direkt aus einer Kanone geschossen hätte.» Entsprechend stark fühlte sie sich unter Druck gesetzt, nachdoppeln zu müssen – und brachte in den Folgejahren kaum Nennenswertes zustande.

Das änderte sich erst, als Clint Eastwood Swank als Boxerin für «Million Dollar Baby» (2004) verpflichtete. Eastwood war es auch, der ihr sagte: «Man versucht zwar immer, einen Volltreffer zu landen. Aber beim Film kannst du nicht immer treffen.» Swank nahm sich dieses Motto zu Herzen und ist heute noch des Lobes voll für den Regisseur, dessen Film ihr den zweiten Oscar bescherte. Eastwood sei einer, der nicht gross um den Brei herum rede, sondern immer direkt zur Sache komme. «Im Gegensatz zu Debütregisseuren fühlt man sich bei ihm sicher und kann dann vor der Kamera alles riskieren.»

Der zweite Oscar für Hilary Swank: «Million Dollar Baby» von Clint Eastwood. Quelle: Movieclips Classic Trailers

Danach wurde es wieder ruhiger um Swank. Sie versuchte sich in vielen Genres – Liebesdramen und Komödien –, aber erst mit dem Western «The Homesman» (2014) konnte sie wieder an ihre frühen starken Rollen anknüpfen. Es folgte eine dreijährige Auszeit, in der sie ihren Vater nach einer Lungentransplantation pflegte und eine eigene Modelinie entwarf.

Bald unterwegs zum Mars

Jetzt kehrt die 45-Jährige dahin zurück, wo ihre Karriere begann – zu den Serien. Nach dem Drama «Trust» (2018) um den in den Siebzigerjahren entführten Milliardärserben John Paul Getty III wird Swank in der kommenden Netflix-Produktion «Away» eine Astronautin verkörpern, die zum Mars fliegt. «Serien lassen uns heute jene erzählerischen Freiheiten, wie es früher Independentfilme taten», sagt Swank, «bevor diese von den grossen Studios gekauft und kontrolliert wurden.» Dann stutzt sie ein zweites Mal – und sagt, was viele insgeheim denken: «Das Problem ist: Es gibt inzwischen fast zu viele Inhalte, zu viel Auswahl. Wo soll man anfangen?»

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